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Urlaub in der Türkei : „Ich habe nicht den Eindruck, dass hier das Risiko größer ist“

Aufnahme einer Drohne: Ein Strand im türkischen Urlaubsziel Antalya Bild: Getty

Trotz der Reisewarnung wollen viele Deutsche nicht auf ihren alljährlichen Urlaub in der Türkei verzichten. So wie Familie Hütten aus Aachen oder Familie Farrell aus Frankfurt. Die Gründe für diese Entscheidung liegen für sie auf der Hand.

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          Es war am Sonntag, 5. Juli, als in Aachen die Familie Hütten beschloss, trotz Covid-19, trotz der Reisewarnung für die Türkei und trotz aller Bedenken der Freunde doch zum fünfzehnten Mal Urlaub in Antalya zu machen. Nach den Einschränkungen der letzten Monate hätten sie es nicht mehr ausgehalten, sagt Ralf Hütten. Sie hätten Sehnsucht nach dem Hotel „Susesi“ gehabt, was „die Stimme des Wassers“ bedeutet. Nun sind sie, Ralf und Birgit Hütten, ihre drei Kinder und erstmals ein Enkelkind, zum zehnten Mal in dem Hotel, und entspannt sitzen sie an einem riesigen Pool, im Schatten von Palmen und Pinien einer weitläufigen Anlage, mit Blick auch auf das Meer.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Niemandem hätten sie davon erzählt, verrät Birgit Hütten. Irgendwann seien sie die Diskussionen und all das Fragen leid gewesen, ob man denn in diesem Jahr wirklich in den Urlaub fliegen könne. Viele Freunde hätten ihren geplanten Sommerurlaub ganz abgesagt. Sie, die Hüttens, hätten zwar Respekt vor dem Virus, aber keine Angst, und hätten sich einen Shitstorm ersparen wollen und daher erst gar nichts gesagt. Und so flogen sie am 14. Juli von Köln nach Antalya.

          Zuvor hatten sie sich informiert, welche Vorkehrungen das Hotel für die Sicherheit seiner Gäste getroffen hat. Was die geschrieben hätten, sei ja gigantisch. Und es stimme, ruft Birgit Hütten aus. „Die tun hier ja alles, damit man den Urlaub genießen kann.“ Sicherheit gibt etwa, dass Wärmekameras bei allen, die das Hotel oder eines der Restaurants betreten, die Temperatur messen, dass die Abstandsregeln eingehalten werden, dass im Restaurant Kellner jeden einzelnen Gast bedienen, denn nur sie haben Zugriff auf das Buffet hinter dem Plexiglas.

          Alle 153 Kriterien müssen erfüllt sein

          Das ist bei den Hotels, die in den vergangenen Wochen wieder geöffnet haben, längst Standard. Damit ein Hotel überhaupt öffnen konnte, musste ihm ein Zertifizierungsunternehmen wie der TÜV oder Büro Veritas bestätigen, dass es alle 153 Kriterien, die das türkische Ministerium für Tourismus mit diesen Unternehmen für den Schutz der Gäste entwickelt hatte, auch umsetzt. Einen Monat gilt das „Zertifikat für sicheren Tourismus“. Dann kommen die Prüfer wieder.

          Letztlich überzeugt habe die Familie, sagt Birgit Hütten, dass man am Flughafen von Antalya vor dem Rückflug einen Covid-19-Test machen lassen kann, der in Deutschland anerkannt wird. Bentour, der führende Türkei-Anbieter, hat das und die Kosten von umgerechnet 15 Euro bereits in seinem Paket und nimmt den Urlaubern die Papierarbeit für den Test ab. „Nach der Rückkehr wollen wir nicht in Quarantäne, wir müssen ja gleich wieder arbeiten.“ Müssten sie in Quarantäne, hätten sie die Reise nicht gebucht. Da hilft es nichts, wenn die Hüttens die Risikowarnung für die Türkei ungerecht finden. „Ich kann sie einfach nicht nachvollziehen“, sagt Ralf Hütten.

          Familie Hütten aus Aachen
          Familie Hütten aus Aachen : Bild: Rainer Hermann

          Beide haben harte Monate hinter sich. Birgit Hütten betreibt eine Gaststätte. Acht Wochen war sie geschlossen, nur langsam läuft sie wieder an. Viele haben noch Angst, wegen der Kurzarbeit haben sie weniger Geld, große Feste und Veranstaltungen gibt es auch weiterhin nicht. Ralf Hütten hatte kurz vor dem Ausbruch von Covid-19 in Deutschland nach 35 Jahren Selbständigkeit seine Fleischerei und seinen Partyservice aufgegeben und verkauft. Rund um die Uhr habe er gearbeitet. Die Auflagen wurden immer mehr, es gab immer weniger Personal. Und so ist er jetzt selbst bei einer anderen Fleischerei angestellt.

