https://www.faz.net/-guw-9yvw6

Trauer in der Corona-Krise : „Man muss die Maßnahmen bei Beerdigungen wieder zurückfahren“

  • -Aktualisiert am

Trauergäste bei einer Beerdigung in Mailand: Auch in Deutschland ist die Teilnehmerzahl bei Bestattungen stark eingeschränkt. Bild: dpa

Nur wenige Menschen dürfen während der Pandemie Beerdigungen beiwohnen. Ein Trauerbegleiter erklärt, warum das für die Trauerbewältigung schwierig ist – und was helfen kann, um aus der Ferne Abschied zu nehmen.

          3 Min.

          Herr Mucksch, Sie sind Vorstandsmitglied im Bundesverband für Trauerbegleitung und arbeiten auch selbst als Trauerbegleiter. Wie gehen Sie in Ihrem Beruf mit der Corona-Krise um?

          Das betrifft verschiedene Ebenen: Unser ganzer Fortbildungsbereich liegt komplett brach, wir dürfen überhaupt nicht arbeiten. In der Trauerbegleitung selbst dürfen wir aktuell keine Treffen stattfinden lassen. Wir versuchen, den Kontakt über Mails aufrecht zu erhalten, aber merken, dass der Austausch in der Gruppe sehr vermisst wird. Termine für Trauergruppen sind immer lange im Voraus geplant. Die Trauernden wissen: Die anderen verstehen mich ohne große Worte, weil sie dasselbe durchmachen wie ich. Wenn so eine Struktur wegbricht, ist das ein großer Verlust. Zudem summieren sich Isolation und Quarantäne auf die ohnehin schon nicht normale Situation. Das ist sehr schwierig, die Belastbarkeit von Menschen ist nicht unbegrenzt.

          Nach dem Tod eines geliebten Menschen Abschied zu nehmen wird in der Corona-Krise auch dadurch erschwert, dass nur noch eine begrenzte Zahl von Menschen an Beerdigungen teilnehmen darf. Welche Auswirkung hat das?

          Die Beerdigungsrituale, gleich welcher Art – ob rein weltlich oder religiös orientiert – haben immer einen gemeinschaftsstiftenden Charakter. Sie geben der Trauer Ausdruck und Struktur. Es ist ganz wichtig, sich getragen zu wissen von dieser Gemeinschaft, die mitgeht zum offenen Grab. Darum habe ich immer schon infrage gestellt, wie sinnhaft eine Beerdigung im engsten Familienkreis ist. Manchmal ist die beste Freundin vielleicht wichtiger als der Bruder. Es ist für Trauernde auch wichtig, die Situation auf dem Friedhof wahrzunehmen. Zum Beispiel, wie der Sarg oder die Urne der Erde übergeben wird, auch wenn dieser Moment sehr schmerzhaft ist. Dieses Teilhaben ist wichtig, um zu realisieren: Hier gibt es einen absoluten Abschluss, hier ist jemand definitiv gestorben. In vielen Fällen geht eine Beerdigungsgesellschaft anschließend für Kaffee und Kuchen oder eine heiße Suppe in eine Gastwirtschaft. Dadurch merken die Trauernden: Das Leben geht weiter. Der Schmerz bleibt, aber man ist bestärkt in dem Wissen, dass man nicht alleine ist. Wenn die Teilnehmerzahl auf 20, zehn oder möglicherweise nur fünf Menschen beschränkt ist, fällt nicht alles, aber vieles davon weg. Auch die körperlichen Gesten von Zuwendung und Nähe werden ja praktisch unmöglich gemacht.

          Norbert Mucksch ist Vorstandsmitglied des Bundesverbands für Trauerbegleitung.
          Norbert Mucksch ist Vorstandsmitglied des Bundesverbands für Trauerbegleitung. : Bild: privat

          Wenn man zur Risikogruppe gehört oder in einem anderen Land lebt und aufgrund der Beschränkungen nicht anreisen kann – gibt es dann andere Wege, um aus der Ferne Abschied zu nehmen?

          Ich glaube, dass das über eine enge Anbindung und einen guten Austausch mit den Angehörigen und Freunden an Ort und Stelle möglich sein kann. Das ersetzt zwar nicht den Abschied in der Form, dass man einen sterbenden Menschen nochmal besucht, einer Beerdigung beiwohnt oder in der Leichenhalle am offenen Sarg Abschied nimmt, aber es kann helfen. Auch kann ich mir bewusst ein Foto des verstorbenen Menschen aufstellen und mir kleine Rituale schaffen. Wenn ich zum Beispiel nach Hause komme, fällt der Blick erst mal auf diesen geliebten Menschen und ich gebe der Erinnerung und den positiven Momenten mit diesem Menschen Raum. Und wenn ich dann später doch die Möglichkeit habe, an den Ort des Versterbens oder der Bestattung zu kommen, nehme ich mir sehr bewusst Ruhe und Zeit dafür. Und dann nehme ich verzögert an diesem Ort Abschied.

          Ist Trauer denn etwas, das man verschieben und später nachholen kann?

