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Erklär mir einer die Schweden!

Von SEBASTIAN BALZTER

28. April 2020 · Die Nordlichter machen im Kampf gegen Corona ihr eigenes Ding.

Über Schweden wüssten wir Bescheid, dachten wir: Bullerbü und eine nette Königsfamilie, H&M und Ikea, im Sommer Mücken. Und jetzt das. Der Rest der Welt ist sich einig, dass sich die Corona-Pandemie nur bezwingen lässt, wenn das öffentliche Leben so weit wie möglich heruntergefahren wird.

Lockdown allerorten. Nur nicht in Schweden. Schulen, Läden, Restaurants waren nie geschlossen, nicht mal Après-Ski wollte die Regierung verbieten. Wenige Zwangsmaßnahmen, stattdessen maßvolles Abstandhalten, bloß die Kranken und Alten sollen daheimbleiben. Der oberste Epidemiologe verspricht: In ein paar Wochen ist hier und da die Herdenimmunität erreicht.

Ob das gutgeht?

Das Virus hat sich in schwedischen Altenheimen ausgebreitet, dort sind viele an Covid-19 gestorben. Sicher ist, dass sich die Schweden mit ihrem Alleingang was trauen. Sie haben dafür beste Voraussetzungen. Beim Einkaufen etwa nehmen sie schon lange kaum mehr Bargeld in die Hand. Gut für die Hygiene. Außerdem sind sie, verglichen mit den Deutschen, gesund: Sie gehen seltener zum Arzt, geben wenig Geld für Arzneien aus, werden seltener operiert. Es gibt in Schweden viel Platz und wenige Leute, es wird nicht viel gedrängelt. Viren haben es andersherum lieber. Nirgendwo sonst in Europa wohnt ein so hoher Bevölkerungsanteil allein, in einem Single-Haushalt, das gilt gerade für die Älteren. Ideal fürs Social Distancing.

Die Historiker Lars Trägårdh und Henrik Berggren bezeichnen das schwedische Gesellschaftsideal mit einem paradox anmutenden Begriff als „Staatsindividualismus“. Ausgerechnet ein starker Staat soll dafür sorgen, dass seine Bürger unabhängig voneinander durchs Leben kommen. So lässt sich erklären, wie Staatsvertrauen und persönliche Freiheitsliebe zusammenpassen, warum es in Schweden kein Ehegattensplitting gibt – und warum die Schweden nun einen Sonderweg durch die Krise wagen. Wer’s genauer wissen will: Ein schönes Buch der beiden Autoren über ihr Land, das zurzeit wie auf einem anderen Stern zu liegen scheint, ist ins Deutsche übersetzt worden, mit einem prägnanten Titel: „Ist der Schwede ein Mensch?“ Die Antwort darauf wird hier noch nicht verraten.

Grafik: F.A.Z. / Quelle: Johns Hopkins University; OECD; Worldometer, Eurobarometer, Eurostat; F.A.Z.-Archiv; eigene Berechnungen

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 28.04.2020 16:42 Uhr