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Spanien nach dem Alarmzustand : Mit dicker Maske in den Park

Obwohl im Freien keine Maskenpflicht besteht, tragen zahlreiche Spaziergänger im Madrider Retiro-Park rein aus Vorsicht ihren Gesichtsschutz (Archivbild). Bild: Getty

Auch nach dem Ende des Alarmzustands regiert in Spanien die Vorsicht. Der Urlaub fällt für die meisten aus. Und viele Spanier beobachten besorgt den jüngsten Corona-Ausbruch in Deutschland.

          3 Min.

          Mit der Aussprache hapert es. Aber dem Thema Tönnies und der Lage in Gütersloh entgeht in diesen Tagen in Spanien kaum ein Deutscher. Besorgt verfolgen viele Spanier den jüngsten Corona-Ausbruch ausgerechnet in dem Land, das für sie das Vorbild im Kampf gegen die Pandemie ist: Wenn es am Ende selbst Deutschland nicht gelingt, dem Virus Einhalt zu gebieten, wie soll es dann Spanien mit seinen mehr als 28.000 Toten schaffen? Die Angst vor einer zweiten Welle ist groß. Dabei verzeichnet Spanien – anders als das Nachbarland Portugal – nur kleinere Infektionsherde. In Madrid hat es am Samstag erstmals seit dem Ausbruch der Pandemie binnen eines Tages keinen einzigen neuen Todesfall gegeben – dabei ist die Hauptstadt mit bisher mehr als 8400 Toten und knapp 72.000 nachgewiesenen Infektionen die von Corona am schwersten getroffene Region des Landes.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Dennoch ist die Vorsicht groß. Das erkennt man schon bei einem Sonntagsspaziergang im Retiro-Park. Dort tragen die meisten Menschen freiwillig Gesichtsmasken. Etwa jeder Dritte setzt sogar trotz der Sommertemperaturen von mehr als 30 Grad die besonders dichten und schweißtreibenden FFP2-Masken auf. Eigentlich gilt die Maskenpflicht in Spanien nur in Bussen, Bahnen und an Orten, wo der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann.

          „Die Gesellschaft würde restriktive Maßnahmen viel besser verstehen“, sagt der katalanische Epidemiologe Antoni Trilla über das Virus. Anders als in Deutschland, wo Ausgangsbeschränkungen als „Freiheitsberaubung“ kritisiert wurden, zeigten 88 Prozent der Spanier in der jüngsten Umfrage des staatlichen CIS-Instituts Verständnis für die viel drastischeren Einschränkungen, die in ihrem Land mehrere Monate lang galten.

          Misstrauen und Vorsicht dominieren auch nach dem Ende des Alarmzustands vor einer Woche. „Ich mache in diesem Jahr keinen Urlaub in meiner Ferienwohnung in Benidorm“, sagt ein Kiosk-Besitzer im Retiro-Park. Die Bilder überfüllter britischer Strände haben dazu beigetragen. „Ich traue den britischen Touristen nicht“, sagt der Spanier, der nicht glaubt, dass sich die Gäste in dem Badeort bei Alicante verantwortungsvoller verhalten werden. Nur gut ein Viertel aller Spanier will laut der CIS-Umfrage in diesem Sommer überhaupt in Urlaub gehen. Wenn, dann wollen sie am liebsten mit dem eigenen Auto in die Zweitwohnung an der Küste fahren. Eine Flugreise schreckt die allermeisten ab – egal, ob auf eine der Inseln oder ins Ausland.

          An den Stränden ist ungewöhnlich viel Platz

          Auf den Balearen und Kanaren könnte daher viel Platz für die ausländischen Urlauber sein, die erst langsam wieder zurückkehren. Hoteliers und Restaurantbesitzer warten sehnsüchtig auf sie, während nicht nur der staatliche Notfallkoordinator Fernando Simón vor dem „Import“ neuer Infektionen warnt: Aus Angst, während ihres Urlaubs in Quarantäne zu müssen, könnten sie darauf verzichten, bei Corona-Symptomen einen Arzt aufzusuchen. Die in der Hauptstadtregion regierende konservative Volkspartei (PP) setzt sich dafür ein, einen negativen PCR-Test zur Bedingung für die Einreise nach Spanien zu machen. Auf dem Madrider Barajas-Flughafen hält das die PP für unabdingbar, denn er ist für viele Menschen aus Lateinamerika, wo das Virus noch wütet, das Tor nach Europa.

          An diesem Montag läuft auf der kleinen Kanareninsel La Gomera der erste größere Test der spanischen Warn-App an. Sie soll ähnlich funktionieren wie die Anwendung in Deutschland: Nutzer erhalten eine Warnung, wenn eine infizierte Person in ihrer Nähe war. Bisher existieren in Spanien nur Apps, über die sich ein Platz am Strand buchen lässt. In den nächsten Tagen wird das Virus auf der Insel, die eigentlich seit mehr als zwei Monaten Corona-frei ist, gleich 300 „virtuell“ Infizierte haben, mit deren Hilfe ein neuer Ausbruch simuliert werden soll. Die spanische Regierung rechnet jedoch damit, dass die neue App erst nach der Sommersaison im Herbst im ganzen Land zur Verfügung stehen wird. Das wäre rechtzeitig für die Hochsaison auf den Kanaren.

          Auf den Balearen müsste sie normalerweise längst in vollem Gang sein. Doch an den Stränden ist ungewöhnlich viel Platz, der Großteil der Hotels ist weiter geschlossen. Selbst die Stammgäste aus Deutschland scheinen sich Zeit zu lassen. Knapp 11.000 deutsche Urlauber hätten seit dem 15.Juni im Rahmen eines Pilotprojekts zwei Wochen lang bevorzugt auf die Inseln reisen können. Aber bis zum 24.Juni kamen nur gut 2200 Deutsche an, wie die Vertreterin der spanischen Zentralregierung auf den Balearen mitteilte. Seit einer Woche sind die spanischen Grenzen ohnehin wieder offen. Dennoch gelten weiter Einschränkungen, die auch in Palma de Mallorca zu spüren sein werden. Laut dem jüngsten Gesetzblatt verbietet die Regierung Kreuzfahrtschiffen auch künftig die Landung. Erst nach dem Ende der Corona-Krise sollen sie wieder in Palma und anderen spanischen Häfen anlegen dürfen.

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