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Schulen und das Coronavirus : „Jetzt keinen Schüler zurücklassen“

Leerer Schulhof: Wegen der Corona-Pandemie bleibt das Adorno-Gymnasium geschlossen. Bild: Cabrera Rojas, Diana

Die Schulschließung könnte einigen Kindern besonders schaden. Wie das Frankfurter Adorno-Gymnasium das verhindern will, erklärt Direktor Mathias Koepsell.

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          Manche Eltern meinen, die Schulen müssten ihren Lehrplan trotz Corona-Krise durchziehen wie gewohnt, jetzt eben nur online. Ist das realistisch?

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nein. Es gibt Familien, die zu Hause keinen PC oder keinen funktionierenden Drucker haben. Viele Kinder haben kein eigenes Zimmer, in dem sie ungestört arbeiten können. Auch die meisten Schulen sind in ihrer digitalen Entwicklung noch nicht so weit, wie es vielleicht wünschenswert wäre.

          Manches funktioniert doch auch analog. Lesen und Schreiben zum Beispiel. Wie wäre es denn mit der einfachen und teilweise ja auch praktizierten Lösung, dass die Lehrer Aufgaben aus den Schulbüchern stellen und die Kinder ihre Ergebnisse dann per Handy-Foto oder Post zur Schule schicken?

          Das sind dann traditionelle Hausaufgaben. Die haben auch wir in der ersten unterrichtsfreien Woche klassen- und fächerweise auf unsere Homepage gestellt. Aber das ergibt auf längere Sicht keinen Sinn. Hausaufgaben dienen der Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, der momentan und vermutlich noch einige Wochen eben nicht stattfinden kann.

          Positives Feedback: Das Adorno-Gymnasium hält über Facebook Kontakt mit den Schülern und Eltern.

          Hängt der Lernerfolg zu Hause nicht auch zu stark davon ab, welche Unterstützung die Eltern leisten können und wollen?

          Ja. Wenn wir einfach im Lehrplan weitermachen würden, dann kämen manche Kinder in einen Rückstand, den sie nachher nicht mehr aufholen könnten. Da wären auch Schüler dabei, von denen wir sicher glauben, dass sie abiturfähig sind. Das wollen wir nicht verantworten. Es ist ganz wichtig, dass wir in der jetzigen Situation keinen zurücklassen.

          Welche Lösung hat das Adorno-Gymnasium gefunden?

          Die Konzeption einer Beschulung ohne real stattfindenden Unterricht ist für uns alle Neuland. Das ganze Kollegium hat sich deshalb zusammengesetzt und einen etwas ungewöhnlich erscheinenden Weg gefunden. Dabei sind wir davon ausgegangen, dass zwar nicht überall Desktop-Computer und Drucker vorhanden sind, aber alle ein Smartphone haben und so problemlos auf unsere Homepage gelangen können.

          Die Schüler sollen also mit ihrem eigenen Smartphone den Kontakt zur Schule halten?

          Ja, denn wir wollen die Eltern nicht als Kommunikator für die von den Kindern zu erledigenden Aufgaben einspannen. Das würde die familiäre Situation noch mehr belasten, als es die Krise ohnehin tut. Andererseits wollen wir uns nicht nur um die Schülerinnen und Schüler kümmern, sondern deren Familien mitbedenken.

          Wie funktioniert das konkret?

          Momentan kann man ja nicht real auf Reisen gehen, im Kopf aber schon. Deshalb haben wir für die zweite und dritte Woche ein Gedanken-Reiseprojekt entwickelt. Für jeden Jahrgang gibt es unterschiedliche Reiserouten, die Jüngeren fahren nach Sylt, die Älteren nach Salzburg und Berlin oder fliegen nach Sydney. Jeder Tag ist eine Etappe, auf der die Schüler Orte und Sehenswürdigkeiten kennenlernen, Rätsel lösen und zu politischen, kulturellen oder naturwissenschaftlichen Themen recherchieren. Jeder hat ein Reisetagebuch bekommen, das er führen muss.

          Eine Unterstützung durch die Eltern ist nicht nötig?

          Es ist eher so gedacht, dass die Kinder ihre Eltern mit auf die Reise nehmen. Manche Aufgaben beziehen sich auch direkt auf die Familie. Die Kinder sollen bei sich zu Hause zum Beispiel ein Gedicht vortragen. Das Anspruchsniveau liegt im unteren mittleren gymnasialen Leistungsbereich, ist also gut machbar. Die Lehrkräfte müssen sich darüber verständigen, worauf sie bei Wiederaufnahme der Schule zurückgreifen wollen. Für die Zeit bis zum Ende der Osterferien haben wir außerdem eine für unsere Jahrgänge passende Lektüreliste ausgegeben und das Bildungsfernsehen von ARD und ZDF empfohlen.

          Außer über die Homepage kommuniziert die Schulgemeinde auch über Facebook. Wie kommt das an?

          Das wird sehr stark genutzt, die Familien sind dankbar dafür und fühlen sich verstanden. Mein Stellvertreter, der sich mit technischen Dingen viel besser als ich auskennt, hat zum Beginn der Gedankenreise eine kleine Ansprache von mir auf dem Schulhof gefilmt, und wir haben sie dann auf Facebook gestellt. Das hat richtig eingeschlagen, wir haben jede Menge positive Rückmeldungen bekommen.

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