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Wenige Infizierte in Japan : Was ist der „Faktor X“?

Bürger in Tokio: Nur wenige haben Antikörper Bild: dpa

In Tokio haben laut einer Untersuchung nur 0,1 Prozent der Menschen Antikörper im Blut – in New York soll die Quote bei 20 Prozent liegen. Fachleute rätseln über die Gründe für die geringe Corona-Ansteckung in Japan.

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          Wie weit hat das neuartige Coronavirus sich in den vergangenen Monaten in der japanischen Gesellschaft verbreitet? Nicht sehr weit, lautet die Antwort. Nach einer Untersuchung des japanischen Gesundheitsministeriums haben in Tokio nur 0,1 Prozent der Untersuchten Antikörper im Blut. In der zweitgrößten Stadt Japans, Osaka, sind es 0,17 Prozent und in der ländlichen Präfektur Miyagi im Nordosten des Landes 0,03 Prozent. Das Ministerium hatte für die Untersuchung Anfang Juni 8000 Japaner in den drei Regionen auf Antikörper getestet.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Infektionsquote liegt nach der Studie in japanischen Städten deutlich niedriger als in westlichen Städten. Für London wurde in ähnlichen Untersuchungen eine Infektionsquote von 17 Prozent ermittelt und in New York Stadt eine Quote von 20 Prozent. Andere Untersuchungen in Japan kommen zu im internationalen Vergleich ähnlich niedrigen Werten. Der Technologieinvestor Softbank Group hatte vor kurzem 44.000 Mitarbeiter und medizinisches Personal getestet und kam auf eine Infektionsquote von 0,43 Prozent.

          Die Antikörpertests sind in Japan von besonderem Interesse, weil das Land nur rund 340.000 und damit weit weniger Menschen auf das Coronavirus getestet hat als viele andere Länder. Die neuen Ergebnisse liegen zwar deutlich niedriger als in vergleichbaren Studien im Westen, zeigen aber dennoch eine größere Verbreitung in Japan als die offiziellen Virusstatistiken. Am Montag hatte die Regierung 17.587 Infektionsfälle bestätigt. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung wäre das eine Quote von nur 0,014 Prozent.

          Niedrige Zahl an Virustoten

          Die Hauptstadt Tokio meldete zuletzt rund 5600 Infektionsfälle. Die neue Studie des Gesundheitsministeriums deutet dagegen darauf hin, dass in Tokio rund 14.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert sind oder waren. Diese Hochrechnung unterstellt, dass die vom Gesundheitsministerium in Tokio getesteten fast 2000 Personen repräsentativ für die gesamte Einwohnerschaft von Tokio sind.

          Japan weist im internationalen Vergleich auch eine sehr niedrige Zahl an Virustoten auf. Zuletzt waren es 927 – das sind sieben Tote je eine Million Einwohner. Deutschland zählt offiziell 106 Virustote je eine Million Einwohner. Fachleute rätseln über die Gründe für die in Japan und in anderen asiatischen Ländern niedrigere Anfälligkeit für das Coronavirus.

          Der Nobelpreisträger für Medizin von 2012, Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto, spricht von einem noch nicht erklärten „Faktor X“. Yamanaka vermutet, dass in Japan viele Faktoren für den Erfolg verantwortlich sind, angefangen von den erfolgreichen Virusjägern der Regierung und der lokalen Gesundheitszentren über die frühe Schließung von Schulen, dem Willen der Japaner zum Tragen von Gesichtsmasken und dem in Japan kaum verbreiteten Körperkontakt. Manche Forscher vermuten auch, dass Japaner und Asiaten möglicherweise durch den Kontakt mit anderen Coronaviren eine größere Resistenz gegenüber dem neuen Virus aufweisen.

          Kein Drang zum Massentest

          Einer der Chefvirologen der Regierung, Hitoshi Oshitani von der Tohoku-Universität, warf westlichen Ländern im Vergleich mit Japan vor, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen. In einem Interview mit der Zeitung Diplomatie des Außenministeriums sagte er, westliche Länder befänden sich in einem Abnutzungskrieg mit dem Virus, weil sie versuchten, jeden Einzelfall ausfindig zu machen und das Virus komplett zu eliminieren. Japan lasse dagegen eine Reihe von Ansteckungen zu und fokussiere sich darauf, größere Infektionsherde („Cluster“) ausfindig zu machen. Das Land vermeide so eine Überlastung des Gesundheitssystems und verhindere effektiv eine Massenausbreitung des Virus, sagte Oshitani. Japaner und andere asiatische Gesellschaften hätten gelernt, dass es Kräfte jenseits des menschlichen Verständnisses gebe. „Wir haben akzeptiert, mit den Mikroben zu leben“, sagte Oshitani.

          Scharf wies er die Kritik zurück, dass Japan seine Bürger zu wenig auf eine Coronainfektion teste. Bewusst hat Japan nach dieser Erklärung die Tests auf wahrscheinlich an Covid-19 ernsthaft Erkrankte konzentriert. So habe das Land vermieden, dass Wartezimmer in Krankenhäusern zu Brutstätten für Infektionen wurden, erklärte Oshitani. Das ist ein ganz anderer Ansatz als der westliche Drang zum Massentest.

          Japans Finanzminister Taro Aso, der immer wieder durch nationalistische Äußerungen auffällt, begründete die niedrige Zahl der japanischen Virustoten vor wenigen Tagen mit der „Überlegenheit“ der japanischen Bürger. Es ist in der japanischen Wortwahl „Mindo“ unklar, ob Aso damit eine ethnische Überlegenheit oder einfach kulturelle und soziale Normen meinte. Japan habe die Todesfallquote sehr niedrig gehalten, indem die Regierung die Japaner einfach gebeten habe, das Infektionsrisiko zu minimieren, führte Aso aus. „Die Menschen in anderen Ländern können das nicht, selbst wenn sie dazu gezwungen werden.“

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