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Partys und Pflegeeinrichtungen : Lokale Corona-Ausbrüche werden zum Problem

  • Aktualisiert am

Ein Mitarbeiter vom Bayerischen Roten Kreuz nimmt an einem Corona-Testzentrum bei Hochfelln-Nord einen Abstrich. Bild: dpa

Seit Tagen vermelden Kommunen in ganz Deutschland neue Corona-Hotspots. Auch in Kleve, Magdeburg und Niedernhausen gibt es nun lokale Infektionsherde. Das Robert Koch-Institut erklärt die Ausbrüche vor allem mit der Nachlässigkeit der Deutschen.

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          Hohe tägliche Fallzahlen und lokale Corona-Hotspots rufen Sorge unter Gesundheitsexperten und in der Wirtschaft hervor. Neben mehreren lokalen Ausbrüchen in Bayern, Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern sind in einem Seniorenheim im hessischen Niedernhausen 19 Bewohner und sieben Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden. Das teilte die Verwaltung des Rheingau-Taunus-Kreises am Freitag mit.

          Einige Befunde stünden noch aus. Insgesamt wurden am Donnerstag 180 Menschen – Bewohner, Personal und Kontaktpersonen – getestet. Bisher gehe es allen gut, drei Bewohner litten an einem trockenen Husten. Eine Person werde stationär im Krankenhaus behandelt.

          Umfangreiche Tests unter Beschäftigten haben auch im städtischen Klinikum Magdeburg 19 Coronavirus-Infektionen nachgewiesen. Die Infizierten arbeiteten in verschiedenen Bereichen des Krankenhauses, von der Verwaltung bis zum medizinischen Bereich, sagte Geschäftsführer Knut Förster am Freitag. Alle seien symptomfrei und hätten eine vergleichsweise geringe Viruslast. Die Infektionsketten könnten nicht nachvollzogen werden. Die betroffenen Mitarbeiter seien in Quarantäne. Für den aktuellen Klinikbetrieb hätten die Fälle gegenwärtig keine Konsequenz, sagte Förster.

          Trendumkehr in Deutschland befürchtet

          Seit Donnerstag vergangener Woche war am Klinikum mit gut 1900 Mitarbeitern eine Testreihe durchgeführt worden. Es seien noch Testergebnisse offen, sagte Geschäftsführer Förster. Am Montag sollten alle bislang positiv getesteten Mitarbeiter abermals untersucht werden. Voraussichtlich Dienstag werde eine neue Teststrategie festgelegt, kündigte Förster an.

          In dem Klinikum werden dem Geschäftsführer zufolge derzeit drei Corona-Patienten behandelt. Darunter seien zwei auf einer Isolierstation, die wegen anderer Erkrankungen schon infiziert ins Krankenhaus gekommen seien. Der Dritte werde in der Psychiatrie behandelt, für seine Infektion gebe es keine Erklärung.

          Auch im nordrhein-westfälischen Kreis Kleve sind nach einem privaten Fest mehr als 50 Gäste positiv auf das Coronavirus getestet worden. Das teilte die Kreisverwaltung am Freitag mit. Bei der Veranstaltung habe es sich um eine Feier im benachbarten Kreis Wesel gehandelt, sagte eine Sprecherin. Bis auf wenige Ausnahmen seien allerdings alle Gäste im Ort Geldern im Kreis Kleve beheimatet. Als sich ein Gast nach dem Fest als Corona-Fall meldete, seien 111 Personen umgehend getestet und unter Quarantäne gestellt worden. Von 98 am Freitagmorgen vorliegenden Laborergebnissen waren 54 positiv und 44 negativ. „Das Gesundheitsamt nimmt direkt Kontakt mit den positiv getesteten Personen auf, um weitere Informationen zu erhalten“, sagte Landrat Wolfgang Spreen. Die Kontaktpersonenermittlung laufe.

          Das Robert Koch-Institut (RKI) befürchtet wegen Nachlässigkeit bei den Verhaltensregeln derzeit eine Trendumkehr in Deutschland. Experten warnen vor diesem Hintergrund vor Problemen bei der Spurensuche durch die Gesundheitsämter vor Ort. Auch der Handel ermahnt Verbraucher zu mehr Disziplin.

          Nach RKI-Angaben vom Freitag meldeten die Gesundheitsämter zuletzt insgesamt 870 neue Corona-Infektionen innerhalb eines Tages. Seit Beginn der Corona-Krise haben sich somit mindestens 208.698 Menschen in Deutschland nachweislich mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert (Stand 31.7., 0.00 Uhr). Am Donnerstag hatte die Zahl der registrierten Neuinfektionen in Deutschland mit 902 den Höchststand für Juli markiert. Bis Mitte Juli hatte die Zahl wochenlang meist bei unter 500 gelegen.

          Die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert, sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe angesichts der Entwicklung: „Für eine zweite Pandemie-Welle sind die Gesundheitsämter viel zu knapp besetzt.“ Mit den steigenden Infektionszahlen rolle ein riesiges Problem auf uns zu. Teichert forderte eine kurzfristige Lösung. Konkret sprach sie sich für ein bundesweites Freiwilligen-Register aus – eine Art Jobbörse, die im Ernstfall Mitarbeiter vermittle, die bereits geschult seien.

          77 Prozent der Deutschen rechnen mit zweiter Welle

          SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schlug indes eine stärkere Konzentration beim Verfolgen von Infektionsketten vor. Statt jedem Einzelkontakt nach zu telefonieren, sollten sich die Ämter allein auf „Superspreader“ konzentrieren, sagte er dem Magazin „Der Spiegel“. Damit gemeint sind hochansteckende Infizierte, die bei Treffen bestimmter Gruppen oft zahlreiche Teilnehmer anstecken.

          Der Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Josef Sanktjohanser, forderte von der Bevölkerung mehr Disziplin. „Es erfüllt mich mit großer Unruhe, dass es viele offenbar nicht mehr so genau mit der Einhaltung der Regeln nehmen und die Zahl der Infizierten wieder steigt.“ Ein Umsatzrückgang wegen der Corona-Krise könne 50.000 Handelsstandorte in Deutschland die Existenz kosten. „Für viele Händler gäbe es bei erneuten Einschränkungen oder gar einer zweiten Phase des Lockdowns keine Chance mehr, der Insolvenz zu entgehen“, sagte er.

          Mit einer zweiten größeren Welle an Corona-Infektionen rechnen laut ZDF-„Politbarometer“ derzeit mehr als drei Viertel der Deutschen (77 Prozent), 20 Prozent erwarten dies nicht. Außerdem hatten nun 51 Prozent die Ansicht, dass die Menschen sich in der Corona-Krise „eher unvernünftig“ verhielten. In einer Befragung vom Juni hatten dies 33 Prozent angegeben. Zu Krisenmaßnahmen erklärten 71 Prozent der Befragten, diese bedeuteten keine starken Einschränkungen für ihr Leben. Das Bundesverfassungsgericht wies indes einen Eilantrag gegen die Regelungen zur Kontaktnachverfolgung und die Maskenpflicht für bestimmte Situationen im Saarland ab.

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