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Butler James, gespielt von Freddie Frinton, schaut in "Dinner for one" mißbilligend zu dem auf dem Boden liegenden Tigerfell. Bild: dpa

(Gem)einsam durch die Pandemie : Wir sind James

Miss Sophie und ihr treuer Butler James haben die Feier in kleiner Runde perfektioniert, schließlich üben sie seit vielen Jahren. Für den Abschluss des Corona-Jahres können wir von ihnen lernen.

          2 Min.

          Es ist hundertmal gesagt worden und bleibt dennoch richtig: Das Coronavirus ist sozial ungerecht. Es trifft die Armen am härtesten. Die, denen kein entspanntes Dasein im Homeoffice offensteht, die ihre Großfamilie auf engstem Raum ertragen müssen, die ihre Gesundheit mit schlechter Ernährung und harter Maloche ruiniert haben und folglich anfälliger sind. Alles richtig – und trotzdem haben auch die Wohlhabenderen ihre ganz persönlichen Probleme, mit denen sie sich jetzt herumschlagen müssen. Zum Beispiel: Wie ist das mit Corona und dem Dienstpersonal?

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine zugegebenermaßen recht quicke Recherche in den seriöseren Medien hat keinen einzigen Beitrag zutage gefördert, der sich hierzu den essentiellen Fragen widmet. Gehören etwa Butler und Dienstmädchen zum eigenen Haushalt, oder gilt das nur dann, wenn sie bei der Herrschaft auch nächtigen? Müssen sie andernfalls Abstand halten, was beim Einschenken und Servieren von Speisen beschwerlich ist? Müssen sich Deutschlands Bestverdienende nun ganz alleine herumschlagen mit Espressomaschinen, Smoothie-Makern, Wäschetrocknern – und wird unsere Wirtschaft, wenn diese Leistungsträger plötzlich mit Nebensächlichkeiten abgelenkt sind, schmerzliche Einbußen erleiden müssen?

          Beim liebsten Hausdiener der Deutschen stellen sich diese heiklen Fragen gottlob nicht. Butler James, der seit Menschengedenken seine treuen Dienste für Miss Sophie verrichtet, gehört nicht nur zu Miss Sophies Haushalt, nein, er ist ihr Haushalt. Und, wie wir wissen, er übernachtet dort auch. Es gibt jedoch einen anderen Grund zur Beunruhigung. Wird die innige Verbindung des deutschen Volkes zum britischen Sketch „Dinner for One“, der seit 1972 jedes Jahr zu Silvester gezeigt wird und auch diesmal in den dritten Programmen rauf und runter läuft, dadurch getrübt werden, dass der Verfremdungseffekt entfällt?

          Trotz Pandemie: Der Kultfilm „Dinner for One“ um Miss Sophie und Butler James bleibt uns erhalten.
          Trotz Pandemie: Der Kultfilm „Dinner for One“ um Miss Sophie und Butler James bleibt uns erhalten. : Bild: dpa

          Bislang war es doch so: Die kleine Slapstickrevue über eine alte Dame, die ihren Neunzigsten allein mit ihrem Butler begeht, welcher in die Rollen dahingeschiedener Weggefährten zu schlüpfen hat, diente den Deutschen als Einstimmung in einen Abend, den sie gern in großer oder zumindest in einer Runde beschlossen. Nun aber werden wir uns an Silvester umblicken und, wie Miss Sophie, auf leere Stühle starren. Kein Sir Toby, kein Mr. Pommeroy. Kein Kumpel Norbert, keine Nachbarin Sabine. Und wenn wir James anschauen und Miss Sophie, dann sehen wir keine ergrauten Vertreter mehr einer fremdartigen Klassengesellschaft, sondern, womöglich, zwei vereinsamte Seelen. Wir sehen uns selbst.

          Nun noch diese Last tragen zu müssen scheint arg viel für den armen James, der genug auf dem Buckel hat. Er bricht aber nicht zusammen. Im Gegenteil: Aus richtiger Perspektive betrachtet, bietet „Dinner for One“ mehr Erbauung denn je.

          James und Miss Sophie, und das seit Jahrzehnten, sie trotzen den Umständen. Ein guter Freund kann nicht erscheinen, im schlimmsten Fall, weil er verstorben ist? Sie stoßen trotzdem an und ehren sein Andenken. Sophie und James geben einander Halt, selbst wenn die eine sehr betagt und der andere alsbald schwer betrunken ist. Gerade Miss Sophie – die, wie sie James zu Anfang versichert, eine Krankheit überstanden hat – ist eine Stehauffrau, die beweist, dass es nie zu spät zum Feiern ist.

          Begnügen wir uns also mit einem bescheidenen Silvester. Mit etwas Glück findet sich in unserem kleinsten Kreis ein James, der für die Abwesenden einspringt und tapfer mit uns trinkt: einen Prosecco für Vera, einen Kinderpunsch für Fynn. Es kommen gewiss wieder bessere Zeiten. Und das hoffentlich nicht erst an unserem neunzigsten Geburtstag.

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