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Die Plexiglaswand schützt Arzt vor Patient. Bild: Jeanette Isfahanian/München Klinik

Schutz vor Tröpfcheninfektion : Mit dem Schlauch durch die Wand

Bei Untersuchungen von möglichen Covid-19-Patienten können kleinste infizierte Tröpfchen übertragen werden. Ein Ärzteteam hat nun einen mobilen Schutzschild konstruiert, der die Aerosole abhält.

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          Im Supermarkt schützt sie die Kassiererin vor potentiell infektiösen Tröpfchen, und auch im Krankenhaus wäre sie angebracht: die Plexiglaswand. Besonders dort lässt sich der intensive Kontakt von Ärzten und Pflegern mit infektiösen Partikeln jeder Größe und Art nicht vermeiden – gerade wenn es um Eingriffe im Rachenraum eines Patienten geht.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Unzählige dieser Untersuchungen werden jeden Tag vorgenommen: ein Rachenabstrich bei Halsentzündungen, eine Magenspiegelung mittels Schlauch oder ein Schluckultraschall des Herzens durch die Speiseröhre (Transösophageale Echokardiographie). Da eine Infektion mit Sars-CoV-2 oftmals unbemerkt verläuft, könnten bei diesen Eingriffen über die Atemwege eines jeden Patienten kleinste infizierte Tröpfchen, Aerosole, übertragen werden. Besonders hoch ist das Risiko bei der Behandlung von Covid-19-Patienten: wenn Ärzte bei einer Intubation einen Beatmungsschlauch legen oder wieder entfernen. Zudem, wenn ein Schlauch für eine Spiegelung der Atemwege (Bronchoskopie) in Mund oder Nase des Patienten eingeführt wird oder über eine Nasensonde Sauerstoff mit hoher Geschwindigkeit gegeben wird.

          Doch die persönliche Schutzausrüstung für das medizinische Personal, die nur einmal verwendet wird, ist im Zuge der Pandemie schwer zu beschaffen, das vorhandene Material muss sparsam verwendet werden. Im März, auf dem Höhepunkt der Krise, suchte daher Florian Straube, Oberarzt in der Klinik für Kardiologie und internistische Intensivmedizin in der München Klinik Bogenhausen, nach einer Lösung: „Wir brauchten dringend einen zusätzlichen Schutz, der die Sicherheit des Personals erhöht und trotzdem die Behandlung der Patienten nicht einschränkt.“ So entwarf er zusammen mit Kollegen aus der Anästhesie, Pulmologie und Gastroenterologie eine mobile Schutzwand. Die Anforderung: mobil, transparent, wiederverwertbar und leicht zu desinfizieren.

          Dank der Rollen sind die Wände mobil

          Acrylglas bot sich an, die Ärzte konstruierten dazu ein Gestell aus Aluminium und schraubten vier Rollen darunter, wie es sie in jedem Baumarkt gibt. Darauf setzten sie zwei Platten als Seitenwände und montierten an diese die durchsichtige Plexiglaswand. In das Plexiglas wurden zudem als eine Art „Durchreiche“ zwei Öffnungen für die Arme von Arzt oder Pfleger gefräst, um so am Patienten die Eingriffe vornehmen zu können. Bei der Suche nach einem Hersteller stieß Straube auf die Münchner Firma Wenzel GmbH, die Fotodrucke hinter Plexiglas produziert. Die Firma, die gerade Kurzarbeit angemeldet hatte, begann sofort, die Schutzschilde zu bauen – und die Kurzarbeit wieder einzustellen.

          Mehr als 80 dieser Schilde hat die Firma inzwischen produziert, sie sind in den vier Häusern der München Klinik im Einsatz, einem Krankenhausverbund mit rund 3000 Betten. In der München Klinik Schwabing wurden im Januar die ersten Covid-19-Patienten behandelt. Dank der Rollen können die Schutzwände schnell überall hingebracht werden: an den OP-Tisch ebenso wie an das Bett der Patienten. Dank der besonderen Maße kann man die Wand auch auf engem Raum einsetzen, zum Beispiel in den Isolationsboxen für Covid-19-Patienten auf der Intensivstation. Der Kontakt zum Patient ist weiter möglich, nur die Gesichter von Patient und Arzt oder Pfleger sind durch die Scheibe getrennt. Die Wand, die vor allem als Ergänzung zur Schutzkleidung gedacht ist, lässt sich nach jedem Einsatz reinigen und desinfizieren.

          Experimente mit Wasserdampf, die die Verteilung der Aerosole und größeren Tröpfchen bei der Anwendung der Schutzwand simulieren sollen, haben die Schutzwirkung laut Straube gezeigt. Der Mediziner hebt die Bedeutung der Virusmenge für die Übertragung von Covid-19 hervor: „Je weniger infektiösen Aerosolen jemand ausgesetzt wird, umso stärker wird das Risiko gesenkt, sich zu infizieren.“

          Das Ärzteteam hat das „Schutzsystem bei aerosolbildenden Untersuchungen“ in der Fachzeitschrift „Critical Care“ wissenschaftlich publiziert, für jeden zugänglich (https://rdcu.be/b4qo1). Schon Ende März hatten die Ärzte die Bauanleitung auf einer öffentlichen Plattform zum Herunterladen bereitgestellt. So können auch andere Krankenhäuser oder Arztpraxen von der Erfindung profitieren.

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