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Kölner Karnevalist über Absage : „Hier herrscht tatsächlich Trauer“

Die Stadt Köln setzt zur Absage des Karnevals auf eine Kampagne, um Feiern zu verhindern. Bild: Picture-Alliance

Ohne Corona wäre am Mittwoch Sessionsauftakt: Der Kölner Karnevalist Christoph Kuckelkorn über die soziale Bedeutung des Karnevals – und warum die Absage aller Festivitäten trotz allem richtig ist.

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          Herr Kuckelkorn, am Mittwoch wäre Sessionsauftakt. Aber weil Karneval und das tückische Coronavirus nicht zusammengehen, muss der Elfte im Elften diesmal ausfallen. Zerreißt das einem echten kölschen Jecken nicht das Herz?

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Absolut! So richtig kann man das noch gar nicht fassen. Ich persönlich werde am Mittwoch ganz still und nachdenklich in der Stadt sein, um zu erleben, was passiert und was wir aufgeben. Aber es gibt ja Möglichkeiten, den 11.11. zu Hause digital zu verfolgen. Wir vom Festkomitee werden uns mit einem Livestream und einer Sendung des Westdeutschen Rundfunks ins Zeug legen. Zu Hause oder im Büro kann man so vielleicht doch ein bisschen Fastelovend miterleben. Denn dieses Gefühl ist für uns Kölner lebenswichtig. Die Menschen haben so Sehnsucht, wieder zusammenzukommen. Sie haben Sehnsucht nach Konstanten, die auch in schwierigen Zeiten gelten. Da hat der Karneval eine ganz große Aufgabe.

          Der Sessionsauftakt wurde Ende Oktober ja nicht nur abgesagt, die Stadt Köln hat auch eine großangelegte Narren-Vergraul-Aktion unter dem Motto „Diesmal nicht“ gestartet und Versammlungs- und Alkoholverbote ausgesprochen. Wird das funktionieren?

          Wir sind sehr einverstanden, dass die Stadt das macht. Im Karneval ist es schwierig, auf Abstand zu bleiben. Wir waren deshalb schon seit längerem dafür, nicht nur den Sessionsauftakt, sondern auch jegliche Festivität an diesem Tag in Köln abzusagen, weil es sonst sehr schwer ist, die Lage im Griff zu behalten. Kaum zu ertragen ist das alles trotzdem.

          All das, was Karneval ausmacht, geht nicht: ausgelassen singen, schunkeln, bützen. Gibt es Fastelovend-Formen, die doch möglich sind? Stilles Jecksein, Jecksein auf Distanz?

          Natürlich! Jeder für sich wird seinen Karneval zelebrieren können. Es gibt Vorbilder: In den fünfziger und sechziger Jahren zog man sich schick an und setzte sich mit einem Käseigel, Mettbrötchen, Chips und Kölsch vor den Fernseher. So kann man das jetzt machen: Man kostümiert sich und erlebt den Karneval, wie er eben leider dieses Jahr nur möglich ist. Aber neben dem lauten und brachialen Karneval gab es immer auch den stillen, den sozialen Karneval, der unglaublich viele Aufgaben wahrnimmt. Mehr als 40 Prozent der Auftritte des Kölner Dreigestirns finden in sozialen Einrichtungen, in Altenheimen, in Hospizen, in Kinderkliniken statt. Gerade an diesen Orten ist der Karneval lebenswichtig, denn die Menschen warten darauf. Für sie ist es elementar, Zuversicht und Hoffnung zu bekommen, eine positive Grundstimmung, ein paar Minuten von ihren Sorgen, von ihrer Krankheit abgelenkt zu werden. Das werden das Dreigestirn und das Kinder-Dreigestirn auch in dieser Corona-Session machen: den Menschen nah sein, soweit es geht, um ihnen auf Distanz Hoffnung zu geben.

          Mit Maske: Christoph Kuckelkorn, Präsident des Festkomitees Kölner Karneval,
          Mit Maske: Christoph Kuckelkorn, Präsident des Festkomitees Kölner Karneval, : Bild: dpa

          Ist mit dem 11.11. eigentlich schon der ganze Karneval abgesagt? Was ist mit Altweiber, was ist mit Rosenmontag?

          Wir müssen die Lage sehr aufmerksam und differenziert beobachten. Nach aktuellem Stand der Infektionslage wird gar nichts möglich sein. Und den Rosenmontagszug als Massenveranstaltung wird es keinesfalls geben, das steht schon fest. Die Züge sind von der nordrhein-westfälischen Landesregierung bereits vorsorglich abgesagt worden. Aber kleine karnevalistische Kulturveranstaltungen mit vielleicht 50 Personen könnten im Laufe der Session bei einer verbesserten Lage vielleicht doch wieder möglich werden. Auch sie wären überlebenswichtig. Denn der Karneval ist auch im Kulturleben der Stadt ein wichtiger Faktor. Hunderte Künstler haben im Karneval ihr Auskommen, manchmal sogar ihr ganzes Jahresauskommen. Deshalb wäre es sehr wichtig, dass wir Spielorte bilden, wo im kleinen Kreis doch Menschen zusammenkommen, sich aber natürlich nicht in den Armen liegen und feiern. Vielleicht ist so etwas wie ein kleiner, nachdenklicher Karneval möglich. Als der Karneval in der Nachkriegszeit wieder entstanden ist, gingen die ersten Züge durch die Trümmer. Darunter lagen Tote, die noch nicht geborgen waren. Vielleicht kommen wir wieder in eine demütige Haltung des Karnevals. Ein Karneval, der leise daherkommt und gerade deshalb die Menschen mitnimmt. Jeder Verein ist aufgerufen, sich zu fragen: Was ist das Zentrum unseres Tuns, was macht uns als Verein aus? Und wie kann ich das unter Corona-Bedingungen zelebrieren?

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