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Wegen Corona-Beschränkungen : Tausenden von HIV-Infizierten droht ein vorzeitiger Tod

„Stop Aids“: Nachtwache beim Weltaidstag 2018 in London Bild: dpa

Die Weltaidskonferenz findet nur virtuell statt – und handelt vor allem von Corona. Die Folgen der pandemiebedingten Beschränkungen sind verheerend: Tausende HIV-Infizierte können nicht mit lebenserhaltenden Medikamenten versorgt werden.

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          Die Corona-Pandemie mit inzwischen mehr als 3,1 Millionen offiziell festgestellten Infizierten hat andere Seuchen aus dem Fokus von Öffentlichkeit und Politik nicht nur nahezu verdrängt. Corona mit all seinen Folgen führt auch zum Teil zu dramatischen Folgen im Kampf gegen eine noch immer viel zu oft tödlich verlaufende Krankheit: Aids.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Zusätzlich konnte erstmals in ihrer Geschichte in diesem Jahr eine Weltaidskonferenz nicht wie geplant stattfinden. Das 23. internationale, nur noch alle zwei Jahre stattfindende Treffen hätte in dieser Woche wahrscheinlich wieder an die 20.000 Konferenzteilnehmer zusammengebracht, und zwar ausgerechnet in dem von Corona am schlimmsten betroffenen Land der Welt, den Vereinigten Staaten. So aber fand „Aids 2020“ nicht in San Francisco und dem nahegelegenen Oakland in Kalifornien, sondern stark verkleinert und virtuell im Netz statt. Auch weil es bisher, wie die Veranstalter mitteilten, keine Studien dazu gibt, ob Menschen mit HIV, die in großer Zahl nach Kalifornien gereist wären, stärker von einer Sars-CoV-2-Infektion und den damit einhergehenden Symptomen betroffen sind als Personen, die nicht mit dem HI-Virus infiziert sind.

          Einer der Schwerpunkte der etwa 600 meist live im Internet in den vergangenen fünf Tagen übertragenen Beiträge handelte von Covid-19. Die Folgen der coronabedingten Beschränkungen sind verheerend: Tausenden von HIV-Infizierten droht ein vorzeitiger Tod, weil sie derzeit nicht mit ihren lebenserhaltenden Medikamenten versorgt werden können. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass eine sechsmonatige Unterbrechung der Therapie alleine in diesem und im nächsten Jahr im südlich der Sahara gelegenen Teil Afrikas zu 500.000 zusätzlichen Todesfällen führen könnte. 2018 starben in der Region rund 470.000 Menschen an Aids und den damit einhergehenden Erkrankungen wie zum Beispiel Tuberkulose.

          Sollten die Lockdowns wie befürchtet sechs Monate andauern, würde man auf das Jahr 2008 zurückgeworfen, als südlich der Sahara rund 950.000 Menschen an Aids starben. Zugleich weist die WHO daraufhin, dass die Nachwirkungen der sechsmonatigen Periode weitere fünf Jahre zu spüren sein würden – mit bis zu 40 Prozent mehr Aids-Toten im Jahr als ohne Corona zu erwarten wären. Rund 25,7 Millionen der etwa 38 Millionen HIV-Infizierten leben südlich der Sahara, zwei Drittel von ihnen hatten 2018 Zugang zu Aids-Medikamenten.

          Schwierigkeiten in 104 Ländern

          Doch nicht nur Afrikas HIV-Infizierte leiden massiv unter den coronabedingten Beschränkungen: Nach Angaben des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria haben fast 85 Prozent aller von der Organisation unterstützten HIV-Programme Schwierigkeiten bei der Versorgung ihrer Patienten – und das in 104 Ländern. Katastrophal vor allem wirkt sich dabei der Mangel auf die Infektionszahlen von Kindern aus: Schwangere HIV-Infizierte Frauen können heute mit einer entsprechenden Therapie gesunde Kinder zur Welt bringen.

          Die Aids-Organisation der Vereinten Nationen (UN-Aids) hatte sich zum Ziel gesetzt, die Infektionszahlen bei Neugeborenen 2018 auf 40.000 zu senken, 2020 lautete das Ziel 20.000. Doch schon ohne Corona verfehlte die Weltgemeinschaft diese Vorgaben deutlich: 2019 wurden nach UN-Aids-Angaben 150.000 Kinder mit HIV geboren, auch weil nur 85 Prozent der schwangeren Frauen auf der ganzen Welt Zugang zu antiretroviralen Medikamenten hatten. Die Zahlen werden sich wegen der Corona-Pandemie weiter verschlechtern. Darum lautete eine Hauptforderung von „Aids 2020“, dass es wegen Covid-19 zu keiner Umverteilung von dringend für den Kampf gegen Aids benötigten Geldern kommen dürfe.

          Im Laufe dieser Woche wurden auch zwei aufsehenerregende wissenschaftlich Studien vorgestellt: Einem internationalen Forscherteam um Ricardo Diaz von der Universität in São Paulo ist die „Heilung“ eines 34 Jahre alten, mit HIV infizierten Manns gelungen. Der Patient war seit 2012 mit dem Virus infiziert, neben seiner Standardbehandlung bekam er während der Studiendauer von 2016 bis Ende März 2019 weitere antiretrovirale Medikamente, darunter Maraviroc und Dolutegravir sowie das Vitamin B Nicotinamid. Danach wurde die Therapie abgesetzt. Obwohl der Mann seit nunmehr 57 Wochen keine Medikamente bekommt, lassen sich weder Viren noch Antikörper in seinem Körper nachweisen. Er wäre damit der dritte „Geheilte“, und das ohne eine Transplantation wie bei den anderen Fällen („Berliner Patient“, „Londoner Patient“). Die beiden waren an Krebs erkrankt und bekamen Stammzellen von Spendern, die dank einer genetischen Mutation vor den meisten HI-Viren geschützt sind.

          Die zweite internationale Studie, geleitet von einem Forscherteam der Universität von Kalifornien in Los Angeles um den Wissenschaftler Raphael J. Landovitz, befasste sich mit einem HIV-Schutz, der nicht täglich und in Tablettenform eingenommen werden muss. Der Wirkstoff Cabotegravir wird vielmehr nur alle zwei Monate mit einer Spritze injiziert. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten der sogenannten Prä-Expositions-Prophylaxe, kurz Prep, bei der antiretrovirale Medikamente vorsorglich eingenommen werden, um sich vor einer HIV-Infektion zu schützen.

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