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Virtuelle Gottesdienste : Wo immer Sie sind, singen Sie mit!

  • -Aktualisiert am

Setup für Gottesidenst-Livestream in Wilhelmsburg. Bild: Malte Detje

In der Krise suchen die Menschen Zuspruch, das Coronavirus verlangt nicht nur dem Körper viel ab. Da wird die Seelsorge der Kirchen mehr denn je gebraucht. Die digitale Technik bietet hier große Chancen.

          6 Min.

          Eigentlich dröhnt die Orgel in der katholischen Kirche St. Peter und Paul in Oesede über die Köpfe der Gemeinde hinweg. 3284 Pfeifen, 40 Register, 3 Manuale. Der Klang wird übertragen in das Alten- und Pflegeheim St. Josef, das gegenüber der 1906 errichteten Kirche liegt. Hier können die Alten und Kranken, die den Weg ins Kirchengebäude nicht mehr schaffen, per Videoaufnahme am Gottesdienst teilnehmen. Doch jetzt schweigt die Orgel, die Kirche bleibt vorerst geschlossen – wegen des Coronavirus. Die Kirchen-Fernseher im Heim, sie bleiben schwarz.

          Die Frage, wie die Kirchen mit der Digitalisierung umgehen, ist schon lange eine brennende. Doch durch den Ausbruch des Coronavirus bekommt sie eine neue Dringlichkeit, mit der wohl keiner rechnen konnte. Nun zeigt sich, welche Gemeinden zur Erfüllung ihres Auftrags auf etablierte Digital-Strukturen zurückgreifen können und welche improvisieren müssen – wenn sie überhaupt etwas unternehmen. Denn vielerorts bleiben die Kirchen geschlossen. Viele Gläubige haben Angst, in dieser angespannten Situation keine religiöse Unterstützung zu finden. Taufen oder Trauungen müssen verschoben werden. Ausnahmezustand.

          Sonntag, der 15. März. Die letzten Vorbereitungen werden getroffen, das Klavier spielt schon, Blätter werden sortiert. Es sind 180 Menschen zugegen, warten darauf, dass der Gottesdienst in der evangelischen Beller Kapelle der Lippischen Landeskirche losgeht. Dann tritt der Pastor auf – mit einem iPad in der Hand. „Auch für uns ist das ein neues Format, Gottesdienst ohne Menschen“, sagt er. Die 180 Menschen, sie sitzen gerade zuhause vor ihren Bildschirmen. Der Gottesdienst wird als Livestream auf Youtube ausgestrahlt.

          Zoom auf den Pastor

          „Wo auch immer Sie sind, singen Sie mit“, fordert der Pastor, nennt die Seiten im Gesangbuch. Gerade noch grüßten sich die Menschen auf Youtube gegenseitig im Chat: Grüße aus Berlin, Detmold, Hannover. Dann eine Frage: Könnte man die Texte nicht als Untertitel einblenden? Dann könnten auch die mitsingen, die kein Gesangbuch daheim haben.

          Josephine Teske, Pastorin aus Schleswig-Holstein, kommuniziert jetzt digital.

          Wolfgang Loest möchte auf die Vorschläge eingehen, die im Chat gemacht wurden. Der 37-Jährige ist Pfarrer für Soziale Medien und Digitalisierung der Lippischen Landeskirche. Er hat den Livestream an diesem Sonntag eingerichtet, saß am Mischpult: von der Nahaufnahme zurück zur Gesamtansicht und dann ein Zoom auf den Pastor am Klavier. Für ihn war das nicht sein erster Gottesdienst im Livestream. „Ich habe schon Messen mitorganisiert, in denen User sich direkt beteiligen konnten, etwa bei den Fürbitten oder auch bei der Predigt.“ So hätten die Zuschauer vor den Bildschirmen beispielsweise Fragen stellen können, auf die der Priester dann in der Predigt einging. Die digitalen Strukturen waren schon vor Corona da.

