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Tunesiens Kampf gegen Corona : Mit Polizeirobotern und Knoblauch

Um die Ausgangssperre zu kontrollieren, fährt ein Roboter durch die Straßen von Tunis. Bild: Facebook/Ministère de l'Intérieur Tunisie/Screenshot F.A.Z

Tunesien geht mit einer Mischung aus Hightech, Aberglaube und strengen Maßnahmen gegen das Coronavirus vor. Wirtschaftlich stand das Land schon vor dieser Krise kurz vor der Zahlungsunfähigkeit.

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          Der Hund will sich mit dem Roboter anfreunden. Schwanzwedelnd folgt er auf einer menschenleeren Straße in Tunis dem kleinen gepanzerten Gefährt. Der ferngesteuerte Roboter, durch viele Videos im Internet international bekannt, ist der Stolz der tunesischen Polizei. Seine Kameras können jeden Winkel erfassen, auch in der Nacht. Mit Hilfe solcher Roboter kontrollieren die Polizisten die wenigen Menschen, die immer noch in der tunesischen Hauptstadt unterwegs sind. Von 18 Uhr an gilt bis sechs Uhr morgens im ganzen Land eine Ausgangssperre. Tagsüber sind alle Bürger dazu aufgerufen, ihr Haus nur zu verlassen, wenn sie Lebensmittel kaufen oder zum Arzt müssen.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Wer sich nicht daran hält, muss mit empfindlichen Strafen rechnen. Dafür sorgt auch die Armee. Polizisten haben schon mehr als 10.000 Führerscheine von Autofahrern eingezogen, die keine Ausgangsgenehmigung hatten. Nun sollen auch noch ihre Autos beschlagnahmt werden. Reisen zwischen den Regionen und Städten sind nur noch bei medizinischen Notfällen erlaubt. Das nordafrikanische Land mit mehr als 300 gemeldeten Infektionen und neun Todesfällen steht wegen des Coronavirus praktisch still – wie der Rest des Maghreb, der sich von der Außenwelt abgeschottet hat. Auch in Algerien und Marokko ruht seit gut zehn Tagen der Flug- und Fährverkehr.

          Tunesien führt seinen Kampf mit einer Mischung aus Hightech, drastischen Maßnahmen und Panikreaktionen. In den ersten Tagen kursierte in den sozialen Netzwerken das Gerücht, Knoblauch könnte gegen Corona helfen. Die Menschen machten Hamsterkäufe, der Preis der knapper werdenden Knollen verfünffachte sich zeitweise. Später verlegten sich die Einkäufer dann auf Couscous. Die Sorge wuchs, das Grundnahrungsmittel in der Region könnte knapp werden.

          Produktion von 50.000 Masken

          Viele Menschen in dem Land hatten schon vor dem Ausbruch der Krise zu kämpfen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und besonders das große Heer der Tagelöhner lebt von der Hand in den Mund. Staatliche Hilfen wird es auch nicht für die tunesische Schattenwirtschaft mit rund einer halben Million Kleinstunternehmen geben. Hunderttausende Arbeitsplätze drohen in den Hotels verloren zu gehen, welche die Touristen fluchtartig verlassen haben. Im vergangenen Jahr kamen zehn Millionen Urlauber an die Strände des Landes. Fast zwanzig Prozent der Bevölkerung arbeitet direkt oder indirekt in der Tourismusbranche.

          Trotzdem stand Tunesien schon vor dem Ausbruch der Corona-Krise kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Die neugewählte Regierung war dabei, mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen neuen Kredit in Höhe von 1,2 Milliarden Euro zu verhandeln. Statt diesen Kredit schnell zu gewähren, ohne dass Tunesien sich im Gegenzug zu Reformen verpflichtet, wird der IWF Tunesien mit einer Corona-Nothilfe in Höhe von 450 Millionen Dollar unterstützen. Dazu kommen noch einmal 310 Millionen Euro von der EU. Die Afrikanische Union schickte am Wochenende ein Flugzeug mit Hilfsgütern, die angeblich chinesische Geschäftsleute finanziert hatten.

          Doch das Gesundheitssystem ist der Ausbreitung des Virus kaum gewachsen. Es gibt viel zu wenige Betten in den Intensivstationen. Schon die Lieferung von Alkohol aus China für die Produktion von Desinfektionsgel wurde zu einer Odyssee. Zeitweise behauptete die Regierung, das Frachtschiff sei „auf hoher See von den Italienern geraubt“ worden. Später war dann nur von einer Entführung ohne italienischer Beteiligung die Rede. Vor allem fehlt in Tunesien die Schutzausrüstung. 150 Angestellte einer tunesischen Fabrik ergriffen darum selbst die Initiative. Um nicht mit der Ausgangssperre in Konflikt zu geraten, ließen sie sich in ihren Werkshallen einschließen und produzierten mehr als 50.000 Masken. Andere Textilproduzenten machen es ähnlich. Die Isolation und die Trennung von ihren Familien ist nicht einfach. Aber ihr Patriotismus sporne seine Mitarbeiter an, sagte der Direktor Hamza Alouini dem Sender BBC.

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