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Japan und Südkorea : Die Unsicherheiten der neuen Normalität

In Seoul sieht der Einkaufsbummel einiger Passanten schon fast wieder wir früher aus. Bild: Reuters

Als Reaktion auf gestiegene Infektionszahlen beginnen die Behörden in Südkorea, die Lockerungen im Anti-Virenschutz wieder zurückzunehmen. Auch in Japan gibt es Rückschläge.

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          Japan und Südkorea, die im Kampf gegen das Coronavirus erst vor Kurzem ihre Empfehlungen zum sozialen Abstand gelockert hatten, entdecken die Unsicherheiten der neuen Normalität. Neue Infektionsballungen flackern auf. Das weckt Sorgen vor einer abermaligen Ausbreitung des Virus.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Südkorea meldete in der vergangenen drei Tagen insgesamt 177 Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Ähnlich hoch lag die Zahl der Infektionsfälle zuletzt Anfang April. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen derzeit Infektionsherde in drei Logistikzentren im Online-Geschäft, die nach den Erkenntnissen der Virusjäger miteinander verbunden sind. Es wird vermutet, dass sie über eine längere Infektionskette bis hin zu den Nachtclubs im Stadtteil Itaewon in Seoul zurückführen, in denen sich Anfang Mai eine größere Zahl an Clubgängern infiziert hatten. Südkorea ist bekannt dafür, dass seine Seuchenschutzbehörden akribisch und mit Zugriff auf viele private Daten die Infektionswege nachverfolgen.

          Als Reaktion auf die gestiegenen Infektionszahlen beginnen die Behörden in Südkorea, die Lockerungen im Anti-Virenschutz wieder zurückzunehmen. In Seoul müssen öffentliche Einrichtungen wie Museen oder Kunstgalerien bis Mitte Juni wieder schließen. Schon zuvor hatte die Hauptstadt eine Maskenpflicht für Passagiere in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Taxen eingeführt. Auch der Schulbetrieb wurde am Freitag  wieder stark eingeschränkt. Die Grund- und Mittelschulen in und um Seoul dürfen nach einer Anordnung der  Regierung jeden Tag nur noch ein Drittel der Kinder zulassen – die anderen bekommen Fernunterricht. Dasselbe gilt für Kindergärten.

          Südkorea hatte seine Empfehlungen zum sozialen Abstand am 6. Mai gelockert, und erklärt, man werde die Regeln wieder beschränken, wenn die Zahl der Neuinfektionen 50 am Tag übersteigt. Das war in den vergangenen beiden Tagen der Fall gewesen.

          Wenig Todesfälle trotz dichter Besiedelung

          Das Nachbarland Japan hatte erst am Montag den Virus-Ausnahmezustand für den Großraum Tokio und Hokkaido und damit für das ganze Land aufgehoben. Die Empfehlungen zur Einschränkung des öffentlichen Lebens waren nie so hart wie in Deutschland oder in anderen westlichen Staaten.

          Noch sind die Japaner dabei, schrittweise in ein einigermaßen normales Alltagsleben zurückzukehren. Nach Informationen des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders NHK will die Hauptstadt zum Beispiel von Montag an weitere Empfehlungen zum eingeschränkten Betrieb von Geschäften und anderen Unternehmungen lockern.

          Doch in Kitakyushu, einer Millionenstadt in der südlich-westlichen Präfektur Fukuoka, gehen Ängste um. In den vergangenen sechs Tagen wurden dort 43 neue Infektionsfälle registriert, nachdem es in den drei Wochen zuvor keine einzige neue Infektion mehr gegeben hatte. Das Gesundheitsministerium hat schon Experten geschickt, um Infektionsketten aufzuspüren und die Gefahr einer Ausbreitung einzudämmen. Bürgermeister Kitahashi Kenji hat die Bevölkerung gebeten, ihre Wohnung nur noch für die nötigsten Besorgungen zu verlassen.  „Unsere Stadt steht in der Mitte einer zweiten Infektionswelle“, sagt Kenji.

          Obwohl beide Länder dicht besiedelt sind, haben sie es auf ihre eigene Art und Weise geschafft, die Covid-19-Welle bislang weitgehend im Griff zu halten und die Kurve der Infektionen abzuflachen. Südkorea meldet 269 Virustote, Japan 874. Das entspricht 0,5 und 0,7 Toten je 100.000 Einwohner. Mit mehr als 8400 Toten sind es in Deutschland rund 10 Tote je 100.000 Einwohner.

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