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Ursprung des Coronavirus : Die unterstellte Hölle von Wuhan

  • -Aktualisiert am

Street Food im ostchinesischen Huaian Bild: Picture-Alliance

Video- und Filmbilder begleiten derzeit unsere Ängste. Die Quellen sollte man jedoch gründlich prüfen – ebenso wie die Unterstellung, mangelnde Hygiene und Moral auf chinesischen Märkten wären verantwortlich.

          3 Min.

          Dieser Tage kursiert im Netz ein Video, das unter dem Namen „Hell on Earth“ eine gut sechs Minuten lange Sequenz vom „Wuhan Meat Market“ zeigt, also von dem Ort, an dem das neue Coronavirus mutmaßlich zum ersten Mal bei Menschen aufgetreten ist. Es ist eine typische Touristenkamera, die immer wieder genau in Augenschein nimmt, was hier alles gehandelt wird. Riesenschlangen, die zu Meterware portioniert werden, flambierte Nagetiere stapelweise und schließlich die Tiere, um die es den Machern dieses Video wohl ursprünglich ging: Hunde in Käfigen, und dann auch Hunde, die bereits für den Verzehr vorbereitet sind.

          Von einem „Extoxic Market in the World“ schreibt einer der Uploader des mehrfach zu findenden Videos, und man kann sich wohl aussuchen, ob das einfach schlechtes Englisch ist oder polemisches, in dem sich das Exotische mit dem Toxischen mischt. Auch wenn es nur ein Tippfehler ist, trifft er doch etwas: Extoxizität ist ein potentielles Schlagwort. Dabei spielt keine Rolle, dass das Video jedenfalls unter diesem Titel eine Fälschung ist: Man muss nicht lange suchen, um darauf zu stoßen, dass es eigentlich Bilder von einem Markt in Indonesien zeigt.

          Ist wirklich die Hygiene schuld?

          Es ist leicht zu erkennen, welches Bedürfnis es bedient: Das neue Coronavirus kommt aus einer Welt, die sich apokalyptisch sehen lässt und in der sanitäre wie gattungsethische Gebote mit Füßen getreten werden, die in Flipflops stecken. Es gibt dazu eine Referenzszene in einem Dokumentarfilm von Michael Glawogger, der in „Workingman’s Death“ einen Rinderschlachtbetrieb in Port Harcourt in Nigeria gezeigt hat, für den die Bezeichnung „Hölle auf Erden“ zumindest vor dem Hintergrund eines abendländischen Bildgedächtnisses nachvollziehbar wäre. Die Rinder und Ziegen werden hier unter freiem Himmel getötet, auf die althergebrachte Weise mit einem Schnitt durch den Hals, der sie ausbluten lässt, vor dem auch über die Bilddistanz hinweg als beißend empfundenen Rauch der allgegenwärtigen Feuerstellen. Die unterstellte Hölle in Wuhan hat auch Aspekte dieser hygienischen „Primitivität“.

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          Man kann die vielen Marktszenen, die Menschen vor allem in Asien in Zeiten eines ungestörten Tourismus aufgenommen und geteilt haben, als ein eigenes Genre nehmen: Food Gore. Wo Fernsehköche und Videoblogger vorangegangen waren, auf dem Weg bis zu den abseitigsten Genüssen, spazierten bald die Fans hinterher.

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          Eine der bekanntesten dieser Delikatessen könnte man geradezu als Sinnbild der Grenzüberschreitung nehmen, die das Wuhan-Video unterstellt. Balut-Eier gelten auf den Philippinen als ein Nationalgericht. Im Film „The Woman Who Left“ von Lav Diaz taucht immer wieder ein armer Mann auf, der vom Verkauf dieser Eier lebt, in denen schon halb entwickelte Tierembryos gekocht und dann verzehrt werden, was man im Westen und Norden nicht tut. Das neue Coronavirus lässt viele Menschen anders auf solche Nahrungstabus schauen. In ungestörten Zeiten bietet es einen Kitzel, etwas auszuprobieren, was man von daheim nicht kennt. Das Pseudo-Wuhan-Video suggeriert aber eine grundsätzliche Überschreitung, den Verzehr von Haustieren. Der Topos ist so geläufig, dass es sogar eine dänische Filmkomödie gibt, die darauf anspielt, „In China essen sie Hunde“. Das hängt allerdings mit kulturellen Gegebenheiten zusammen, die ihrerseits nicht nur autochthon sind. Das lässt sich zum Beispiel aus dem koreanischen Film „Address Unknown“ (2001) von Kim Ki-duk ersehen. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der Hunde jagt und tötet, eine Praxis, die der Film zum symbolischen Zentrum der Konflikte macht, von denen er erzählt. Es sind allesamt klassische Modernisierungs- und Universalisierungskonflikte in einem Land, das sich 1970 (in der Zeit spielt die Geschichte) nicht nur als Frontbereich des Kalten Kriegs sehen musste, sondern auch unter dem Druck einer kulturellen Amerikanisierung. Der Aberglaube, Hundefleisch wäre gesund, ist also auch gegen Corned Beef gerichtet.

          In der Clip-Folklore, die sich mit dem Wuhan-Viren-Ausbruch verbindet, wird das Spezifische gegenstandslos: Der Markt wird als ein Ort des ethisch und sanitär Höllischen „extoxiziert“. Wenn man schon nicht weiß, wie es mit dem Virus weitergehen wird, weiß man der Unterstellung nach wenigstens, wo es herkommt, nämlich von einem Ort, an dem Menschen in Blut und Dreck waten und ihre besten Freunde essen.

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