          „Aber an dem Sonntag war das schon nochmal aufregender, auch weil das Publikum größer war“, sagt Loest. Zu Spitzenzeiten haben 220 Menschen zugeschaut, insgesamt wurde das Video knapp 1400 Mal abgerufen. „Corona hat uns überrascht. Wäre es einen Monat später passiert, wären wir deutlich besser vorbereitet“, sagt Loest. Denn gerade erst seien neue PTZ-Kameras bestellt worden, die schwenkbar sind. Nach dem Gottesdienst sei er alle Kommentare auf Youtube durchgegangen, ebenso auf Instagram, Twitter und Facebook, wo er Werbung gemacht hatte. „Es waren einige Namen dabei, die ich kannte, aber die meisten waren mir fremd“, sagt er und hofft, dass Gottesdienste im Livestream mit Interaktion der User zukünftig noch häufiger stattfinden – gerade für Menschen, die sonst kaum eine Kirche betreten würden. „Wenn man sonntags um 10 noch den Schlafanzug anhat, ist das auch ok.“

          Malte Detje hatte am Samstag zuvor alle Hände voll zu tun. Am Freitagabend war klar, dass kein Gottesdienst mit Gemeinde mehr würde stattfinden können. „Den Samstag über habe ich überlegt, wie wir den Menschen dennoch einen Gottesdienst geben können“, sagt der 32-Jährige, der seit drei Jahren Pastor in Hamburg ist. Kurzentschlossen brachte er einen Selfiestick an, nahm sein iPhone, lud Streaming-Software herunter und probierte sie aus – mit dem Mobilfunkstandard LTE; in der Kirche gibt es kein W-Lan. „Es war kein Hochglanz-Stream, sondern eher der Pastor von nebenan“, sagt er.

          Es sei ihm darum gegangen, überhaupt etwas zu machen. Die Menschen auch jetzt noch zu erreichen, da sie sich nicht mehr bei ihm in der Kirche versammeln können: „Für mich ist Kirche auch Experimentieren.“ Seit zweieinhalb Jahren betreibt er einen Podcast, lädt alle paar Wochen eine neue Predigt hoch. „Ich habe eine Affinität fürs Digitale; darum fällt mir das Ausprobieren sicher einfacher als vielen anderen“, sagt er. Während des Gottesdienstes, so berichtet Detje, haben ihn Bilder von Menschen erreicht, die zusammen am Frühstückstisch saßen und den Stream schauten. Eine andere Art von Gemeinde.

          Es scheint ein Paradoxon: Gerade jetzt ist es wichtig, die alten Menschen zu erreichen, die zur Risikogruppe des Coronavirus gehören, die vielleicht besonders isoliert sind oder unter starker Angst leiden. Doch viele dieser älteren Menschen kennen sich nicht mit dem Internet aus; es sind vor allem die Digital Natives, die auch das Internet als Ort des Glaubens gestalten.

          Es geht nicht mehr darum, Bänke zu füllen

          Die evangelische und katholische Kirche, sie haben ein Problem: Die Bänke bleiben immer öfter leer. Allein 2018 sind 436 078 Menschen aus den Kirchen ausgetreten, etwa gleich verteilt auf beide Konfessionen. Und so stellt sich auch die Frage: Gilt es nur, die Bänke in den Kirchengebäuden zu füllen – oder kann Kirche auch digital erlebt werden?

          Als Volksfrömmigkeit werden die Bräuche und Riten bezeichnet, die gläubige Laien praktizieren, die jedoch nicht durch die heiligen Schriften legitimiert sind oder außerhalb der Liturgie stattfinden. Im Mittelalter waren das etwa Reliquienanbetungen oder Votivgaben. Diese Art der Frömmigkeit hat eine lange Tradition – und findet heute auch im Digitalen statt. So finden sich etwa jeden Abend um 21 Uhr User auf Twitter unter dem Hashtag #twomplet zusammen und sprechen gemeinsam das Abendgebet – als Tweets. Eine siebenfache Mutter aus Chicago hat den Instagram-Account „One hail mary at a time“ gegründet, unter dem täglich der Rosenkranz gebetet wird – und Tausende machen mit.

          „Im Internet gibt es viele Menschen, die sich religiös betätigen“, weiß Viera Pirker, 42, katholische Theologin, die an der Universität Wien über „Religiöses Lernen im Horizont der Digitalität“ forscht. Es seien dramatische Zeiten: „Die Frage sollte gerade nicht nur sein, ob wir noch alle Lebensmittel bekommen, sondern auch: Wie kann Oma nun den Gottesdienst sehen und hören?“ Sie fürchtet eine soziale Vereinzelung gerade von älteren Menschen. „Dabei ist der Gottesdienst gar nicht der wichtigste Aspekt. Auch Glaubensleben und die Seelsorge können stärker im Digitalen begleitet werden“, fordert sie. Sie schaut gespannt auf die evangelischen Gemeinden, wo es viele Akteure gibt, die jetzt rasch Livestreams und Podcasts initiieren.

