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Wieder Präsenzunterricht : Zurück im Leben

Yanara hat vier Geschwister, alle jünger als sie. Mit den zwei Schwestern teilt sie sich ein Zimmer. Wenn die zu sehr tobten oder sich stritten, musste sie dazwischengehen – und verpasste den Unterricht. Statt wie früher bei einer Zwei steht sie jetzt in Deutsch bei einer Drei oder Vier.

„Was wir vermisst haben“: Klassenlehrer Mirko Bingula macht ein „Schreibgespräch“ mit seinen Schülern.
„Was wir vermisst haben“: Klassenlehrer Mirko Bingula macht ein „Schreibgespräch“ mit seinen Schülern. : Bild: Frank Röth

So wie ihr sei es während der Corona-Krise vielen Geschwisterkindern gegangen, erzählt Bingula in seiner kurzen Pause zwischen Doppelstunde und Lehrerkonferenz. Die meisten hätten keinen eigenen Computer und deshalb per Handy am Unterricht teilgenommen. Einige, deren Eltern keine Strukturen vorgäben und kein Deutsch sprächen, seien bald gar nicht mehr online gegangen, egal wie sehr er sich mit Anrufen und Nachrichten darum bemüht habe. Die meisten hätten jedoch kaum Lernstoff verpasst – aber eben alles andere.

„Die Lehrer sollten Verständnis haben“

Weiter geht es mit dem Plakat „Was ich mir jetzt von meinen Mitschülern wünsche“. Yusuf sagt: „Ich hab einen Wunsch an die Lehrer! Dass die Verständnis haben, wenn wir was nicht gleich verstehen. Wir kommen aus einer schweren Zeit und müssen erst mal zurückfinden.“

Bingula: „Was heißt schwere Zeit?“

Yusuf: „Na, dass wir das noch nicht erlebt hatten: Sechs Monate lang zu Hause zu bleiben.“

Bingula: „Und wieso war das schwer?“

Maria: „Nach ’ner Zeit hat man halt seine Freunde vermisst. Und das Aufstehen war schwer.“

Bingula: „Woran lag das?“

Rima: „Weil man erst kurz vor der Konferenz aufwacht. Das ist halt anders als normal.“

Yusuf: „Früher bin ich mit meinem Kumpel zusammen zur Schule gegangen. Jetzt habe ich den Klingelton von Teams gehört morgens und habe es gehasst.“

Bingula: „Wann seid ihr denn immer ins Bett gegangen?“

Aufregung und Gelächter.

Bingula: „Wer ist denn vor 20 Uhr schlafen gegangen? Niemand? Vor 20.30? Vor 21 Uhr? Felix! Vor 21, 21.30, 22, 22.30? Vor 24 Uhr?“ Kaum jemand meldet sich. „Und dann wundert ihr euch, dass ihr müde seid?“

Yusuf: „Nein, nicht müde, aber dieses Klingeln von Teams nervt halt.“

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Bingula schnaubt gespielt empört. Auch für ihn selbst waren diese Monate hart. „Ihr hattet alle eure Kameras nicht an, außer Felix und manchmal Nina. Ich habe 22 schwarze Kästchen gesehen und wusste nicht: Seid ihr da? Hört ihr zu? Liegt ihr im Bett, schlaft ihr? Das war schwer für mich als Lehrer.“ Nach seiner Wortmeldung herrscht erst mal Stille.

Mirko Bingula kennt das schon aus dem Wechselunterricht, der drei Wochen früher losging als der Präsenzunterricht für alle. Da hätten die Kinder die erste Viertelstunde nur wortlos herumgestanden, erzählt er nach dem Unterricht. „Ich musste ganz viele Impulse setzen, dass die überhaupt wieder ins Gespräch kommen.“ Ein Junge habe gesagt: „Das ist wie im Onlineunterricht, unser Mikrofon ist ausgestellt.“

„Welche Folgen hatte diese Isolation?“

Solche Momente beschäftigen den Lehrer mehr als die Frage nach versäumtem Schulstoff. „Wir müssen jetzt erst mal schauen: Wo steht jedes einzelne Kind? Welche Folgen hatte diese Isolation, diese Abgeschlagenheit? Wie lange spürt man das noch? Viele Rituale müssen reaktiviert oder sogar neu eingeübt werden.“

Und Rituale sind wichtig in seiner Klasse, die auch ohne Pandemie, Homeschooling und Wechselunterricht eine fordernde Mischung ist: Manche werden einen Hauptschulabschluss machen, andere das Abitur. Manche sind vorlaut, andere schüchtern. Neben Felix haben drei weitere Kinder speziellen Förderbedarf. Und dann ist da noch die Pubertät: Die Jungen haben nach den Pandemie-Monaten Bartflaum und eine tiefere Stimme, und alle sind zugleich schläfrig und albern.

Mirko Bingula und seine Kollegen sind trotzdem optimistisch. Das Gerede von einer verlorenen Generation halten sie für übertrieben. Die Kinder seien von den vergangenen Monaten geprägt, aber sicher nicht verloren, sagt eine Lehrerin, vermutlich seien sie stärker geworden, mental gewachsen. Bingula hofft, dass sich nach den Sommerferien alles wieder einspielt. Das ist zwar noch fast drei Monate hin. Doch in der Pandemie vergeht die Zeit ja ohnehin ein bisschen anders als gewohnt. Am Ende der Stunde meldet sich Felix noch einmal. „Wir müssen noch wichteln“, sagt er. „Stimmt“, antwortet Bingula. „Die Wichtel-Geschenke von Weihnachten liegen immer noch im Schrank.“

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