https://www.faz.net/-guw-9yzcl

RKI-Präsident Wieler : „Durchhalten, dann schaffen wir es“

  • Aktualisiert am

Der Leiter des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, auf der Pressekonferenz in Berlin Bild: dpa

RKI-Präsident Lothar Wieler appelliert an die Menschen, sich weiter an die Kontaktbeschränkungen zu halten. In Bayern gibt es unterdessen Verwirrung um die Reproduktionszahl, die deutschlandweit laut RKI aktuell bei 0,76 liegt.

          3 Min.

          Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, hat sich dafür ausgesprochen, auch Menschen auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 zu testen, die keine Symptome haben, aber zum Beispiel in Pflegeeinrichtungen arbeiten. In der vergangenen Woche hätten 860.000 Tests in Deutschland zur Verfügung standen, so viele wie noch nie. Davon seien aber nur 467.000 genutzt worden. Von diesen Tests seien etwa 25.000 positiv gewesen, manche Personen wurden mehrfach getestet.

          Wieler sagte, dass durch das Erhöhen der Testkapazitäten in Zukunft auch die offizielle Zahl der positiven Fälle zunehmen könne. Nicht die absoluten Fälle seien daher immer alleine entscheidend für die Bewertung der Entwicklung, sondern die Quote. „Es ist unsere Aufgabe, das zu vermitteln und einzuschätzen.“ Wieler appellierte an die Bevölkerung, sich weiter an die Kontaktbeschränkungen zu halten: „Durchhalten! Dann schaffen wir es, das Virus in Schach zu halten."

          Er bekräftigte, dass Deutschland nach wie vor am Anfang eines Marathons zur Überwindung der Krise stehe. Erst wenn die sogenannte Durchseuchung der Bevölkerung bei 60 bis 70 Prozent liege, sei die Pandemie unter Kontrolle. Derzeit liege man in Deutschland im einstelligen Prozentbereich. Die Mehrheit der Wissenschaftler gehe im übrigen von einer zweiten und vielleicht sogar einer dritten Welle aus. „Das Virus ist in unserem Land, es wird noch Monate lang in unserem Land bleiben.“ Die Zeit für sogenannte Immunitätspässe sieht Wieler noch nicht für gekommen. Es gebe noch zu viele offene Fragen, wann und wie lange ein Mensch wirklich immun sei.

          Wieler: Tragen von Masken ist wichtig

          Laut dem RKI sind in Deutschland bis Donnerstag 159.119 Infektionen gemeldet worden, das ist ein Plus von 1.478 im Vergleich zum Vortag. 6.288 Menschen sind im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben (plus 173), etwa 123.500 genesen. Die Zahl der Corona-Toten in Deutschland nimmt nach RKI-Erkenntnissen zu. „Wir sehen, dass die Übersterblichkeit steigt in Deutschland“, sagte Wieler. „Und wir gehen davon aus, dass mehr Menschen daran gestorben sind, als gemeldet worden sind.“ Am häufigsten infizierten sich Menschen wohl in Krankenhäusern. „Deswegen ist das Tragen von Masken so wichtig.“ Die sogenannte Reproduktionszahl liegt laut Wieler aktuell bei 0,76.

          Wegen unterschiedlicher Berechnungsweisen und entsprechend anderer Ergebnisse herrscht unterdessen in Bayern Verwirrung um diese Zahl. Ministerpräsident Markus Söder hatte am Montag nach einer Sitzung des CSU-Vorstands den Wert von 0,57 genannt. FDP-Fraktionschef Martin Hagen forderte unter anderem auf dieser Grundlage eine Lockerung der Maßnahmen gegen die Pandemie. Doch die Zahl passt nicht zu dem vom RKI in den vergangenen Tagen genannten bundesweiten Wert von etwa 0,9. Hintergrund ist, dass verschiedene Berechnungsansätze verwendet wurden, wie das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Erlangen nun erklärte.

