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Trumps Umgang mit Corona : Die Mär vom „ausländischen“ Virus

Donald Trump am Donnerstag mit dem irischen Premierministers Leo Varadkar: „Wir mussten eine Entscheidung treffen.“ Bild: AP

Donald Trumps Plan, sein Volk vor der Einschleppung von Sars-CoV-2 aus Europa abzuschotten, ist eine Flucht – die Flucht aus der Realität. Reisebeschränkungen waren von Anfang an eine stumpfe Waffe.

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          Bis Mitte der Woche wurde die amerikanische Bevölkerung von ihrem Präsidenten im Glauben gelassen, bei der Corona-Pandemie handele es sich erstens um den jüngsten Schabernack des politischen Gegners, mit dem die Landsleute ähnlich verunsichert werden sollten wie mit der Klimakrise, und zweitens um gar kein ernsthaftes Gesundheitsproblem. Alles gut, alles im Griff, so Donald Trump bei seinem Besuch in der Nationalen Seuchenbehörde (CDC). Sprach’s gegen den wissenschaftlichen Rat und ließ Covid-19 die neue Grippe sein, die alles sei, nur eben nicht in der Lage, Amerikas Wellness zu erschüttern.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dann allerdings passierte das, was nur Donald Trump vermag: Er ignorierte nicht nur einmal den wissenschaftlichen Rat, sondern gleich zweimal. Plötzlich war das neue Virus eine Sicherheitsgefahr und die Europäer waren die Versager – deshalb dürfen sie auch 30 Tage nicht einreisen. Reisebeschränkungen aber, das hätte er bei seinen Wissenschaftlern abfragen können, sind längst nicht mehr das Mittel der Wahl im Kampf gegen das Sars-CoV-2-Virus.

          Reisebeschränkungen waren sogar von Anfang an eine stumpfe Waffe. Als die amerikanische Regierung am 31.Januar eine gesundheitliche Notlage konstatierte und einen Einreisestopp aus China veranlasste, war das Virus lange schon in die Vereinigten Staaten eingereist. Das zeigen die genetischen Analysen der Virus-Linien, die man sechs Wochen später an der amerikanischen Westküste gefunden und entschlüsselt hat – besser müsste man sagen: die mehr oder weniger zufällig bei einem Patienten in Seattle diagnostiziert worden waren. Denn Sars-CoV-2-Tests waren – und sind – in den Vereinigten Staaten Mangelware. Im Januar und weit in den Februar hinein waren, wie das zuständige CDC inzwischen einräumte, die amerikanischen PCR-Testkits fehlerhaft. Mit ihnen konnte das neue Virus gar nicht ermittelt werden.

          Seriöse und sehr genaue Tests gibt es außerhalb von Trump-Land seit der zweiten Januarwoche. Von Boston bis San Francisco hingegen wurde wie selbstverständlich landesweit nicht getestet, weil erstens viel zu wenige Tests vom CDC verschickt worden waren und zweitens die Regierung Trump den Anschein zu vermitteln versuchte, der jetzt auch wieder aus dem Weißen Haus kommuniziert wird: Das „ausländische“ Virus habe in den Vereinigten Staaten gar nichts zu suchen.

          Epidemiologen wie den Harvard-Forscher Marc Lipsitch verwundert es nicht, dass das Virus schon längst in Trump-Land ist. Der Flugverkehr war im Januar, als das Virus sich von China schon auf den Weg gemacht hatte, nach Nordamerika genauso rege wie nach Europa. So lässt sich für die Vereinigten Staaten genauso wie für Italien gleichermaßen feststellen: zu spät erkannt, zu wenig getestet.

          Erst allmählich, da die Infektionszahlen andere Deutungen als „Jetzt ist es wohl doch da“ gar nicht mehr zulassen, ändert sich die Haltung der Trump-Administration. Die Idee, dass man mit Reisebeschränkungen das Virus aufhalten könnte, scheint sich allerdings hartnäckiger zu halten. Das mag an den Bildern der Sars-Bekämpfung vor 17 Jahren liegen. Damals waren Verdachtspersonen, die infiziert gewesen sein konnten, mit Fieberthermometern an den Flughäfen identifiziert und rasch isoliert worden. Das Sars-Virus war allerdings auch nur bei Infizierten mit Symptomen infektiös. Das neue Coronavirus jedoch, das zwar eng verwandt mit dem ersten Sars-Virus, aber in diesem entscheidenden Punkt ganz anders ist, verbreitete sich früh auch durch Infizierte mit milden Symptomen, von denen viele mutmaßlich nie einen Arzt oder eine Klinik aufgesucht haben. Der Erreger verbreitete sich quasi unter dem Radar jeder Flughafenkontrolle.

          Damit war für Virologen und Epidemiologen klar: Das Sars-CoV-2-Virus lässt sich an Grenzen und Flughäfen praktisch nicht stoppen. In einer Untersuchung, die im Journal der amerikanischen Medizinervereinigung von chinesischen Forschern veröffentlicht wurde, wird der Eindämmungseffekt der Reisebeschränkung in Wuhan – dem Epizentrum der Seuche – beschrieben: Die Einschränkungen nach der Notlage-Erklärung Ende Januar habe den Ausbruch in anderen Regionen der Welt um allenfalls drei bis fünf Tage hinausgezögert. Zu verhindern war die Ausbreitung da schon lange nicht mehr.

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          Die restriktiven lokalen Eindämmungsmaßnahmen waren viel entscheidender, um die Gesundheitssysteme zu entlasten. Also Hygiene und soziale Isolation, dass die Menschen zu Hause bleiben, Schulen geschlossen, Veranstaltungen und Feste abgesagt werden. „Eindämmung“ heißt deshalb für Experten schon lange nicht mehr, das Virus zu eliminieren – auch wenn die Weltgesundheitsorganisation selbst lange diesen Eindruck vermittelt hat mit ihrer Metapher vom sich schließenden „Fenster der Möglichkeiten, die Seuche noch aufzuhalten“. Tatsächlich geht es heute nur noch darum, die Infektionskurve abzuflachen, den Ansturm auf Kliniken und Praxen zu vermeiden oder wenigstens zu strecken.

          In aktuellen Studien wie einer Analyse in der Medizinzeitschrift „Lancet“, die sich mit den Eindämmungserfolgen in Hongkong, Singapur und Japan befasst, wird das klar herausgearbeitet: Nicht die Abschottung bremst die Ausbreitung, sondern konsequente lokale Maßnahmen. Das heißt: Infizierte durch viele Tests möglichst früh identifizieren („Kontakt-Tracing“), und wer im Verdacht steht, sich angesteckt zu haben, bleibt zu Hause bis Klarheit herrscht, bis ein Test den Verdacht erhärtet oder ausräumt. Die Gesundheitssysteme kaufen sich Zeit nicht, indem man sich nach außen abschottet, sondern nach innen – indem jeder auch auf sich und die Familie achtet. Die Pandemie jedenfalls an der Grenze endgültig zu stoppen bleibt eine Illusion, solange sich wie in Trump-Land die Infektionsketten im Inland von selbst aufrechterhalten und vermehren.

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