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Wegen Coronavirus : Italien riegelt Städte im Norden ab

  • Aktualisiert am

Menschenleere Straße in der norditalienischen Stadt Codogno Bild: AP

Kein europäisches Land hat mehr Infektionen mit dem Coronavirus registriert als Italien. Nun greift die Regierung zu drastischen Maßnahmen: Zehntausende Menschen werden praktisch eingesperrt, alle Veranstaltungen abgesagt. Auch drei Erstligaspiele fallen aus.

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          Italien hat den Kampf gegen den schlimmsten Ausbruch des neuen Coronavirus in Europa mit drastischen Maßnahmen aufgenommen: Um eine weitere Ausbreitung im Norden des Landes zu unterbinden, sollen nun die am stärksten betroffenen Städte abgeriegelt werden. Das teilte die italienische Regierung am Samstagabend mit. „Das Betreten und Verlassen dieser Gebiete ist verboten“, sagte Regierungschef Giuseppe Conte. Betroffen seien zunächst knapp ein Dutzend Orte südöstlich von Mailand mit etwa 50.000 Einwohnern sowie Vo im benachbarten Venetien mit rund 3000 Bewohnern.

          In Italien waren bislang 79 Infektionen mit dem Virus Sars-CoV-2 erfasst worden, zwei Todesfälle mit Verdacht auf den Coronavirus wurden bestätigt. Damit ist Italien das europäische Land mit den weitaus meisten erfassten Sars-CoV-2-Infizierten. In Deutschland wurden bisher 16 Fälle gemeldet, in Frankreich zwölf, darunter ein Todesfall.

          Ministerpräsident Conte kündigte die Notfallmaßnahme nach Krisengesprächen mit der Zivilschutzbehörde des Landes an. „Das Ziel ist es, die Gesundheit der italienischen Bevölkerung zu schützen“, sagt Conte. Zunächst sollten die Sicherheitskräfte die betroffenen Regionen abriegeln. „Wenn nötig, werden es auch die Streitkräfte sein“, fügte Conte hinzu. Wer versuche, die Absperrungen zu umgehen, dem drohe „strafrechtliche Verfolgung“. Die Menschen könnten sich nur mit „besonderen Ausnahmeregelungen“ bewegen. Er setze dennoch auf Verständnis der Bevölkerung. Ein Aussetzen der innereuropäischen Reisefreiheit im Rahmen der Schengen-Zone sei vorerst nicht vorgesehen, sagte Conte.

          „Patient Eins“ in Codogno

          Das von der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus besonders betroffene Gebiet liegt um die lombardische Stadt Codogno, 60 km von Mailand entfernt. Von dort wurden 54 Fälle gemeldet, aus der Nachbarregion Venetien 17. Zwei weitere Fälle gab es in der Emilia-Romagna und einen in der Region Piemont. Die meisten Fälle in der Lombardei gehen den Behörden zufolge von einem 38-jährigen Mann aus, der mittlerweile schwer an dem Covid-19-Virus erkrankt ist und auf einer Intensivstation behandelt wird. Bei dem Erkrankten „Patient Eins“ handelt es sich um den ersten bestätigten Coronavirus-Fall in Italien. Unter anderem steckten sich laut Behörden seine schwangere Frau sowie ein Freund bei ihm an. Woher der 38-Jährige das Virus hat, ist weiterhin unklar. Vermutungen, wonach ein als „Patient Null“ geltender italienischer Forscher der Überträger war, bestätigten sich nicht.

          In zehn Gemeinden der Lombardei wurden Schulen und ein Großteil der Geschäfte vorübergehend geschlossen. Rund 50.000 Einwohner sind aufgerufen, möglichst zuhause zu bleiben. Großveranstaltungen wie Gottesdienste, Karnevalsfeste und Sportevents wurden verboten. Auch in Venetien wurden Maßnahmen beschlossen, die eine weitere Ausbreitung des Virus verhindern sollen.

          Zudem wurden in der Lombardei und in Venetien für Sonntag alle Sportveranstaltungen abgesagt. Davon betroffen sind ebenfalls drei Serie-A-Spiele zwischen Inter Mailand und Sampdoria Genua sowie zwischen Hellas Verona und Cagliari Calcio. Auch die Partie Atalanta Bergamo gegen Sassuolo wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Am Nachmittag war bereits das Zweitliga-Spiel zwischen Ascoli Calcio und US Cremonese abgesagt worden.

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