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Jugend in der Corona-Krise : „Die junge Generation braucht Freiräume“

Die junge Generation sollte auch während der Corona-Krise Freiräume haben, etwa beim Fahrradfahren oder Spazierengehen, sagt Erziehungswissenschaftler Hafeneger. Bild: dpa

Jugendliche trifft die Corona-Krise in einer Phase, in der sie nach ihrem eigenen Weg suchen. Man darf sie deshalb nicht aus dem Blick verlieren, mahnt ein Erziehungswissenschaftler und erklärt, wie sich die Zeit positiv gestalten lässt.

          4 Min.

          Herr Professor Hafeneger, Sie sagen, wir sollten in der Corona-Krise bei aller berechtigten Sorge um ältere Menschen die Jugend nicht vergessen. Warum?

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Junge Menschen grenzen sich in der Phase des Erwachsenwerdens von den Eltern ab, entwickeln eigene Interessen und Routinen, machen erste sexuelle Erfahrungen. Vieles davon passiert normalerweise „außer Haus“. Dieser Prozess wurde durch die Krise jetzt abrupt gestoppt. Das soziale Leben junger Menschen ist quasi stillgelegt.

          Aber doch nur für ein paar Wochen.

          Das stimmt, irgendwann wird die Kontaktsperre wieder gelockert, auch wenn gerade noch niemand sagen kann, wann. Aber trotzdem ist es eine Erfahrung, mit der junge Menschen erst einmal lernen müssen, umzugehen. Das Heraustreten aus der Familienzeit und das Gestalten und Erleben der Eigenzeit, durch eine Clique, Hobbys, Jugendeinrichtungen, das ist jetzt nicht möglich. Spannende Übergangsphasen in neue Lebensabschnitte – Freiwilligendienst, Ausbildung, Studium – sind für mehrere Wochen unterbrochen. Und nicht alles kann nachgeholt werden. Dass etwa eine Abschlussfahrt ausfällt, lässt sich nicht korrigieren. Das sind richtige Leidenserfahrungen, die ein Teil der jungen Generation gerade macht.

          Viele Menschen trösten sich aktuell damit, dass sie wenigstens mehr Zeit mit der Familie verbringen können. Dabei ist das ja etwas, worauf viele Jugendliche überhaupt keine Lust haben.

          Die Jugendzeit ist in der Corona-Krise auf jeden Fall mehr Familienzeit, als sie es sonst wäre. Im Einzelfall erleben das junge Menschen sicher sehr unterschiedlich, je nachdem, ob sie dreizehn Jahre alt sind oder zwanzig, ob sie auf dem Land leben oder in der Stadt, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung oder einem großen Haus mit Garten. Die materiellen Ressourcen, die Hobbys, das spielt da alles mit rein. Die große Herausforderung für alle Familien ist jetzt, eine produktive Nutzung für dieses Mehr an gemeinsamer Zeit zu finden.

          Benno Hafeneger, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Marburg (em.)
          Benno Hafeneger, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Marburg (em.) : Bild: Privat

          Was empfehlen Sie Eltern konkret, gerade jetzt, während der Osterfeiertage? Der Umgang mit Pubertierenden kann sich schon ohne eine Krise globalen Ausmaßes im Hintergrund als schwierig gestalten.

          Eltern sollten vor allem versuchen, keinen Stress zu produzieren, sondern Entspannung herzustellen. Ich empfehle, den Jugendlichen ihre Eigenzeit zu lassen und gleichzeitig Angebote zu machen: von Kommunikation, von gemeinsamen Verhaltensweisen. Das kann sein, dass man länger beim Essen zusammensitzt und sich unterhält, das kann sein, dass man zusammen spielt oder sich einen Film ansieht. Gleichzeitig sollte die junge Generation – im Rahmen der Möglichkeiten – Freiräume haben, beim individualisierten Sport, beim Fahrradfahren oder Spazierengehen. Wenn Familien da eine vernünftige Relation hinbekommen, vielleicht sogar gemeinsam einen Plan für die Woche machen, dann haben hoffentlich alle am Ende den Eindruck: Diese Tage waren ja gar nicht so langweilig oder so frustrierend wie gedacht.

          Das klingt ziemlich optimistisch. Aber es gibt ja jetzt auch mehr Aufgaben im Haushalt, wenn plötzlich die ganze Familie die Wohnung intensiver nutzt oder alle drei Mal am Tag zuhause essen.

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