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Virtuelle Gottesdienste : Wo immer Sie sind, singen Sie mit!

  • -Aktualisiert am

Malte Detje hatte am Samstag zuvor alle Hände voll zu tun. Am Freitagabend war klar, dass kein Gottesdienst mit Gemeinde mehr würde stattfinden können. „Den Samstag über habe ich überlegt, wie wir den Menschen dennoch einen Gottesdienst geben können“, sagt der 32-Jährige, der seit drei Jahren Pastor in Hamburg ist. Kurzentschlossen brachte er einen Selfiestick an, nahm sein iPhone, lud Streaming-Software herunter und probierte sie aus – mit dem Mobilfunkstandard LTE; in der Kirche gibt es kein W-Lan. „Es war kein Hochglanz-Stream, sondern eher der Pastor von nebenan“, sagt er.

Es sei ihm darum gegangen, überhaupt etwas zu machen. Die Menschen auch jetzt noch zu erreichen, da sie sich nicht mehr bei ihm in der Kirche versammeln können: „Für mich ist Kirche auch Experimentieren.“ Seit zweieinhalb Jahren betreibt er einen Podcast, lädt alle paar Wochen eine neue Predigt hoch. „Ich habe eine Affinität fürs Digitale; darum fällt mir das Ausprobieren sicher einfacher als vielen anderen“, sagt er. Während des Gottesdienstes, so berichtet Detje, haben ihn Bilder von Menschen erreicht, die zusammen am Frühstückstisch saßen und den Stream schauten. Eine andere Art von Gemeinde.

Es scheint ein Paradoxon: Gerade jetzt ist es wichtig, die alten Menschen zu erreichen, die zur Risikogruppe des Coronavirus gehören, die vielleicht besonders isoliert sind oder unter starker Angst leiden. Doch viele dieser älteren Menschen kennen sich nicht mit dem Internet aus; es sind vor allem die Digital Natives, die auch das Internet als Ort des Glaubens gestalten.

Es geht nicht mehr darum, Bänke zu füllen

Die evangelische und katholische Kirche, sie haben ein Problem: Die Bänke bleiben immer öfter leer. Allein 2018 sind 436 078 Menschen aus den Kirchen ausgetreten, etwa gleich verteilt auf beide Konfessionen. Und so stellt sich auch die Frage: Gilt es nur, die Bänke in den Kirchengebäuden zu füllen – oder kann Kirche auch digital erlebt werden?

Als Volksfrömmigkeit werden die Bräuche und Riten bezeichnet, die gläubige Laien praktizieren, die jedoch nicht durch die heiligen Schriften legitimiert sind oder außerhalb der Liturgie stattfinden. Im Mittelalter waren das etwa Reliquienanbetungen oder Votivgaben. Diese Art der Frömmigkeit hat eine lange Tradition – und findet heute auch im Digitalen statt. So finden sich etwa jeden Abend um 21 Uhr User auf Twitter unter dem Hashtag #twomplet zusammen und sprechen gemeinsam das Abendgebet – als Tweets. Eine siebenfache Mutter aus Chicago hat den Instagram-Account „One hail mary at a time“ gegründet, unter dem täglich der Rosenkranz gebetet wird – und Tausende machen mit.

„Im Internet gibt es viele Menschen, die sich religiös betätigen“, weiß Viera Pirker, 42, katholische Theologin, die an der Universität Wien über „Religiöses Lernen im Horizont der Digitalität“ forscht. Es seien dramatische Zeiten: „Die Frage sollte gerade nicht nur sein, ob wir noch alle Lebensmittel bekommen, sondern auch: Wie kann Oma nun den Gottesdienst sehen und hören?“ Sie fürchtet eine soziale Vereinzelung gerade von älteren Menschen. „Dabei ist der Gottesdienst gar nicht der wichtigste Aspekt. Auch Glaubensleben und die Seelsorge können stärker im Digitalen begleitet werden“, fordert sie. Sie schaut gespannt auf die evangelischen Gemeinden, wo es viele Akteure gibt, die jetzt rasch Livestreams und Podcasts initiieren.

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