          Die katholische Kirche scheint da zurückhaltender. „Das hat wohl verschiedene Gründe: Es gibt weniger individuelle Menschen, die sich fürs Digitale einsetzen“, sagt Pirker. Dadurch, dass der Katholizismus in der Öffentlichkeit als stark hierarchisch wahrgenommen werde, sei die Experimentierfreudigkeit da wohl geringer. Aber auch: „Zur Liturgie der katholischen Kirche gehört zentral das Sakrament, die Eucharistie etwa. Die kann ohne anwesende Gemeinde eigentlich nicht abgehalten werden.“ Und das Sakrale der katholischen Kirche, die Orgel, der Weihrauch, das alles könne per Livestream nicht adäquat übersetzt werden: „Mein 87-jähriger Vater hat ein iPad, ich habe ihm einen Link zu einem Livestream des Bischofs zugesendet; ob er das Angebot wirklich wahrnehmen wird – da bin ich mir nicht sicher.“

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          Es gibt sie schon, die Angebote der katholischen Kirche. Beispielsweise bietet die Diözese Rottenburg-Stuttgart einen Livestream und Online-Kurse zum Thema Glauben an. Hier ist eindeutig das Bestreben zu erkennen, durch das Internet mehr Menschen zu erreichen. Doch wie sollen sich gerade die älteren Menschen verhalten, denen der Gottesdienst und die Gemeinde nun wegen des notwendigen Abstandhaltens fehlt? Seitens der Diözese heißt es: „Seien Sie autonome Christinnen und Christen und feiern Sie in den Häusern und Wohnungen, wie es die ersten Christen auch gemacht haben.“

          Derweil hat die evangelische Pastorin Josephine Teske kurzerhand die Instagram-Seite herz.netz.werk gegründet, auf der Menschen sich mit Liedern, Gebeten oder Fragen rund um Religion und Glauben einbringen können. „Mir kam der Gedanke spontan. Ich war traurig, dass wir nun keine Gottesdienste mehr feiern können, und habe mich gefragt, wie man dennoch eine Gemeinschaft herstellen kann“, sagt die 33-Jährige. Nach drei Tagen hatte die Seite schon über 3000 Abonnenten, und Teske erreichen viele Nachrichten von Menschen, die einen Beitrag leisten wollen. „Es melden sich auch Menschen, die eigentlich nicht gläubig sind – das ist doch schön“, sagt sie. Abgesprochen habe sie das mit der Landeskirche nicht: „Wenn man die Institution mit einschaltet, wird es sofort institutionell.“

          Der Pastor als virtueller Avatar im Videogottesdienst

          Micha Steinbrück ist einer von zwei Internet-Pastoren der Hannoverschen Landeskirche; seit drei Jahren unterstützt er Kirchengemeinden in der Digitalisierung. Stellt etwa Tools bereit, mit denen Internetseiten gebaut oder Newsletter erstellt werden können. Er selbst lädt privat regelmäßig Videos auf Youtube hoch, in denen er religiöse Symbole in Videospielen bespricht. „Ich habe schon an einem VR-Gottesdienst teilgenommen, in dem der Pastor ein virtueller Avatar war“, sagt der 36-Jährige.

          Momentan überschlagen sich die Anfragen an ihn: Viele evangelische Gemeinden wollen ihren Gottesdienst nun unter den Prämissen der Pandemie ins Internet übertragen. Doch denkt Steinbrück schon einen Schritt weiter: „Seit Jahren stelle ich schon die Frage, wie weit wir im Digitalen eigentlich gehen können“, sagt er. Ist etwa jemand, der in Virtueller Realität getauft wurde, wirklich getauft? „Wer wäre ich, das jemandem abzusprechen?“

          Gerade sind die Kirchen von Antworten auf solche Fragen wohl weit entfernt. Wie es aussieht, werden viele Menschen auch in den kommenden Wochen und Monaten keinen Gottesdienst in einer Kirche erleben können – und das gilt natürlich auch für Moscheen und Synagogen. Doch vielleicht hat dieses Coronavirus ja doch auch eine positive Seite für gläubige Menschen: So schnell sie nun auch errichtet werden, die digitalen Strukturen in den Kirchen, vielleicht bleiben sie auch nach dem Virus stehen – und werden weiter ausgebaut.

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