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Folgen von Corona für Künstler : „Mir geht es gut, ich arbeite“

  • -Aktualisiert am

Auf dem Atlantik: Von Hamburg nach Montevideo führt die Fahrt des Frankfurter Künstlers Jan Schmidt. Bild: Jan Schmidt

Auf See, politisch, im Atelier: Die Auswirkungen der Corona-Krise treffen auch Kunstproduzenten. Nicht für jeden bedeutet die Krise das Gleiche: Wie Künstler aus Rhein-Main mit der Coronapandemie umgehen.

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          Ateliers bieten immer Raum. In Zeiten von Corona geht es Künstlerinnen und Künstlern insofern besser als Mitgliedern anderer Branchen, deren Arbeitsplatz dieser Tage geschlossen bleiben muss. Zudem könnte man meinen, dass sich die strengen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen auf ihren Alltag nicht wesentlich auswirken. Isolation, zumindest aber Einzelkämpfertum, gehören schließlich zum Berufsbild der Kunstschaffenden. Trotzdem wird auch ihnen gerade eine wesentliche Geschäftsgrundlage entzogen: Sie können ihr Werk nicht ausstellen.

          Kunstbetrachter, die gewohnt sind, dass es im Museen- und Galerien-Ballungsgebiet Rhein-Main immer irgendetwas Interessantes zu sehen gibt, müssen nun erstmals feststellen, dass dies nicht so selbstverständlich ist, wie es immer schien. Kunstproduzenten sind davon freilich viel härter betroffen. Jan Schmidt etwa bekommt die Auswirkungen der Pandemie buchstäblich am eigenen Leib zu spüren. Er befindet sich gerade auf einem Frachtschiff von Hamburg nach Montevideo. Ein Stipendium der Hessischen Kulturstiftung ermöglicht dem 1973 in Wiesbaden geborenen Bildhauer, der normalerweise in Frankfurt lebt, die Mitfahrt. Fragen nach Langsamkeit, Zeit, Raum und Bewegung, mit denen er sich an Bord künstlerisch auseinandersetzt, haben plötzlich einen ganz aktuellen Bezug. So führen die verschärften Sicherheitsvorkehrungen zu langen Wartezeiten vor den Häfen. Nach Dakar im Senegal wartet das Schiff nun seit fünf Tagen vor dem brasilianischen Vitória auf Einfahrt, „und es ist ungewiss, wie die Reise weitergeht“. Aber „mir geht es gut, ich arbeite“, schreibt Schmidt auf Whatsapp, denn „die Internetverbindung ist mangelhaft“.

          Ausstellungsabsagen und virtuelle Aktivität

          Aber auch die Daheimgebliebenen haben zu kämpfen. Annegret Soltau beispielsweise konnte ihre Ausstellung im Rahmen des Düsseldorfer Festivals „Photo Plus“ am 13. März zwar noch eröffnen, gleich danach folgte dort aber schon das Aus. Noch stärker schmerzt es sie, dass ihre erste Einzelausstellung in London, die für Mai geplant war, abgesagt werden musste. Die Darmstädter Künstlerin, die 1946 in Lüneburg zur Welt kam und für ihre um Themen wie die Familie und das eigene Ich kreisende Foto-Vernähungen überregional bekannt ist, hat auf ihrem Instagram-Account ein Foto aus der Serie „N. Y. Faces“ gepostet. Der Blick in einen Raum voller Menschen mit Mundschutz ist 2003 unter dem Eindruck der Anschläge auf das World Trade Center entstanden. Die exponentielle Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus lädt die Aufnahme mit neuer Bedeutung auf.

          Nicole Ahland musste ebenfalls Ausstellungsabsagen hinnehmen. Das Gros ihrer Projekte fällt jedoch in die zweite Jahreshälfte, so dass es noch Hoffnung auf eine Verwirklichung gibt. Der Wiesbadener Fotokünstlerin, die 1970 in Trier geboren wurde, kommt es auf die „Leibhaftigkeit des Erlebnisses“ an. Dass sie ihre stillen abstrakten Räume und Landschaften im Moment nicht ausstellen kann, führt bei ihr nicht zu verstärkter virtueller Aktivität. Zumal sie in sozialen Medien ohnehin „kaum unterwegs“ ist. Leise Zweifel, ob man sich „einen solchen Anachronismus“ noch erlauben kann, hat sie inzwischen allerdings schon.

          Positive Auswirkungen der Corona-Krise für Künstler

          In der Corona-Krise erkennt Ahland darüber hinaus eine politische Dimension. Denn die Forderung des Berufsverbands, Künstler für Ausstellungstätigkeit zu honorieren, sei nie richtig ernst genommen worden. Die Folgen seien jetzt zu spüren. Anders als bei Auftritten und Lesungen von Schauspielern, Musikern und Autoren lasse sich der Verdienstausfall bei einer abgesagten Ausstellung nicht genau beziffern. Das mache es für Künstler ungleich schwerer, einen Antrag auf staatliche Hilfe zu formulieren. Dass eine solche Unterstützung immerhin gewährt werden soll, wertet Ahland gleichzeitig als positiven Aspekt der Krise. Denn damit werde die dauerprekäre Lage ihres Berufsstandes endlich anerkannt und hoffentlich zum Anlass genommen, über eine vernünftige Altersvorsorge von Künstlern zu diskutieren.

          Sofi Žezmer indes stellt sich den gegenwärtigen Herausforderungen überwiegend gelassen. Wichtige Reisen hat die 1959 in Łódź geborene Wiesbadenerin, die regelmäßig zwischen New York und Polen pendelt, in diesem Jahr schon unternommen. Auf ihrer Agenda steht momentan ohnehin Atelierarbeit. Žezmer, die aus Alltags- und Wegwerfprodukten ebenso zarte wie widerständige Objekte und Installationen herstellt, ist ebenfalls Social-Media-Abstinenzlerin. Sie verbringt aber trotzdem viel Zeit am Computer. So arbeitet sie an ihrem ersten Video und pflegt ihr großes Netzwerk. Größere Projekte stehen auch bei ihr erst später im Jahr an. Bis dahin nutzt sie die Zeit zur Vorbereitung ebenso wie zur Vollendung eines Buches, das ihre fotografischen Arbeiten bündelt. Dem Aufeinandertreffen von Corona und Kunst kann sie durchaus Positives abgewinnen: Sie kommt öfter ins Atelier als in der Hektik des noch nicht ausgangs- und kontaktbeschränkten Alltags.

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