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Apothekerin in Corona-Krise : Nähe durch die Plexiglas-Scheibe

Apothekerin Mira Sellheim will ihren Kunden die Angst vor dem Coronavirus nehmen – aber niemals den Respekt. Bild: privat

Normalerweise kann Apothekerin Mira Sellheim ihre Kunden nicht nur mit offenen Armen, sondern auch mit gefüllten Regalen begrüßen. Die Corona-Krise ändert das – nicht nur Desinfektionsmittel und Schutzmasken werden knapp.

          3 Min.

          Mira Sellheim ist Apothekerin und kennt zum Teil ganze Familiengeschichten ihrer Kunden. Ob es nun junge Mütter, Universitätsprofessoren oder Asylbewerber sind, sie bietet ihnen allen ein offenes Ohr – und hier und da auch mal offene Arme. „Menschliche Anteilnahme macht auch einen Teil der Genesung aus“, sagt Sellheim. Doch diese Nähe zu vermeiden ist angesichts der Corona-Pandemie unabdinglich: Sellheim und ihre Kunden trennt nun eine durchsichtige Scheibe aus Plexiglas.

          Sellheim war noch ein kleines Mädchen, als sie Erich Kästners Kinderroman „Der 35. Mai“ zum ersten Mal las. Schnell wurde der Onkel des Protagonisten Konrad, der Apotheker Ringelhuth, zu ihrem großen Vorbild. Die Kinderbuchfigur legte den Grundstein für Sellheims Wunsch, später einmal als Apothekerin in seine Fußstapfen zu treten. Seit 25 Jahren ist sie selbständig, leitet heute eine Stadtapotheke mitten im hessischen Gießen und sitzt im Vorstand des Hessischen Apothekerverbands. Der Bedarf an Aufklärung über das Coronavirus in ihrem Kundenkreis ist derzeit groß. „Sie haben viele Ängste, fragen nach Desinfektionsmittel und Mundschutz“, erzählt Sellheim. Doch trotz der großen Nachfrage kann die Achtundfünfzigjährige ihren Kunden weder Desinfektionsmittel noch Mundschutze anbieten – die Produkte sind ausverkauft.

          Schutzmasken zu astronomischen Preisen

          Normalerweise seien Schutzmasken immer verfügbar. „Jetzt bekommen wir keine Schutzmasken mehr angeboten, und wenn doch, in dubiosen Mails zu astronomischen Preisen“, sagt Sellheim. „Aber solche unseriösen Angebote nehme ich nicht an.“ Eine Packung Masken, die sie auf dem Markt normalerweise für drei bis vier Euro kaufen kann, koste dort 50 Euro. Menschen, die Masken dringend brauchten – Immunsupprimierte, Kinder mit Vorerkrankungen oder Krebskranke – kann Sellheim keine Schutzmasken mehr anbieten. Ein angebrochenes Päckchen mit Masken hat sie zurückgelegt. Denn seit Jahren versorgt Sellheims Apotheke ein schwerkrankes Kind mit Arzneimitteln. Die etwa dreißig verbleibenden Masken hebt Sellheim für die Herstellung ihrer Medikamente auf.

          Auch den Verkauf von Desinfektionsmittel hat Mira Sellheim vorerst kontingentiert, will mit ihren Mitarbeiten nun selbst Desinfektionsmittel herstellen. Die Erlaubnis liegt ihrer Apotheke schon vor. Vor allem Arztpraxen, Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen wolle ihre Apotheke damit versorgen. „Die meisten Menschen können sich ihre Hände mit Wasser und Seife waschen“, sagt Sellheim, „und draußen haben die ohnehin nichts zu suchen.“

          Zulieferungsprobleme gebe es schon seit Jahren

          Hindernisse gebe es allerdings in der Beschaffung von Grundstoffen; eine Quelle für Isopropyl-Alkohol oder Ethanol musste erst gefunden werden. Schon seit Jahren gebe es Probleme mit der Zulieferung von Arzneimitteln. Irgendwie habe es durch andere Hersteller oder Packungsgrößen am Ende doch immer geklappt. „Seit einem halben Jahr stoßen wir an unsere Grenzen“, sagt Sellheim, „aber durch die Corona-Krise und die Grenzschließungen ist es noch schwieriger geworden.“

          Denn immer weniger Arzneimittel würden in Deutschland hergestellt. Der Impfstoff gegen Pneumokokken, der zusätzliche Komplikationen bei einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus vorbeugen kann, ist nicht mehr zu bekommen. „Es wäre wünschenswert, wenn ältere Menschen, aber auch junge mit Asthma, Mukoviszidose oder ähnlichen Krankheiten mit dem Pneumokokken-Impfstoff geimpft werden könnten“, sagt Sellheim.

          Für die Apothekerin bestätigt sich nun, was sie schon lange weiß: „Festgelegte Preise für verschreibungspflichtige Medikamente sind ein hohes Gut“, sagt Sellheim. In der Vergangenheit sei an vielen Stellen versucht worden, an entsprechenden Regeln zu sägen. Angesichts der jetzigen Entwicklungen müsse man nach der Pandemie auf der Preisbindung von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln beharren. Sellheim will sich gar nicht ausmalen, wie eine Pandemie ohne die Preisbindung aussehen würde. „Es darf keinen Platz geben für freie Preisbildung“, sagt Sellheim, „sonst werden Menschen in einer Pandemie-Situation ausgenommen wie Weihnachtsgänse.“

          Der Desinfektionsmittelspender in Sellheims Apotheke wurde in den vergangenen Wochen intensiv genutzt. Bis zu 30 Prozent häufiger fährt ihr Kurier Lieferungen aus, schätzt Sellheim. Denn viele Kunden bleiben nun zu Hause und lassen sich lieber am Telefon beraten. In einem Notdienst bedient die Apothekerin nach Mitternacht noch Kunden.

          Durch die Plexiglas-Scheiben hindurch bemerkt Sellheim große Unsicherheit. „Panik ist unangebracht“, sagt Sellheim, denn immerhin verlaufe die Erkrankung bei über 80 Prozent der Infizierten sehr mild. Es sei nun vor allem wichtig, Menschen aufzuklären. „Ich will ihnen die Angst vor dem Coronavirus nehmen, aber niemals den Respekt“, sagt Sellheim, „denn den muss jeder haben.“

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