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Studentenjob Gesundheitsamt : „Man freut sich über die Dankbaren“

Zwei studentische Mitarbeiter im Frankfurter Gesundheitsamt (Bild aus Juni 2020) Bild: Lando Hass

Viele Studenten helfen gerade bei der Kontaktnachverfolgung von Corona-Fällen. Das kann ganz schön kompliziert werden. Zwei Erfahrungsberichte aus Wolfenbüttel.

          3 Min.

          Romea Minoli, 25 Jahre alt, studiert Präventive, Soziale Arbeit in Wolfenbüttel:

          Sarah Obertreis
          (eis.), Wirtschaft

          „Ich arbeite jetzt fast schon ein Jahr im Gesundheitsamt. Unsere Dozentin hatte am Anfang der Pandemie eine Mail rumgeschickt, ob nicht jemand aus unserem Studiengang Lust hätte, bei der Corona-Ermittlung in der Kontaktnachverfolgung zu helfen. 20 Stunden in der Woche bin ich jetzt hier, den Rest der Zeit schreibe ich meine Masterarbeit darüber, wie die Altersbilder in unserer Gesellschaft die Gesundheit von Senioren und Seniorinnen beeinflussen. Ich habe vorher auch schon bei den Wohnhilfen in Braunschweig Menschen mit Mietschulden beraten, und in meinem Bachelor habe ich auch gelernt, kompliziertere Gespräche zu führen. Trotzdem weiß ich noch genau, wie aufgeregt ich vor meinem ersten Telefonat mit einer Bürgerin war. Ich musste sie dreimal zurückrufen, weil ich jedes Mal eine wichtige Frage vergessen hatte. Aber es lief dann schnell ziemlich gut.

          Wir müssen ja auch nicht die ganze Zeit über telefonieren. Die meiste Zeit geht für die Absprache mit den Amtsärzten und -ärztinnen drauf. Ob eine Kontaktperson in Quarantäne muss oder nicht, ist fast immer eine Einzelfallentscheidung. Jedes Detail kann ausschlaggebend sein: Wie war der Abstand in Metern, wie lange der Kontakt in Minuten, wie war der Raum geschnitten, war das Fenster offen... Das macht es sehr gerecht, aber auch sehr aufwendig.

          Romea Minoli
          Romea Minoli : Bild: privat

          Besonders arbeitsintensiv ist es bei Kindern im Präsenzunterricht, weil die so viele Kontaktpersonen haben. Dazu kommen die aktuellen Empfehlungen vom Robert Koch-Institut. Die werden immer wieder aktualisiert. Viele Leute denken noch, sie könnten die Quarantäne nach zehn Tagen mit einem negativen Testergebnis abkürzen, wenn sie nach ein paar Tagen negativ getestet werden. Aber die Regelung ist nicht mehr aktuell, seit es mehr Virus-Mutationen gibt.

          In solchen Situationen reagieren die Menschen manchmal genervt. Wenn ich samstags anrufe, glauben sie mir nicht immer, dass ich wirklich vom Gesundheitsamt bin, weil sie davon ausgehen, dass wir nicht am Wochenende arbeiten. Dabei sind wir auch unter der Woche bis acht Uhr abends da. Letztens hat eine Kollegin an der gegenüberliegenden Seite des Raums telefoniert: Selbst ich habe verstanden, was die Frau am anderen Ende der Leitung geschrien hat. Es kommt selten vor, dass Menschen äußern, sich nicht an die Quarantäne halten zu wollen. Wenn mir das jemand sagt, kläre ich ihn über die möglichen Konsequenzen auf, auch wenn ich ihn persönlich nicht dazu zwingen kann, drinnen zu bleiben. Geht jemand, der eigentlich in Quarantäne sein sollte, mal nicht ans Telefon, witzeln wir rum, ob die Person doch rausgegangen ist, aber natürlich kann sie auch gerade mal im Bad sein.

          Das ist die eine Seite der Arbeit. Die andere Seite ist die Dankbarkeit. Vor unserem Umzug in ein neues Gebäude hatten wir eine Wand, an die wir die positiven Sachen geklebt haben, die wir von den Bürgerinnen und Bürgern hören. Vielen geht es gerade nicht gut, manche sagen: Ich fühle mich ganz depressiv. Dann nimmt man sich ein wenig Zeit über die üblichen Fragen hinaus. Dafür bedanken sich die Leute dann so hingebungsvoll, dass man merkt: Das kann eine tolle Arbeit sein.“

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          Tobias W. 24 Jahre alt, studiert Maschinenbau in Braunschweig:

          „Ich hatte eigentlich nicht geplant, zwischen Bachelor und Master im Gesundheitsamt zu arbeiten. Ich bin Naturwissenschaftler, und das will ich auch bleiben. Aber als ich im Dezember schaute, war das Angebot nicht so groß, und ich bin ziemlich schnell auf die Anzeige vom Wolfenbütteler Gesundheitsamt gestoßen. Jetzt habe ich zwei Monate Vollzeit hier gearbeitet und mache, seit das Semester angefangen hat, in Teilzeit weiter. Es ist cool, bei so einem aktuellen Thema mithelfen zu können.

          Ob es mit der Kontaktnachverfolgung gut klappt, ist total tagesabhängig. Wenn wenige Fälle reinkommen, so wie letzten Samstag, ist es kein Problem. Aber am Sonntag waren es in der Stadt Wolfenbüttel aus irgendeinem Grund wieder ziemlich viele positive Testergebnisse – mehr als 20. Dann muss man wirklich gut im Team zusammenarbeiten, damit alles funktioniert.

          Ich bin für Schulen und Kitas verantwortlich, da ist es oft besonders schwierig mit der Kontaktnachverfolgung. Außerdem muss wirklich alles dokumentiert werden: Wenn eine falsche Telefonnummer eines Infizierten angegeben wurde und man noch mal bei der Arztpraxis anruft, muss man auch das ins System eintragen. Ich schreibe während des Telefonierens immer mit der Hand mit und trage später in Ruhe alles ein.

          Das braucht natürlich seine Zeit. Zum Glück konnte ich im Februar anfangen, als es in Wolfenbüttel noch relativ ruhig war. Fast zwei Wochen lang hat mir ein erfahrener Kollege alles erklärt, und ich habe zugehört, wie er die Fragen nach den Symptomen, nach den Kontaktpersonen und dem Arbeitsplatz stellt. Mein erster Anruf war dann bei einer älteren Dame. Ich habe ihr gesagt, dass sie leider positiv getestet wurde, und sie war so dankbar dafür, dass wir uns um sie kümmern. Man freut sich immer, wenn man die dankbaren Personen hat und nicht die wütenden oder genervten. Das kann man vorher ja nie wissen.“

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