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Wegen Corona : Südafrika will Tausende Gefangene auf freien Fuß setzen

Strenge Regeln: Soldaten auf der Straße in Johannesburg Ende März Bild: AFP

Langsam aber sicher breitet sich auch in den Gefängnissen von Südafrika das Coronavirus aus. Jetzt soll jeder achte Strafgefangene auf Bewährung entlassen worden. Nicht nur deswegen steht die Regierung in der Kritik.

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          Der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa plant, in den nächsten Wochen rund 19.000 Strafgefangene auf Bewährung zu entlassen – mehr als jeden achten der insgesamt rund 155.000 Inhaftierten. Der Grund für den ungewöhnlichen Erlass: Langsam aber sicher breitet sich auch in den Gefängnissen der Regenbogennation das gefürchtete Coronavirus aus. 198 Fälle soll es bereits geben. Ziel der Entscheidung sei es, „die Gefängnisse zu entlasten und die Ausbreitung von Sars-CoV-2 zu bekämpfen“, ließ das Präsidialamt wissen. Im Kampf gegen die Viren werden seit rund sechs Wochen 56 Millionen Südafrikaner in einem Hausarrest gehalten, der nur für den Frühsport zwischen sechs und neun Uhr morgens und für Arztbesuche und Einkäufe unterbrochen werden darf.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Die Opposition ist von der geplanten Freilassung der Strafgefangenen nicht begeistert. Das Land hat eine der höchsten Kriminalitätsraten der Welt. Jeden Tag werden im Land am Kap statistisch betrachtet 58 Menschen ermordet und 144 Vergewaltigungen oder andere Sexualdelikte begangen. „Oft sehen wir die auf Bewährung Entlassenen mittellos durch die Städte irren“, schimpft Albert Fritz, Mitglied der liberalen Demokratischen Allianz (DA) und Sicherheitsminister in der Provinz Western Cape. „Oft haben sie kein Zuhause mehr und rutschen auf der Straße schnell wieder in die Kriminalität.“ Er habe bereits „grauenhafte Verbrechen“ gesehen, „die von auf Bewährung entlassenen Straftätern begangen wurden“, und könne „nicht zulassen, dass das abermals geschieht“.

          Zwar hat es in den vergangenen Wochen, in denen in Südafrika auch die Prohibition herrschte, vermehrt Plünderungen von Alkoholgeschäften gegeben. Und immer häufiger überfielen auf den Landstraßen hungrige Wegelagerer Lastwagen mit Lebensmitteln. Insgesamt jedoch ist die Kriminalität zurückgegangen – nicht zuletzt wegen der Präsenz von 73.000 Soldaten, die mobilisiert wurden.

          Die Kritik an Ramaphosa wächst nicht nur wegen der Entscheidung, Häftlinge auf freien Fuß zu setzen. Auch seine harten Maßnahmen gegen das neuartige Coronavirus erscheinen immer mehr Südafrikanern zweifelhaft. In den Townships und Elendsgebieten der großen Städte lassen sich die Maßnahmen ohnehin kaum durchsetzen. Zu viele Menschen müssen hier auf engstem Raum leben. In großen Gruppen flanieren diejenigen, die als Folge der Maßnahmen arbeitslos wurden, gemeinsam mit denjenigen, die vorher schon arbeitslos waren, ohne Masken durch die Slums. Hunger breitet sich aus.

          „Wir müssen sofort die Lockdown-Krise beenden“, fordert DA-Chef John Steenhuisen. „Der Lockdown wird mehr Leben kosten, als er Leben retten kann.“ Man habe „eine sehr reelle Gefahr durch eine noch viel größere, menschengemachte ersetzt“. Auch seine Parteifreundin Helen Zille, eine Großnichte des Berliner Milieumalers Heinrich Zille und ehemalige Premierministerin von Western Cape, fordert ein Ende des Kurses. „Wir müssen alle Masken tragen, wenn wir rausgehen“, schreibt sie auf Twitter, „aber wir müssen auch die Wirtschaft schützen, damit die Menschen überleben können.“ Allein in der für Südafrika so wichtigen Tourismusindustrie drohen in den kommenden sechs Monaten 160.000 Arbeitsplätze verloren zu gehen.

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