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Corona in Brasilien : Eine Favela steht wieder auf

Auf den Staat wartet hier niemand: Blick auf die Favela Paraisópolis, mitten in der Millionenmetropole São Paulo Bild: Thomas Milz

In Brasilien treffen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie die Armenviertel besonders hart. Doch dort hat die Bevölkerung auch gelernt, sich selbst zu helfen.

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          Eigentlich, dachte Maria das Graças Viana, hätte sie schon alles verloren. Dann kam es noch einmal schlimmer. Als ihr nach Ausbruch der Pandemie das Essen ausging, bat sie zuerst ihre Nachbarin um Hilfe – und als die ihr auch nicht mehr helfen konnte, stellte sie sich in die Warteschlange vor dem Gemeinschaftszentrum. Anstehen für eine warme Mahlzeit und ein Lebensmittelpaket. Viana, 41 Jahre alt, wohnt seit einem Vierteljahrhundert in Paraisópolis, einer der zwei größten Favelas der brasilianischen Metropole São Paulo. Sie ist eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern und sagt von sich: „Ich weiß was Armut ist.“ Doch eine solche Not wie im vergangenen Jahr habe sie noch nie erlebt. Zum ersten Mal in ihrem Leben musste sie um Essen bitten. Viana hält inne und streift sich eine Strähne ihres geglätteten, gefärbten Haars aus dem Gesicht. „Ich habe mich geschämt.“

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Mag die Pandemie für die ganze Welt eine Herausforderung sein, für Brasiliens Armenviertel ist sie besonders groß. Paraisópolis, Vianas Favela, ist ein Labyrinth. Enge, oft mehrstöckigen Backsteinhäuser, reihen sich aneinander. Abstandhalten – ist hier unmöglich. Die Bewohner leben Tür an Tür, fließendes Wasser fehlt, das Abwasser läuft in den Rinnsalen bergabwärts, in den Gassen ist es feucht. Gerade hier wäre ein gut durchdachter Plan vonnöten gewesen, um die Pandemie zu bekämpfen. Doch die Behörden hatten keinen. Umso verwunderlicher ist eine Zahl: Weniger als 60 Todesfälle musste Paraisópolis bisher beklagen, und das bei 100.000 Einwohnern. Paraisópolis steht denn auch für den Erfolg von Eigeninitiative. Auf den Staat wartet hier ohnehin niemand. Die Bewohner der brasilianischen Favelas haben gelernt, auf sich selbst gestellt zu sein. In der Krise kann das auch ein Vorteil sein.

          Straßenpräsidenten als Vermittler

          Und so profitiert Paraisópolis von sich selbst, von den eigenen Bürgerorganisationen und vom guten Zusammenhalt. Als die ersten Corona-Fälle vor etwa einem Jahr in São Paulo gemeldet wurden, rief das die Organisation „G10 das Favelas“ auf den Plan. Sie vereint Anwohnerverbände und Sozialunternehmer der zehn größten Favelas, aber auch kleinerer Armenviertel. Eine ihrer erfolgreichsten Ideen war die der sogenannten Straßenpräsidenten; Freiwilligen, die in ihren Straßenblocks in engem Kontakt mit der Bevölkerung stehen und wissen, wer wo krank ist. Sie melden die Fälle den Gesundheitsbehörden und beraten die Betroffenen. Die Straßenpräsidenten sind es auch, die, falls nötig, ein Essenspaket organisieren und Gerüchte bekämpfen. Das System hat sich während der Pandemie bewährt, in Paraisópolis wie auch in vielen anderen Favelas.

          Maria das Graças Cerqueira Viana, Bewohnerin der brasilianischen Favela Paraisópolis in São Paulo, will trotz Pandemie wieder einen Schönheitssalon eröffnen.
          Maria das Graças Cerqueira Viana, Bewohnerin der brasilianischen Favela Paraisópolis in São Paulo, will trotz Pandemie wieder einen Schönheitssalon eröffnen. : Bild: Tjerk Brühwiller

          Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie treffen die Armenviertel hart. 14 Millionen Brasilianer leben in einer Favela. In Paraisópolis verfügen 90 Prozent der Bewohner nur über ein monatliches Einkommen von umgerechnet 230 Euro oder weniger. Ein Drittel von ihnen gilt mit einem Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 80 Euro als arm. Wer arbeitet, hat oft keinen Vertrag und damit keine Sicherheit. Viele verloren schon in den ersten Wochen der Pandemie, als das öffentliche und wirtschaftliche Leben in Brasilien weitgehend zum Stillstand kam, ihre finanzielle Lebensgrundlage. Doch auch viele Angestellte mit festen Arbeitsvertrag traf es: Hausangestellte, Kindermädchen, Putzkräfte, Kellner, Fahrer, Türsteher – all jene, die ein Gehalt bekommen, mit dem man in São Paulo nur schwer durchkommt. Tausende wurden von einem Tag auf den anderen nicht mehr gebraucht. Erhebungen zeigen: Die Hälfte aller Brasilianer aus den beiden untersten Einkommensschichten haben die Hälfte ihres Einkommens oder gar mehr verloren. Von der Regierung erhielten Millionen Brasilianer bis zum Ende des vergangenen Jahres jeden Monat Direkthilfen von umgerechnet bis zu 100 Euro, so auch Viana, wenn auch nur kurz. Ob es künftig weitere Hilfen geben wird, ist offen. Der Staatshaushalt war schon vor der Pandemie arg strapaziert.

          Ohnehin reichte der Betrag nicht aus; für 100 Euro kann sich eine Person in São Paulo gerade einmal die wichtigsten Grundnahrungsmittel kaufen. Und so warten auch an diesem frühen Vormittag vor dem Gemeinschaftszentrum in Paraisópolis die Bürger auf eine warme Mahlzeit. Bis zum Mittag wächst die Schlange auf mehrere hundert Hungrige an, 800 Mahlzeiten werden es am Ende des Tages sein. Mütter und Alte haben Vorrang, viele kennen sich und ihre Geschichten. Anderthalb Millionen Mahlzeiten sind seit Pandemiebeginn an die Favela-Bewohner verteilt worden. Mittlerweile sind die privaten Spenden aber zurückgegangen – nicht alle können mehr bedient werden.

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