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Unternehmen in Not : Warum Corona eine Chance sein kann

Bild: dpa

Läden zu, Geschäftsmodelle derzeit nicht gefragt: Die Lage ist für viele Wirtschaftstreibende in ganz Deutschland schwierig. Experten geben Tipps, wie Unternehmer trotzdem gestärkt aus der Krise hervorgehen können.

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          Für Jörn Herseth ist es eine ungewohnte Situation. „Ich musste mal wieder Berufskleidung anziehen“, sagt er und meint Anzug, Hemd und Krawatte. Denn jetzt sitzt er vor einer Kamera und ist damit seit Wochen einmal wieder außerhalb des Homeoffice tätig. Herseth ist mehrfacher Unternehmensgründer und leitet den Arbeitskreis Unternehmensnachfolge im Wirtschaftsrat Hessen. Heute hat er bei der live ins Internet übertragenen Diskussionsrunde der Montagsgesellschaft eine wichtige Botschaft. Schließlich bangen in diesen Tagen viele Unternehmer und Angestellte um ihre Jobs oder ihren Betrieb.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Herseth sagt, die aktuelle Lage, in der viele Geschäfte geschlossen sind, Produktionsstraßen stillstehen sowie Tausende Unternehmen Kurzarbeit angezeigt oder staatliche Soforthilfen beantragt haben, sei auch eine Chance. Kleinreden will er damit die Existenznöte der Menschen nicht, die er selbst zur Genüge kennt, wie er sagt. „Aber ich möchte an jeden appellieren, dass man sich in Krisenzeiten neu erfinden kann.“ Was Herseth meint, ist, dass in jeder Krise auch die Chance für einen Neuanfang steckt. Wenn Firmen ihre Mitarbeiter weiterbilden, wenn endlich einmal Zeit ist, über Geschäftsmodelle zu diskutieren und sie anzupassen, wenn Selbständige ihre Kundendateien überarbeiten, ihre Internetseiten aufhübschen, an neuen Konzepten sitzen: Dann kann die Krise tatsächlich dafür sorgen, nach ihr etwas besser dazustehen als zuvor.

          Corona befördert längst überfällige Entscheidungen

          Herseth berichtet von einem Freund, einem Messebauer. Dessen Geschäft steht derzeit bei null, „doch Messebauer sind auch Ladenbauer“. Also hat der Freund begonnen, in der Krise Plexiglasscheiben herzustellen, wie sie inzwischen an den Verkaufstresen in Apotheken und an den Kassen von Supermärkten zu sehen sind. Nun arbeitet eine Designerin der Firma daran, den Kunden künftig diese bislang eher provisorischen Lösungen in professioneller Ausführung anzubieten, in der Hoffnung, es könne sich ein neues Geschäftsfeld daraus eröffnen.

          Die Krise als Chance zu begreifen sei für viele Menschen eine Hilfe, um durch diese schwere Zeit zu kommen, sagt auch Stefan Hund. Der Klinikpfarrer in Darmstadt ist eine Art Berater für Unternehmer und Angestellte, die sich verändern wollen. Corona sei wie ein Brennglas, sagt Hund, durch das längst überfällige Entscheidungen befördert werden. Er ist überzeugt davon, dass die breite Masse der Unternehmer und Unternehmen gestärkt aus der Krise hervorgehen kann, „weil sie nun durchs Feuer gehen“. Hund berichtet von vielen Menschen, die durch ungewöhnliche Situationen wie die Corona-Krise zum Handeln gezwungen sind und sich verändern müssen. „Doch dafür braucht es Gelassenheit“, appelliert er.

          „Phantastische“ Maßnahmen des Staates zur Unterstützung der Wirtschaft

          Das ist aber nicht so einfach, wenn man Verantwortung für seine Familie oder Mitarbeiter hat. „Es gibt Menschen, die über ihre Ängste nicht reden können und jetzt in ein Loch fallen“, fürchtet Jörn Herseth. Das dürfe nicht passieren, ergänzt Hund, man müsse die Situation aktiv anpacken und dürfe sich von ihren Auswirkungen nicht treiben lassen.

          Das findet auch Andreas Hammer. Der Geschäftsführer der Gesellschaft für Existenzgründungsberatung unterstützt Unternehmen bei der Beantragung von Hilfsmitteln. Die Maßnahmen des Staates zur Unterstützung der Wirtschaft nennt er „phantastisch“, mit Hilfe von Kurzarbeit, Krediten und Zuschüssen lasse sich vielen Betrieben sehr gut helfen. Trotzdem weiß Hammer, dass all das von der Länge der Kontaktbeschränkungen abhängt. „Nach den Osterferien muss der Spuk vorbei sein, weil die Mittel des Staates nicht unbegrenzt reichen.“

          Und dann? Dann wird es sicher einige Monate dauern, bis die Wirtschaft wieder in Gang kommt, fürchtet Herseth. Stefan Hund denkt, dass die Gesellschaft nach der Corona-Krise eine andere sein wird, zum Beispiel viel digitaler. Auch das könne eine Chance sein, sagt er und fügt hinzu, „auch wenn der Preis dafür sehr hoch ist“.

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