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Oktoberfest abgesagt : Jeder rauscht für sich allein

  • -Aktualisiert am

Als das Oktoberfest noch stattfand: September 2019 Bild: AFP

Das Oktoberfest findet dieses Jahr nicht statt. Das Risiko, dass das größte aller Volksfeste zur Corona-Schleuder wird, ist viel zu hoch.

          4 Min.

          Ende Januar fand in München der Delegiertentag des Deutschen Schaustellerbunds statt. Corona war zwar schon irgendwo da, aber kein Thema. Es ging um Nachhaltigkeit auf Volksfesten, um die Chancen der Digitalisierung, um die finanzielle Beteiligung des Staates an den Sicherheitsmaßnahmen, die in diesem Jahr, in dem sich das Oktoberfestattentat zum 40. Mal jährt, sicher besonders im Fokus gestanden hätten. Natürlich ging es auch um Tradition und große Gefühle. Der Präsident des Schaustellerbunds, Albert Ritter, sagte dieser Zeitung: „Denken Sie an die Oide Wiesn auf dem Oktoberfest. Auch der moderne Mensch weiß, wenn er jemanden wirklich kennenlernen möchte, ein nettes Mädel oder einen jungen Mann, dann muss er das ab einem bestimmten Zeitpunkt nach wie vor sehr analog anstellen. Was ist denn schöner, als zu einer jungen Dame am Autoscooter zu sagen: Na, fährste mit?“

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Keine drei Monate sind seither vergangen – eine Ewigkeit. Heute gilt in Bayern die Regel, mindestens 1,5 Meter Abstand zueinander zu halten – abgesehen von Mitgliedern des Hausstands und einer einzigen dritten Person. Ein Vergnügen wie Autoscooter, bei dem es darum geht, mit möglichst vielen Menschen lustvoll zusammenzurauschen, ist damit unmöglich. Es wird auch im September und Oktober noch unmöglich sein: auf berühmten Volksfesten wie dem Gillamoos in Niederbayern, aber eben auch auf dem Oktoberfest. Denn das größte Volksfest der Welt wurde am Dienstag nach einem Gespräch des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) mit dem Oberbürgermeister von München, Dieter Reiter (SPD), endgültig abgesagt. Das heißt, genau genommen: Man kam überein, dass die Stadt München anders als sonst keine Brauerei, keinen Schießbuden- und keinen Geisterbahnbetreiber einladen wird, auf die Theresienwiese zu kommen.

          Dass es darauf hinauslaufen würde, hatte Söder schon vergangene Woche erkennen lassen, auch, dass er sich mit Reiter im Grunde einig sei. Virologen wie Alexander Kekulé hatten bereits einige Tage zuvor gesagt, was einem auch der gesunde Menschenverstand nahelegte: dass das Oktoberfest in diesem Jahr nicht vorstellbar ist. In den zum Teil riesigen Zelten stehen die Besucher schon mittags auf den Bierbänken, um ohne Kenntnis der Infektionshistorie des Tischnachbarn aus voller Kehle zum Beispiel „Hulapalu“ des von Nüchternen oft kritisch beurteilten Andreas Gabalier mitzugrölen – teilweise sogar in Kussnähe und jedenfalls in jeder Hinsicht dicht an dicht. Dabei steht in den Zelten die Luft, was laut Virologen die Verbreitung des Coronavirus zusätzlich befördert.

          In der Hitze des Augenblicks kann es auch vorkommen, dass man mal den falschen Bierkrug erwischt. Auf diese Gefahr wies am Dienstag auch der Ministerpräsident hin. Es soll sogar schon passiert sein, dass der Oktoberfestbesucher kurz vor Schließung der Zelte, wenn kein Bier mehr ausgeschenkt wird, seiner selbst so sehr entfremdet ist oder, je nachdem, so sehr bei sich angelangt, dass er oder sie auf der Suche nach „Stoff“ nicht davor zurückschreckt, sich an Resten in herren- oder damenlosen Krügen, nun ja, zu laben. All das dürften Ursachen für die lange vor Corona bekannte „Wiesn-Grippe“ sein – wobei noch das im September und Oktober oft durchwachsene Wetter hinzukommt, dem man sich dann, erhitzt aus dem Festzelt wankend, auf dem Heimweg, wenn man ihn denn noch schafft, mit kurzer Lederhose oder tief ausgeschnittenem Dirndl aussetzt. Mal ganz abgesehen davon, dass man nach ein paar Tagen Vollgas auf der Wiesn zu den vulnerablen Personen gehören dürfte. Zusammengefasst: Das Merkel-Wort „Orgie“ trifft aufs Oktoberfest mindestens so sehr zu wie auf die derzeitigen Debatten über Lockerungen, und der Begriff Ausnahmezustand, der momentan so oft bemüht wird, wurde vom bayerischen Innenminister Joachim Herrmann schon für die Wiesn zu normalen Zeiten verwandt.

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