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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Zwischen Dramatisierung und Entdramatisierung

  • -Aktualisiert am

Zu Gast bei Sandra Maischberger: Robin Alexander (links), Anja Maier und Joachim Llambi Bild: WDR/Max Kohr

Der Brexit ist weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. In diesen Tagen reden dafür alle über einen Virus. Sandra Maischberger machte natürlich keine Ausnahme.

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          Vor einem Jahr hätte man sich diese Woche kaum vorstellen können. Es passiert, was damals alle möglichen Schreckensszenarien inspirierte: Der Brexit. Das Vereinigte Königreich wird an diesem Freitag die Europäische Union verlassen, und die Reaktion darauf fällt nüchtern aus. Die Matadore des mehr als dreijährigen Ringens sind müde geworden. So hat niemand mehr ein Interesse daran, seine Analysen und Meinungen der vergangenen drei Jahre noch einmal Revue passieren zu lassen. Schließlich ist der so häufig vorhergesehene ökonomische Ruin der Briten einstweilen nicht eingetreten. Talkshows sind ein guter Indikator für Tagesaktualität. Insofern konnte es nicht erstaunen, dass der Sieger dieser epischen Schlacht nur eine Nebenrolle spielte. Immerhin war der britische Premierminister Boris Johnson für den Welt-Journalisten Robin Alexander noch der „Gewinner der Woche“, ansonsten war der Brexit kein wichtiges Thema mehr.

          „Jeder lebt in seiner Zeit“

          Wenn nicht der bisherige Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker gewesen wäre. Den bald vollzogenen Brexit nahm Frau Maischberger zum Anlass, um den so oft geschmähten Luxemburger einzuladen. Dabei ist er eine der herausragenden Akteure der europäischen Politik der vergangenen Jahrzehnte. Wie ihm das gelingen konnte, war in dem Interview mit der Gastgeberin zu erleben. Seinem Humor fehlt es nie an Selbstironie, und selbst im 66. Lebensjahr hat er sich seinen jungenhaften Charme erhalten. So sei Boris Johnson ein „sich nicht in allen Details verständlich ausdrückendes Gesamtkunstwerk“. Niemand sonst findet in der europäischen Politik so gelungene Charakterisierungen seiner Kollegen, außer Johnson selbst. So kamen natürlich auch seine unkonventionellen Formen der Kontaktaufnahme zur Sprache. Das Wuscheln in den Haaren, oder Küsse zur Begrüßung, wusste er einzuordnen: Man küsse „mich nie auf die gleiche Art und Weise“.

          Das ist zu hoffen, so dachte sich wahrscheinlich mancher Zuschauer. Juncker repräsentiert ein Politikverständnis, das ein gutes persönliches Verhältnis als diplomatisches Instrument versteht. Das Großherzogtum verfügt über keine ökonomische oder militärische Macht, zudem ist Luxemburgs Geschichte mit der Erfahrung der Dominanz europäischer Großmächte verbunden. Was das heißt, wurde bei seinem Verhältnis zum ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orbán deutlich. Er begrüße ihn gerne mit dem Wort „Diktator“, sagte er. Er kenne ihn seit Jahrzehnten, schätze ihn, ohne „immer mit ihm einer Meinung“ zu sein. Nur hätte er „nicht gesagt, dass ich ihn mag“. Orbán sei so wie er ist. Das zu akzeptieren, um das Beste daraus zu machen, ist eine nicht zu unterschätzende Fähigkeit.

          Jean-Claude Juncker zu Gast bei Maischberger
          Jean-Claude Juncker zu Gast bei Maischberger : Bild: WDR/Max Kohr

          Als Juncker gegen den anfänglichen Widerstand der Bundeskanzlerin zum Kommissionspräsidenten gewählt wurde, hofften seine Unterstützer auf neue Impulse für die europäische Politik. Die Tragik seiner Amtszeit war der Brexit als das alles beherrschende Thema. Juncker sieht die Zentrifugalkräfte in der europäischen Politik. Angefeuert von einem Nationalismus, der „sich gegen andere richtet“, ist Europa für ihn „die Waffe gegen das nationalistische Gift“. Nur ist die EU ein komplexes Gebilde mit schwachen Institutionen. Juncker half mit seinem Politikverständnis, die innereuropäischen Konflikte auszutarieren. „Jeder lebt in seiner Zeit“, sagte Juncker, als es um Helmut Kohl und Angela Merkel ging. Heute stellt sich die Frage, wer eigentlich Junckers Rolle als diplomatischer Brückenbauer einmal übernehmen wird. Küssen muss er nicht, Humor und Selbstironie sollte er aber schon mitbringen. Das gilt selbstredend auch für weibliche Kandidaten.

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