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LGBTQ+ in der Pandemie : Homosexuelle und queere Menschen sind besonders betroffen

Teilnehmer mit Regenbogen-Mundschutz bei der diesjährigen CSD-Parade in Frankfurt Bild: Reuters

Die Corona-Maßnahmen treffen manche Personengruppen stärker als andere. LSBTIQ-Menschen kämpfen mit häuslicher Gewalt, familiären Konflikten beim Coming-Out und der drohenden Schließung queerer Räume.

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          „Vor dem Coronavirus sind alle Menschen gleich“: Das war ein Satz, der besonders zu Beginn der Pandemie herumgeisterte. Zahlreiche Statistiken haben diese Behauptung inzwischen widerlegt. Denn bestimmte Personengruppen sind nicht nur stärker vom Virus selbst betroffen, sondern auch von den Maßnahmen, die zu dessen Eindämmung notwendig sind. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) hat deshalb einen Appell veröffentlicht, in dem sie dazu auffordert, lesbische, schwule, bisexuelle, trans-, intergeschlechtliche und queere Menschen, kurz LSBTIQ, besonders in den Blick zu nehmen. Darin werden drei Kernprobleme genannt, die das Leben der Betroffenen laut BMH in den vergangenen Monaten erschwert haben.

          So sei der Zugang zu medizinischer Versorgung eingeschränkt gewesen, was gerade für die LSBTIQ-Community zu Problemen geführt habe. Es gebe beispielsweise Transpersonen, die sich zu Beginn der Pandemie im Prozess der Geschlechtsangleichung befunden hätten, sagt Jörg Litwinschuh-Barthel, geschäftsführender Vorstand der Stiftung. Eine psychologische und medizinische Betreuung sei in dieser Phase für die Betroffenen unentbehrlich. Natürlich seien auch andere Menschen auf medizinische Hilfe angewiesen, so Litwinschuh-Barthel, man wolle keinen Wettbewerb der Opfergruppen. Aber bestimmte Personen fielen häufiger durchs Raster und würden von der Politik kaum wahrgenommen.

          Schwierigkeiten beim Coming-out

          Außerdem, so ist in dem Papier zu lesen, seien LSBTIQ-Menschen von häuslicher Gewalt besonders betroffen. Durch die Corona-Krise und den Lockdown sei eine Enge entstanden, die beispielsweise ein Outing deutlich schwieriger gemacht habe, sagt Litwinschuh-Barthel. Denn das führe in Familien häufig zu Konflikten, und wegen geschlossener Beratungsstellen und der Konzentration auf den häuslichen Raum verschärften sich diese nun zusätzlich. „Wir haben sehr viele Nachrichten von jüngeren Menschen bekommen, die mitten in ihrem Coming-out-Prozess stehen und nun teilweise keine Ansprechpartner mehr haben.“ Die Folgen dieser Situation könnten fatal sein, sagt Litwinschuh-Barthel: „Wir sind sehr besorgt, dass diese Situation zu einer erhöhten Suizidrate unter homosexuellen und queeren Menschen führen könnte.“

          Das dritte Problem sei finanzieller Art, sagt der BMH-Vorstand. Viele Verbände hätten kein ausreichendes finanzielles Polster, um über die Runden zu kommen, wenn Spenden oder andere Finanzierungsmöglichkeiten wegfielen. So gebe es viele Institutionen, die sich über Cafés oder ähnliche Angebote finanzierten. Das Online-Magazin „Queer“, dem der Appell der BMH noch nicht weit genug geht, wies zudem in einem Kommentar darauf hin, dass durch die Schließung von Bars, Clubs und Saunen „queere Freiräume“ bedroht seien.

          Einzigartige Community

          Jörg Litwinschuh-Barthel nennt jedoch auch ermutigende Beispiele: So sei es etwa dem queeren Berliner Stadtmagazin „Siegessäule“ gelungen, innerhalb weniger Tage durch einen Spendenaufruf mehr als 100.000 Euro zu sammeln. Auch andere Institutionen hätten ähnliches geschafft. Das sei ein wichtiges Signal, reiche aber noch nicht aus. „Wir haben in Deutschland eine einzigartige Infrastruktur für die LSBTIQ-Community, um die uns viele andere Länder beneiden. Wir müssen aufpassen, dass diese nicht durch das Virus zerstört wird.“ Die Stiftung wolle deshalb die Politik zu einem Dialog aufrufen und mit Hilfe digitaler Fachkonferenzen eine Handreichung erarbeiten. Doch auch die Zivilgesellschaft sei gefragt, sagt Litwinschuh-Barthel. Schon kleine Spenden könnten in der Summe einen Unterschied machen.

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