          Eine Trauer, die man nicht zugelassen hat oder die aufgrund der Umstände nicht zugelassen werden konnte, wird sich zu einem anderen Zeitpunkt einen Platz und einen Raum suchen. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Mutter eines Mädchens, das an Leukämie verstorben ist. Als sie zu uns in die Trauergruppe kam, lag der Tod des Mädchens schon mehrere Jahre zurück. Sie hatte nie Gelegenheit zu trauern. Aber sie hat gespürt, sie muss dem Ganzen nochmal einen Ort geben, auch wenn es sie zu Tränen rührt. Das spricht ja dafür, dass man Trauer nachholen kann. Man kann das nicht in eine Kiste sperren und so tun, als wäre das nie geschehen.

          Wohin kann das führen, wenn man sich nicht mit der eigenen Trauer auseinandersetzt?

          Diese nicht zugelassene Trauer kann maskiert auftreten und sich in einem ganz anderem Gewand zeigen. Das kann zu aggressivem Verhalten führen, oder in schlimmeren Fällen möglicherweise zu einer Art pathologischen Trauer. Also, dass man eine psychische Erkrankung entwickelt wie Depression. Das, was dann möglicherweise krank macht, ist nicht die Trauer an sich, sondern die Umstände, die mit dieser Trauer verbunden waren. Das ist zwar ein filigraner, aber gewichtiger Unterschied. Die Trauer ist die Lösung, nicht das Problem. Umstände wie die Corona-Maßnahmen jetzt widersprechen dem eigentlichen menschlichen Bedürfnis, in eine Gemeinschaft zu treten und Abschied zu nehmen. Es ist nachvollziehbar, dass man vorsichtig ist, um sich vor dem Virus zu schützen, aber das ist teuer eingekauft.

          Sollte es beim Abschied nehmen also auch mehr Lockerungen geben?

          Ich würde mir wünschen, dass die ganz engen Regelungen ausgeweitet werden. 20 Menschen zu einer Beerdigung zuzulassen ist zwar nicht ideal, aber immerhin schon etwas. Wenn jetzt Geschäfte wieder geöffnet werden, dann muss man auch die Maßnahmen bei Beerdigungen wieder zurückfahren. Wichtig ist auch, dass die Friedhofsverwaltungen und möglicherweise Kirchengemeinden Menschen konkrete Angebote machen und sie in dieser Situation nicht alleine lassen. Da passiert schon einiges. Virtuelle Trauerräume oder Liveübertragungen von Gottesdiensten und Trauerfeiern können für einzelne Menschen ein – wenn auch nur kleiner – Ersatz sein. Das wird jeder für sich selbst definieren und hängt auch mit der Affinität zu diesen technischen Möglichkeiten zusammen. Letztendlich ersetzt es die persönliche Begegnung aber nicht vollständig.

          Einschränkungen bei Bestattungen

          Bestattungen unterliegen gerade aufgrund der Corona-Pandemie zwar strengen Auflagen, von dem allgemeinen Kontaktverbot sind sie jedoch ausdrücklich ausgenommen. Die genauen Bestimmungen zur Abhaltung von Urnen- oder Sargbestattungen unterscheiden sich innerhalb der verschiedenen Bundesländer. In Nordrhein-Westfalen dürfen Beerdigungen zum Beispiel aktuell nur im Kreise der engsten Familie und unter Einhaltung strengster Hygienemaßnahmen abgehalten werden, wobei ein Abstand von mindestens 1,5 Metern gehalten werden muss. Auf körperliche Gesten der Anteilnahme wie Händeschütteln, Küsse oder Umarmungen soll während der Trauerveranstaltung verzichtet werden. Gottesdienste sind auch im Rahmen der Bestattung nicht erlaubt, Totengebete im Kreise der Familie hingegen schon.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wohnen in Berlin : Ausgedeckelt

          Karlsruhe hat das Prestigeprojekt der rot-rot-grünen Landesregierung für nichtig erklärt. Bedauerlich ist jedoch, dass das Gericht keine inhaltliche Bewertung des Mietendeckels vornimmt – und absehbar, was Grüne, SPD und Linke nun tun werden.
          Chinas Seidenstraße ist ein viele Länder umfassendes Infrastrukturprogramm mittlerweile.

          Neue Seidenstraße : Montenegro tut sich schwer mit einem chinesischen Kredit

          Trotz vieler Warnungen hat sich der kleine Adria-Staat für den Bau einer neuen Autobahn mit etwa einer Milliarden Euro in China verschuldet. Die Strecke ist zwar noch nicht fertig, doch die Rückzahlung steht an – und Geld fehlt.
          Angst um ihre Sitze im Bundestag müssen bei der Union die wenigsten Abgeordneten haben. (Symbolbild)

          Streit über Kanzlerkandidatur : Falsche Rechnungen im Streit der Union

          Angst um ihr Mandat kann für die Abgeordneten von CDU und CSU kein Motiv sein, sich im Kandidatenstreit auf eine Seite zu schlagen: Sogar wenn die Union schlecht abschneidet, müssen sie nicht um ihre Sitze fürchten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.