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Drogenabhängige und Corona : Sie waren schon vorher gesichtslos

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Erst war es Heroin, dann Crack: Seit ihrem zwölften Lebensjahr ist Tanja Pöss drogenabhängig. Bild: Annkathrin Weis

Die Corona-Krise trifft Drogenabhängige mit voller Wucht. Tanja Pöss ist eine der Klientinnen der Integrativen Drogenhilfe in Frankfurt, die ihr Leben auch während der Pandemie weiter in den Griff bekommen wollen.

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          Ihre Lebensgeschichte sieht man Tanja Pöss nicht an. Sie trägt einen Jogginganzug mit weißen Längsstreifen an den Seiten, dazu Sportschuhe. Die Fingernägel sind akkurat in einem Lila-Ton lackiert, die blonden Haare zu einem Zopf gebunden. Seit ihrem zwölften Lebensjahr ist sie drogenabhängig. Erst war es Heroin, dann Crack. Seit Pöss vor zwei Jahren zur Integrativen Drogenhilfe „Eastside” in Frankfurt gekommen ist, hat sie ihr Leben jeden Tag ein Stückchen mehr im Griff, sagt sie.

          Im Außenbereich von Pöss' Zufluchtsstätte, dem „Eastside”, sitzen Menschen zwischen den Wegen und Bepflanzungen und unterhalten sich bei einer Zigarette, ein Mann jätet ein Beet. Neben einem Eingang des historischen Speise- und Badehauses in Frankfurt-Fechenheim steht ein Automat. Er erinnert daran, wem dieser Platz als Rückzugsort dient: Hier gibt es keine Süßigkeiten oder Heißgetränke, sondern Spritzen und Besteck.

          Wenn Gabi Becker aus dem Fenster ihres Büros schaut, blickt sie auf diesen Außenbereich. Sie leitet die Integrative Drogenhilfe Frankfurt seit 20 Jahren. Das „Eastside“ ist die größte Einrichtung des Vereins. Es wurde 1992 im Zuge des sogenannten Frankfurter Wegs eröffnet, für Drogenabhängige ist es eine der wichtigsten Anlaufstellen. Hier können sie zur Ruhe kommen.

          Unbürokratischer Zugang zu Ersatzstoffen

          Das Runterkommen ist gerade schwerer als sonst, das Coronavirus hat auch die Drogenszene hart getroffen. Bis jetzt sei zwar noch keiner ihrer Klienten, die bei der Drogenhilfe Unterstützung suchen, positiv getestet worden, sagt Becker, aber Probleme gebe es trotzdem genug. Vor allem die finanzielle Situation der Abhängigen bereitet ihr große Sorgen. „Betteln, Flaschensammeln oder Prostitution sind gerade nicht möglich“, sagt Becker. Immerhin der Schwarzmarkt wird noch bedient, auch wenn „teilweise die Preise anziehen“. Deswegen fordert Becker eine niedrigschwellig zu erreichende Substitution für ihre Klienten, also einen unbürokratischen Zugang zu Ersatzstoffen wie Methadon.

          Derzeit sind viele Abhängige nicht leistungsberechtigt, sagt Gabi Becker. Dabei wären noch Plätze in den Programmen zu vergeben. Wie es gehen könnte, zeigt das Hamburger „Drob Inn“: Dort ist es möglich, ohne viel Bürokratie an eine Substitution zu kommen – auch für Menschen ohne Krankenversicherung.

          Laut Becker bräuchte es gerade jetzt sichere Unterkünfte, auch für Erkrankte, die nicht ins Krankenhaus müssen. Ihre Schützlinge sind durchschnittlich 43 Jahre alt, doch das biologische Alter ist oft höher. Ihre Körper sind von Krankheiten und Drogenkonsum gezeichnet.

          An einer Theke geben Mitarbeiter sauber Besteck aus. Jährlich werden hier bis zu 15.000 Konsumvorgänge gezählt.
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          „Der Zugang zu sanitären Einrichtungen ist erschwert und viele Entgiftungskliniken im Rhein-Main-Gebiet nehmen keine neuen Patienten auf“, sagt Becker. Gleichzeitig habe die Entlassung von Häftlingen aus Gefängnissen das „Eastside“ vor große Probleme gestellt. Innerhalb kürzester Zeit seien etwa zehn ihrer Klienten aus der Zelle auf die Straße gesetzt worden. Becker findet das verantwortungslos.

          Das Ministerium für Arbeit und Soziales hat ein Papier zu Arbeitsschutzstandards herausgegeben. Die Anweisungen irritieren Becker: „Sind das jetzt Maßnahmen oder Empfehlungen?“ Abgesehen von dieser Frage seien Schutzstandards, wie etwa die ausschließliche Vergabe von Einzelzimmern, nicht umzusetzen: „Wenn ich nur Einzelzimmer vergebe, muss ich drei Viertel der Leute auf die Straße setzen. Das mache ich nicht.“ Die Stadt Frankfurt arbeitet an den Standards, damit sie für die Realität in der Sozialarbeit anwendbar sind. An der Ausarbeitung sind auch die Drogenhilfe und andere soziale Einrichtungen beteiligt.

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