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Lockdown-Folgen für Kinder : „Es gibt mehr Ängste“

Frust und Ängste: In einer Schule in Baden-Württemberg konnten Kinder im Februar 2021 ihre Emotionen mit Karten zeigen. Auch eine Gewitterwolke war unter den Motiven. Bild: dpa

Welchen Einfluss hatten die Lockdowns auf die Psyche von Kindern? Eine Psychiaterin berichtet von mehr Angst- und Essstörungen sowie Depressionen – und widerspricht Gesundheitsminister Lauterbach.

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          Frau Professorin Freitag, Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat in dieser Woche gesagt, die Zunahme psychischer Störungen bei Kindern sei kein Resultat des Lockdowns, sondern die Pandemie an sich sei dafür verantwortlich. Etwas anderes gebe die Studienlage nicht her. Wie sehen Sie das?

          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Diese Aussage ist so nicht ganz korrekt. Selbstverständlich haben einige Kinder und Jugendliche auch Angst vor einer Erkrankung, aber wesentlich erscheint doch der Lockdown. Die internationale Studienlage ist eindeutig: Angst- und Essstörungen sowie Depressionen haben in der Pandemie bei Kindern und Jugendlichen deutlich zugenommen. Zudem hat sich die Zeit, die Kinder und Jugendliche an Computer und Handy ­verbringen, deutlich gesteigert. Die meisten bewegen sich viel zu wenig. Hierzu gibt es bereits mittlerweile systematische Reviews und Meta-Analysen.

          Und daran sind die Schließungen von Kitas und Schulen schuld?

          Das ist die Frage: Welche Rolle haben die Kindergarten- und Schulschließungen hinsichtlich dieser Symptome? Hier gibt es mittlerweile Vergleichsstudien aus Kanada und Australien, die deutlich zeigen, dass innerhalb der Corona-Pandemie insbesondere Perioden des Lockdowns zu einem Anstieg der genannten Symptome bei Kindern und Jugend­lichen führten. Der Wegfall der Alltagsstruktur, von Bewegung und Sozialkontakten mit Gleichal­trigen ist ein klassischer Risikofaktor für Depressionen und Angststörungen; die Zunahme des Konsums sozialer Medien steht wahrscheinlich in Zusammenhang mit den erhöhten Anorexie-Raten.

          Professorin Christine M. Freitag auf einem Foto aus dem Februar 2019
          Professorin Christine M. Freitag auf einem Foto aus dem Februar 2019 : Bild: Carlos Bafile

          Die Studien, auf die sich Karl Lauterbach bezieht, sind Ihnen nicht bekannt?

          Mir ist unbekannt, von welchen Studien Herr Lauterbach spricht.

          Was sagen denn die Kinder und Jugendlichen, die Sie zur Zeit behandeln? Was belastet sie?

          Sie leiden vor allem unter Selbstwertkrisen, fehlendem Kontakt zu Freunden, Körperschemastörungen, zahlreichen Ängsten und depressiven Stimmungen.

          Kommen Sie mit der Versorgung dieser jungen Menschen noch nach?

          Da wir gleichbleibende klinische Kapazitäten haben, können wir nicht mehr Patienten behandeln, auch wenn die Nachfrage steigt. Und das, obwohl wir auch noch eine Verschiebung der Krankheitsbilder hinsichtlich des Schweregrads sehen, besonders bei Depressionen, Ängsten und Essstörungen.

          Welche Altersgruppe betrifft das besonders?

          Letztlich betrifft es alle Kinder und Jugendlichen, aber wir haben den Eindruck, dass gerade die Acht- bis Vierzehnjährigen am schwersten betroffen sind.

          Sie sagen also, es war doch der strikte Lockdown, der diese Schäden angerichtet hat. Aber eine Durchseuchung der jungen Menschen war auch keine Alternative. Was hätten Sie gemacht?

          Es wäre wichtig gewesen, Kindergärten und Schulen viel früher mit effektiven Hygienekonzepten auszustatten und so die Schließungen zu vermeiden. Da hinken wir immer noch hinterher. Und seit es die Impfung gibt, sollte auch über eine Impfpflicht für Erzieher und Lehrer nachgedacht werden. Das schützt die Kinder mit.

          Welche Maßnahmen sollten Ihrer Meinung nach im Sinne der Kinder und Jugendlichen getroffen werden, wenn Omikron nun kommt?

          Das, was ich eben vorgeschlagen habe: Hygienekonzepte, Impfpflicht für die Betreuungspersonen und viel mehr Unterstützung für Familien mit kranken Kindern oder kranken Eltern.

          Christine M. Freitag ist Professorin für ­Kinder- und Jugendpsychiatrie und ­-psychotherapie an der Frankfurter ­Goethe-Universität und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

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