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Stand der Forschung : Welche Langzeitfolgen kann eine Covid-19-Erkrankung haben?

Auf zwei Monitoren sind am Klinikum Stuttgart Computertomographie-Aufnahmen der Lunge eines Covid-19-Patienten zu sehen. Die linke Aufnahme wurde zu Beginn der Behandlung der Corona-Infektion angefertigt – die rechte Aufnahme 13 Tage später. Die Ausbreitung der weißen Bereiche in der rechten Aufnahme zeigen eine stärke Infektion mit Wassereinlagerungen in der Lunge. Dadurch ist eine künstliche Beatmung notwendig. Bild: dpa

Die Zahl der Corona-Genesenen steigt. Offen sind aber noch viele Fragen zu den Langzeitfolgen. Die Lunge scheint jedenfalls nicht das einzige Organ zu sein, das länger unter einer Sars-CoV-2-Infektion leiden kann.

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          Wie bei so vielen Dingen, die sich rund um das Coronavirus drehen, weiß man noch weniges sicher, es gibt aber viele Annahmen und Beobachtungen. Das gilt auch für die Frage nach einer vollständigen Genesung.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die gute Nachricht zuerst: Die meisten Infektionen verlaufen mild, und die Betroffenen fühlen sich relativ schnell wieder fit und einsatzbereit. Aber es gibt eben auch die anderen Fälle, wo die Betroffenen nicht so schnell wieder auf die Beine kommen und noch lange mit Beschwerden zu tun haben. Diese Fälle will man besser verstehen, um zielgerichteter zu helfen und um insgesamt Langzeitfolgen vorzubeugen.

          Nach offiziellen Definitionen, etwa vom Robert-Koch-Institut, gelten Menschen als geheilt, die seit 48 Stunden symptomfrei sind und bei denen innerhalb von 24 Stunden bei zwei Tests keine Viren mehr nachgewiesen werden konnten. Hatte man nur einen leichten Verlauf, dann gilt man frühestens zwei Wochen nach Symptombeginn als gesund. War man im Krankenhaus, dann darf man erst zwei Wochen nach Entlassung von sich behaupten, wieder genesen zu sein.

          Doch was, wenn man auf dem Papier als gesund gilt, sich aber so noch nicht fühlt? Seit einigen Wochen beschäftigt Mediziner die Frage, welche Langzeitfolgen eine Covid-19-Erkrankung mit sich bringen könnte und wem diese zu schaffen machen könnten. Zum bisherigen Wissensstand muss man sagen: Die Daten sind rar, Studienergebnisse stammen meist von sehr wenigen Patienten, und nicht immer sind Kausalität und Verlässlichkeit der Informationen wirklich wissenschaftlich gesichert. Aber die Augen davor verschließen, dass Covid-19 auch zu Langzeitfolgen führen kann, können die Mediziner nicht mehr.

          Niemand weiß, ob die Veränderungen reversibel sind

          Dabei haben sie vor allem die Lunge im Blick. Röntgenaufnahmen weisen darauf hin, dass in der Lunge mancher genesener Patienten immer noch Veränderungen vorhanden sind, die vermuten lassen, dass die Lunge in ihrer Struktur so geschädigt ist, dass sie ihre Funktion nicht mehr voll erfüllen kann. Dann wird die Atmung flacher, die körperliche Leistungsfähigkeit nimmt ab. Mediziner sprechen in solchen Fällen von Gewebeschäden der Lunge. Nach einer Coronainfektion sind diese nicht auf einen kleinen Teil der Lunge beschränkt, sondern in beiden Lungenflügeln zu finden. Was Medizinern Sorge macht. Wie lange solche Veränderungen bestehen bleiben, ob sie wirklich nicht mehr reversibel sind, das können Experten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten.

          Doch die Lunge scheint nicht das einzige Organ zu sein, das länger unter einer Sars-CoV-2-Infektion leiden kann; auch das Herz rückt dabei immer mehr in den Fokus der Ärzte. So gibt es auch hier erste Beobachtungen und Daten, die ebenfalls zu spärlich sind, um sichere Aussagen zu tätigen, die aber zumindest die Vermutung zulassen, dass das Virus auch Schäden am Herzmuskel hervorrufen kann. Dabei kann es sich um Entzündungen handeln, aber auch um Herzrhythmusstörungen, Strukturveränderungen und Thrombosen. Alles führt dazu, dass das Herz in seiner Pumpfunktion eingeschränkt ist.

          Diese Beobachtungen könnten erklären, warum Menschen mit Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems häufiger an der Coronainfektion versterben oder schwere Verläufe zeigen. Aber auch einige zuvor Herzgesunde zeigen in ersten Studien nach einer Ansteckung mit dem Coronavirus Schäden am Herzen. Nicht selten war auch bei ihnen der Verlauf der Erkrankung eher schwer. Dass an diesen ersten Vermutungen etwas dran ist, das unterstützen die Daten aus vorherigen Corona-Epidemien. Sowohl bei dem Sars-Ausbruch 2003 wie Jahre später bei Mers sind Fälle bekannt, in denen akute Herzschäden auftraten.

          Auch neurologische Schäden sind möglich

          Als wäre dies nicht schon genug, verdichten sich seit kurzem auch die Hinweise darauf, dass Sars-CoV-2 neurologische Schäden hervorrufen kann. Noch gar nicht so lange weiß man, dass Infektionen mit dem Coronavirus auch zum Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns führen können. Es muss also, so die Annahme, eine Nervenbeteiligung geben. Erhebungen zeigen außerdem, dass Covid-19-Patienten an Bewusstseinsstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel und weiteren neurologischen Beschwerden leiden können. Sogar Schlaganfälle sollen in Verbindung zu dem Virus stehen. Aber auch hier ist die Datenlage viel zu gering, als dass man sichere Aussagen zu Zusammenhängen und Langzeitfolgen treffen könnte.

          Bleibt die Frage: Sind genesene Menschen immun? Die Mehrheit der Experten geht davon aus. Studien zeigen, dass Menschen nach einer Sars-CoV-2-Infektion spezifische Antikörper im Blut entwickeln. Tierversuche belegen, dass Rhesusaffen kein zweites Mal erkranken. Unter anderem das Robert-Koch-Institut schreibt, dass andere Coronaviren-Infektionen darauf hindeuten, dass eine Immunität bis zu drei Jahre anhalten könnte. Aber bei Sars-CoV-2 ist einfach noch nicht belegt, wie dauerhaft eine Immunität wirklich ist. Insgesamt besteht die Sorge, das Coronavirus könnte ähnlich wie die Grippeviren so mutieren, dass selbst ein Immunsystem, welches das Virus schon einmal besiegt hat, wieder ganz neu lernen muss, es zu bekämpfen.

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