          „Langweilig wird es uns nicht“

          Die Hüttens kennen das Hotel in Antalya länger als manche Angestellte. „Alles ist sauber, alle sind freundlich, und nie haben wir einen schlecht gelaunten Kellner erlebt“, sagt Birgit Hütten. Seit Jahren bewohnen sie ein Familienzimmer, von dem sie über einen Kanal direkt in einen großen Pool schwimmen können. Meistens bleiben sie in der großen Anlage, die bis auf eine Pier im Meer hinausreicht.

          „Langweilig wird es uns nicht“, sagt der Sohn. Schließlich nehme er als DJ von den Veranstaltungen jeden Abend Anregungen mit zurück nach Deutschland. Beeindruckt haben ihn in den vergangenen Jahren der nahegelegene Aqua- und Unterhaltungspark Lands of Legends („der kommt Disneyland nahe“) und die „Monstertour“ in den Bergen oberhalb von Antalya mit Rafting und einem Speedboat in einer Schlucht.

          Spät, am 1. Juli erst, hat das Susesi in diesem Jahr wieder geöffnet. Vor allem inländische Urlauber checkten da ein, anfänglich lag die Auslastung bei mageren 15 Prozent. Dann kamen Stammkunden wie die Hüttens aus Deutschland, der Schweiz und der Ukraine, die Auslastung stieg auf 20 Prozent. Ziel seien Ende Juli 30 Prozent, sagt Koray Incedis, der Sales Manager für die europäischen und englischen Märkte. Maximal strebt das Susesi, wie alle anderen Hotels in Antalya, eine Auslastung von höchstens 60 Prozent an, um für einen sicheren Urlaub sorgen zu können. Dabei hatte das Resort vor dem Ausbruch von Covid-19 für den Juli bereits Reservierungen, die eine Auslastung von 60 Prozent garantiert hätten. Aus Angst haben die meisten storniert. „Die Stammgäste, die kommen, sind zwar vorsichtig, nehmen die Situation aber etwas lockerer, weil sie vollständiges Vertrauen in das Hotel haben“, sagt Incedis.

          Nach dem Ausbruch hätte sie nicht mehr gebucht

          Als in Aachen die Familie Hütten noch diskutierte, saß Natascha Farrell mit ihren beiden Söhnen bereits im Flugzeug. Ein Stammgast in Antalya ist sie nicht. Ihre Reise, die sie an Weihnachten gebucht hatte, hat sie trotzdem nicht storniert. Dabei hätte sie das bis 24 Stunden vor dem Abflug tun können. Das Hotel, das sie gebucht hatte, ist weiter zu, und so bot ihr der Reiseveranstalter als Alternative eine der besten Anlagen im Raum Side an, das Resort Alibey, das bekannt ist für seinen mediterranen Pinienwald und die Bauten im Stil der Häuser am Bosporus.

          Als die drei am 5. Juli ankamen, waren sie in einer Anlage, die für 1300 Gäste konzipiert ist, praktisch alleine. Natascha Farrell und ihre Kinder hatten die Pools und den Strand weitgehend für sich. Nach einer Woche waren es dann 300 Gäste, und seither steigt die Zahl weiter. „Auf Spiekeroog ist es aber voller als hier“, sagt Farrell.

          In Frankfurt war sie oft gefragt worden, ob sie denn ernsthaft in die Türkei reisen wolle. Nachdem Covid-19 ausgebrochen war, hätte sie wohl nicht mehr gebucht, räumt sie heute ein. Sie würde jetzt auch nicht den Jakobsweg laufen oder mit dem Rucksack in Spanien unterwegs sein. Farrell ist aber reiseerfahren. Sie macht gerne in Deutschland Urlaub, war aber viel in Afrika und in den Tropen unterwegs, also in Ländern ohne gute medizinische Versorgung. Dabei hielt sie sich stets an die Hygienevorschriften, sie wusch sich immer gut die Hände und aß nichts Rohes. Sie weiß also, wie man sich gegen gesundheitliche Gefahren schützt. Und so verlassen die drei die Anlage nicht, sie quetschen sich in keinen Minibus und gehen auch nicht auf irgendwelche Märkte. „Das ist ein Kinderurlaub und kein Bildungsurlaub“, sagt Farrell.

          Die Anlage, die sie nicht verlassen, ist so groß wie zwanzig Fußballfelder, und sie ist sauber. „Die Hygienebestimmungen sind streng“, sagt die Frankfurterin. Die Zimmer werden am Tag zweimal desinfiziert, überall stehen Desinfektionsständer, und im Restaurant müssen auch die Gäste Masken tragen.

          Vor dem Abflug hatte sie für 50 Euro eine weltweit gültige Reiseversicherung abgeschlossen, da die gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland wegen der Reisewarnung keine Kosten für eine medizinische Behandlung in der Türkei übernehmen. Jeder müsse selbst entscheiden, welches Risiko er eingehe und müsse bei jeder Reise die Risiken abwägen, rät Farrell. „Ich habe aber nicht den Eindruck, dass hier das Risiko größer ist als in Frankfurt.“

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