          Demnach schätzte das RKI zum Beispiel am 26. April die Reproduktionszahl (Stand 22.4.) für Bayern auf 0,9. Nach der Berechnungsweise, auf die sich Söder bezog, lagt R hingegen bei nur 0,57 (Datenstand 23.4.). Andere Bundesländer wie Baden-Württemberg beziehen sich hingegen bei den verkündeten Werten stets auf die vom RKI gewählte Rechenart.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Die Reproduktionszahl R ist einer der zentralen Werte zur Beurteilung des Verlaufs einer Infektionswelle und hat in den vergangenen Tagen gleich mehrere kontroverse Diskussionen ausgelöst. Sie gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter in einem bestimmten Zeitraum im Durchschnitt ansteckt. Je niedriger R ist, desto besser. Liegt R unter 1, steckt ein Infizierter im Schnitt weniger als einen anderen Menschen an – und die Epidemie läuft aus. Liegt R über 1, steckt ein Infizierter im Mittel mehr als einen anderen Menschen an – die Zahl der täglichen Neuinfektionen wird größer. (Lesen Sie hier detaillierte Informationen zur Reproduktionszahl)

          Die Berechnung der Reproduktionsrate ist wegen verschiedener Faktoren und Schätzungen komplex. Zudem gibt es verschiedene Berechnungsansätze, wie ein LGL-Sprecher erläuterte:

          •  Das RKI berechnet R demnach statistisch als Trend (Nowcasting). Dafür werden die Meldezahlen, welche vier Tage auseinanderliegen (so der definierte untersuchte Zeitraum), mit einer Rechen- und Schätz-Methode verglichen. Diesem Verfahren liegt den Angaben zufolge das in den jeweiligen Meldungen angegebene Erkrankungsdatum zugrunde – welches etwa zwei Wochen früher liegt. Zu beachten ist: Just am Mittwoch hat das RKI bestimmte Parameter bei der Berechnung geändert. Seitdem nutzt das RKI ein sogenanntes Vier-Tage-Mittel für die Schätzung der aktuellen Neuinfektionen und damit auch der Reproduktionszahl. Zuvor wurde ein Drei-Tage-Mittel genutzt. R lag mit Datenstand 29. April damit bei 0,75, der Wert vom Tag zuvor hatte – nach alter Rechenweise – noch bei 0,9 gelegen. Am Donnerstag sagte RKI-Chef Wieler, dass die Reproduktionszahl bei 0,76 liege.
          • Nach einem Ansatz des Helmholtz-Zentrums für Infektiologie (HIZ) in Braunschweig und der Ludwig-Maximilians-Universität München wird R den Angaben nach hingegen infektionsepidemiologisch anhand typischer Krankheitsverläufe modelliert. Diese Schätzung gibt den Wert R für den Tag an, an dem die Meldezahlen beim RKI verfügbar sind. Das HIZ kam so nach LGL-Angaben auf den weitaus niedrigeren Wert von 0,57 (Datenstand: 23. April).

          Beide Verfahren hätten einen unterschiedlichen Schwerpunkt, macht das LGL deutlich: Im ersten Fall gehe es um das Melde- und Übermittlungsgeschehen, im zweiten um das vermutliche Erkrankungsgeschehen. In Bayern würden beide Berechnungen beobachtet und verwendet.

          Die Krux dabei ist, dass – etwa bei Pressekonferenzen – die genauen Rechenwege und Einflussfaktoren oft kaum kommuniziert werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ist das Homeoffice Teil der „neuen Normalität“?

          Arbeiten nach der Pandemie : Präsenzkultur, ade!

          Die Corona-Krise hat in der Arbeitswelt einen Schub für die Digitalisierung ausgelöst. Viele Deutsche werden wohl auch danach im Homeoffice sitzen. Aber nicht alle finden das gut.
          Das Sicherheitsgesetz diene dazu, das Prinzip ‚ein Land, zwei Systeme‘ aufrechtzuerhalten, sagte Chinas Ministerpräsident Li Keqiang am Donnerstag.

          Volkskongress in Peking : China lässt alle Fragen offen

          Der Volkskongress bringt ein Sicherheitsgesetz für Hongkong auf den Weg. Doch was darin stehen soll, ist weiter unklar. Die Aktivisten in Hongkong sehnen eine Wirtschaftskrise als Druckmittel gegenüber Peking herbei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.