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Spaniens Weihnachtslotterie : Auch „El Gordo“ leidet unter Corona

Zurück auf Los: Diese Verkäuferin in Madrid bietet vergebens ihre Lose der Weihnachtslotterie an. Bild: EPA

Die „Lotería de Navidad“ gilt als die größte Weihnachtslotterie der Welt und sorgt in Spanien jährlich für lange Schlangen vor den Annahmestellen. Aber nicht einmal die Hoffnung auf einen Gewinn kann die Stimmung in diesem Jahr heben.

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          Wenn die Dunkelheit hereinbricht, ist die Goya-Straße grellbunt erleuchtet. Madrid hat nicht an der Weihnachtsbeleuchtung gespart. Sie soll die Einwohner in Kauflaune bringen. Die Einkaufsstraßen sind voller Menschen, aber die Geschäfte laufen schleppend. Ein paar Lose hat der Kioskbesitzer an der Ecke der Goya-Straße wie immer an einer Schnur aufgehängt. „Dieses Jahr interessieren sich viel weniger Leute für die Weihnachtslotterie“, sagt er. Die Corona-Pandemie lastet schwer auf dem spanischen Weihnachtsbrauch. Seit Juli sind die Lose der staatlichen „Lotería de Navidad“ im Angebot, aber sie verkaufen sich 2020 so schleppend wie selten zuvor. Selbst vor „Doña Manolita“, der bekanntesten Lotterieannahmestelle in der Altstadt von Madrid, bilden sich keine langen Schlangen wie im vergangenen Jahr, als noch drei von vier Spaniern mindestens ein „Décimo“ im Wert von 20 Euro gekauft hatten. 2,4 Milliarden Euro waren damals im Gewinntopf. Die 1812 gegründete „Lotería de Navidad“ gilt – gemessen an der ausgespielten Gesamtsumme – als die größte Weihnachtslotterie der Welt.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          In Spanien ist sie ein Gemeinschaftserlebnis. Traditionell legen Familien, Arbeitskollegen und Stammkunden von Bars beim Loskauf zusammen. Gut 40 Prozent der Teilnehmer sind Tippgemeinschaften. Oft kommt es vor, dass der Gewinn an einen Ort geht, einen Stadtteil oder ein Altenheim in Madrid, da die lokalen Verkaufsstellen meistens Lose mit einer oder wenigen Nummern verkaufen. Doch auch der Lotterie setzten die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen zu: Die Kneipen blieben lange geschlossen, Vereine und religiöse Bruderschaften waren nicht aktiv. Hunderttausende Spanier arbeiten bis heute allein im Homeoffice. Viele Lottoläden haben nicht wieder aufgemacht.

          „Die Ziehung, die uns eint“

          „Es ist nicht so einfach, die Lose online zu verkaufen. Die Leute sind einfach nicht daran gewöhnt“, sagt der Präsident des Nationalen Verbands der spanischen Losverkäufer (Anapal), Josep Manuel Iborra. Was bisher nicht verkauft wurde, werde der Endspurt im Dezember wohl kaum noch wettmachen, befürchtet er. Bei „Doña Manolita“ hat man jedenfalls das Personal an den Schaltern reduziert und die Online-Abteilung verstärkt. In den ersten Monaten betrug der Rückgang bei den Losverkäufen rund 30 Prozent, im November betrug er immer noch rund ein Viertel des Vorjahresniveaus. Das wird auch der spanische Staat zu spüren bekommen, der die Gewinne bekommt, die auf die Nummern von nicht verkauften Losen entfallen; dazu kommen noch die Ausfälle der Steuer von 20 Prozent auf Lotteriegewinne von 2500 Euro an.

          Bei der spanischen Weihnachtslotterie geht es nicht darum, dass wenige so viel gewinnen wie möglich. Den Hauptgewinn, „El Gordo“ genannt, teilen sich Tausende Gewinner. Der „Dicke“ beläuft sich pro Los auf 400.000 Euro. Mehr als 1700 Gewinner kann es theoretisch geben, denn von jeder der 100.000 Losnummern existieren 172 Serien, die wiederum als „Décimos“ (Zehntel) gekauft werden. Der aktuelle Slogan ist die Variation eines Mottos, das während der großen Wirtschaftskrise vor gut einem Jahrzehnt entstand: „Dieses Jahr teilen wir wie noch nie. Die Ziehung, die uns eint“, heißt es 2020.

          In diesem Jahr ist die Atmosphäre düster

          Wieder geht es nicht um die großen Gewinner, sondern um Menschen, die in der Not zusammenhalten und dadurch gemeinsam reich werden. Die Hauptfiguren der Werbespots der vergangenen Jahre waren oft Verlierer, die mit einem Schlag ihre Sorgen loswurden, weil andere ihnen ein Los schenkten oder mit ihnen teilten. Viele Spanier, die ihre Arbeit verloren hatten oder von Armut bedroht waren, setzten schon ihre letzte Hoffnung auf die Schüler der Schule von San Ildefonso. Sie ziehen auf der Bühne des Madrider Teatro Real am Morgen des 22. Dezember ihre Losnummer. Dieses Mal dürfen sie nur zu ihrer singenden Bekanntgabe während der Liveübertragung ihre Masken abnehmen. Zuvor müssen sie alle einen Schnelltest machen. Publikum ist zum ersten Mal nicht zugelassen.

          Die Pandemie hat Spanien in seine schwerste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten gestürzt und eigenartige Blüten getrieben. So war die Losnummer 14320 schon nach wenigen Tagen nicht mehr zu erhalten. Sie steht für ein Datum in diesem Frühjahr, das viele Spanier nicht vergessen haben: Am 14. März hatte der nationale Lockdown begonnen. In der großen Werbekampagne kommt Corona natürlich auch vor. Aber auch der rührselige Solidaritätsappell schaffte es nicht, eine größere Zahl von Käufern zu mobilisieren. Normalerweise fiebern viele Spanier der Vorstellung des jährlich neuen Films entgegen, millionenfach wird er im Internet angeschaut. In diesem Jahr ist die Atmosphäre düster. Der Film beginnt in der Zeit, als sich die Spanier noch als Gastarbeiter verdingen mussten. Ein Vater reicht seinem Sohn zum Abschied ein Los. Später heftet ein Arbeiter ein „Décimo“ an seinen Arbeitsplatz, während auf Deutsch die Lautsprecherdurchsage ertönt: „Wir fordern die Mitarbeiter des Produktionssektors auf, sich an ihre Arbeitsplätze zu begeben.“ Danach sind Kollegen in einem Büro zu sehen, die ihren Gewinn feiern, bevor eine einsame junge Frau ihre Wohnung aufsperrt. Sie findet einen Umschlag mit einem Los vor. Ihre alte Nachbarin hatte ihn unter ihrer Tür durchgeschoben, um sich zu bedanken, dass sie in den schweren Wochen nach ihr gesehen habe. Sie habe Angst gehabt, aber sie habe sich nie allein gefühlt. Deshalb wolle sie das Los mit ihr teilen.

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