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Tschechischer Corona-Rekord : Vom Musterschüler zum Sorgenkind

Zu früh gefreut: Die Bewohner Prags, die am 1. Juli mit einem Festmahl das Ende der Corona-Maßnahmen feierten. Bild: dpa

Die Tschechische Republik verzeichnet so viele Corona-Infektionen wie nie, ein Hotspot ist die Hauptstadt Prag. Die Vorsicht, mit der die Tschechen im Frühjahr europäische Maßstäbe setzten, ist mittlerweile verflogen.

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          Symbolisch wurde das Coronavirus schon verabschiedet. Am 1. Juli feierten rund 2000 Pragerinnen und Prager das fast vollständige Ende der pandemiebedingten Einschränkungen in der Tschechischen Republik: Mit Speis, Trank und Gesang an einem mehr als 500 Meter langen Tisch auf der Karlsbrücke, dem touristischen Wahrzeichen der Stadt. „Dies ist eine Art Feier für das „Leben“, sagte der Organisator des Festbanketts, der Prager Kaffeehausbesitzer Ondřej Kobza, einer ausländischen Fernsehstation. Er feierte nicht nur, dass die Maskenpflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln aufgehoben wurde. Auch die Prager Kneipen konnten nun wieder zwischen 23 Uhr abends und 6 Uhr morgens öffnen.

          Der Gastronom und die Kneipengänger hatten sich zu früh gefreut. Denn etwas mehr als zwei Monate später schlägt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Alarm. Die Situation in der Tschechischen Republik sei „besorgniserregend“, erklärte am Dienstag ihre tschechische Zweigstelle. Es gebe keine Alternative zum Testen, Nachverfolgen und Isolieren. Der tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš reagiert gereizt auf diese Mahnung: „Diese WHO, die die Masken nicht empfahl und nicht einmal wusste, dass es eine Pandemie gab. Ich denke, sie sollte schweigen“, schrieb er auf Twitter. Gleichzeitig gelten ab Mittwoch neue Maßnahmen: Demnach müssen die Prager Bars, Gaststätten und Klubs von Mitternacht bis sechs Uhr morgens schließen. Ebenso gilt wieder eine Maskenpflicht in den Einkaufszentren und Geschäften der tschechischen Hauptstadt. Eine neue landesweite Pflicht zur Mund-Nasen-Bedeckung in öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es schon seit vergangener Woche.

          Prag rechnet mit deutscher Reisewarnung

          In den vergangenen knapp zwei Monaten kannten die Infektionszahlen in der Tschechischen Republik nur eine Richtung: steil aufwärts. Am 17. Juli meldete das tschechische Gesundheitsministerium 2205 aktiv Corona-Infizierte im Land. Diesen Montag zählte das Ministerium 8667 aktive bekannte Fälle. Das ist neuer Rekord – im Frühjahr hatte der Höchstwert noch bei 4653 aktiven Fällen gelegen. Die Zahlen sind auch im Vergleich zu den deutschen Nachbarn bemerkenswert. Die Tschechische Republik zählt mit ihren etwa 10,5 Millionen Einwohnern etwa halb so viele aktive Fälle wie das 83-Millionen-Land Deutschland mit aktuell rund 17.220 aktiv Infizierten. Ein Hotspot ist die Hauptstadt Prag. In ihr gab es in den vergangenen sieben Tagen 74 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner. Ist in einem Gebiet diese Sieben-Tages-Inzidenz höher als 50 auf 100.000 Einwohner, können es die deutschen Bundesbehörden zum Risikogebiet erklären.

          Am Freitag schon machte ein Regierungsvertreter klar, dass er mit einer deutschen Reisewarnung rechnet. Deutschland erwäge, Prag oder gar die ganze Tschechische Republik zum Risikogebiet zu erklären, sagte der stellvertretende tschechische Außenminister Martin Smolek dem Radiosender „Radiožurnál“. Die Hoffnung, dass nicht das ganze Land Risikogebiet wird, fußt darauf, dass die Tschechische Republik insgesamt mit 36 Neuinfektionen auf 100.000 Fälle in den vergangenen sieben Tagen noch unterhalb des Schwellenwerts liegt. Aber auch die Slowakei könnte laut der Tageszeitung „Deník N“ Maßnahmen ergreifen um zu verhindern, dass das Infektionen eingeschleppt werden. Auf die tschechische Wirtschaft werde das sehr negative Auswirkungen haben, warnt die Zeitung.

          Wie die Masken und Schlagbäume fielen

          Mit der Slowakei hat die Tschechische Republik gemeinsam, dass die beiden ostmitteleuropäischen Länder sehr früh rigorose Maßnahmen ergriffen haben. Schon Mitte März verpflichteten sie zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im öffentlichen Raum und schlossen ihre Staatsgrenzen. Die Maßnahmen sorgten als sehr starke Einschränkung persönlicher Freiheit europaweit für Aufsehen. Doch der Pandemieverlauf sollte den tschechischen Ministerpräsidenten Babiš und seinem slowakischen Amtskollegen Igor Matovič als Vorreiter bestätigten. Bald schlossen fast alle EU-Mitgliedsstaaten ihre Grenzen und verpflichteten zur Mund-Nasen-Bedeckung. Kritik musste Regierungschef Babiš dagegen dafür einstecken, dass seine Regierung eine Maskenpflicht verfügte, aber nicht in der Lage war, genügend Masken bereitzustellen. „Masken, wir nähen Masken“, spottete der Sänger Xindl X in einem im eigenen Garten aufgenommenen Lied. Das kollektive Maskennähen symbolisierte jedoch auch, wie diszipliniert und solidarisch die Tschechen die Einschränkungen in der ersten Phase der Pandemie mittrugen.

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