https://www.faz.net/-guw-ablz9

RKI-Zahlen : Sieben-Tage-Inzidenz fällt auf 107,8

  • Aktualisiert am

Nur wenige Spaziergänger sind vergangenen Dienstag auf der Seebrücke auf der Ostseeinsel Usedom unterwegs. Bild: Jens Büttner/dpa

Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz nähert sich der 100. Die Ständige Impfkommission dämpft derweil Erwartungen an eine schnelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche. Und Christian Drosten gibt neue Prognosen für den Herbst und darüber hinaus ab.

          5 Min.

          Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz nähert sich bei stetig sinkenden Fallzahlen nun der Schwelle von 100. Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner lag nach den Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) am Mittwoch bei 107,8 (Vortag: 115,4; Vorwoche: 132,8). Der Wert sinkt in allen Altersgruppen. Einen Höchststand hatte die bundesweite Inzidenz während der dritten Welle am 26. April mit 169,3 erreicht.

          Die Hälfte der Bundesländer liegt in der Corona-Pandemie mittlerweile unter dem politisch maßgeblichen Wert von 100. Den RKI-Daten zufolge sieht es in Schleswig-Holstein mit 49 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche besonders gut aus. Auch in Hamburg (67), Niedersachsen (78), Mecklenburg-Vorpommern (78) und Brandenburg (82) liegen die Werte deutlich unter der 100er Marke. Etwas knapper ist es in Rheinland-Pfalz (93), Bremen (90) und Berlin (86). Nur noch knapp über 100 liegen das Saarland (105) und Bayern (107). Schlusslichter sind weiterhin Sachsen (144) und Thüringen (168).

          Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz geht seit etwa zwei Wochen kontinuierlich zurück. Auch andere Kennzahlen wie der R-Wert und die Belegung der Intensivbetten mit Corona-Patienten weisen auf Entspannung hin. Das kann am Verhalten der Menschen liegen, aber auch am Fortschritt beim Impfen. Zudem sind Effekte der Bundes-Notbremse denkbar. Sie greift, wenn die Inzidenz auf Kreisebene an drei aufeinanderfolgenden Tagen über 100 liegt. Dann gelten automatisch strengere Regeln wie Ausgangsbeschränkungen.

          Auf Kreisebene dürften in den nächsten Tagen immer mehr Regionen in den Genuss von Lockerungen kommen. Derzeit liegt die Inzidenz laut RKI bereits in mehr als 190 von 412 erfassten Kreisen und kreisfreien Städten unter 100. Wenn der Wert an fünf Tagen hintereinander unter 100 liegt, treten die Regeln der Bundes-Notbremse zwei Tage später außer Kraft.

          Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI zuletzt binnen eines Tages 14.909 Corona-Neuinfektionen. Das geht aus den Zahlen vom Mittwochmorgen hervor, die den Stand des RKI-Dashboards von 05.13 Uhr wiedergeben. Die Daten sollten nach RKI-Angaben Nachmeldungen vom Vortag aus Brandenburg enthalten.

          Vor einer Woche hatte der Wert bei 18.034 Neuansteckungen gelegen. Deutschlandweit wurden den Angaben zufolge binnen 24 Stunden 268 neue Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 285 Tote. Ein Rückgang der Infektionszahlen schlägt sich stets verzögert bei der Zahl der Todesfälle nieder, da die Zeitspanne zwischen Ansteckung und Tod meist mehrere Wochen beträgt.

          Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie insgesamt 3 548 285 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden. Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit etwa 3 220 300 an. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 85 380.

          Der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert lag laut RKI-Lagebericht vom Dienstagabend bei 0,83 (Vortag: 0,88). Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 83 weitere Menschen anstecken. Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor 8 bis 16 Tagen ab. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab; liegt er anhaltend darüber, steigen die Fallzahlen.

          Die Ständige Impfkommission dämpft derweil Erwartungen an eine schnelle generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren. „Derzeit diskutierte Argumente wie Urlaub können nicht die primären entscheidungsrelevanten Argumente der Stiko sein“, sagte der Vorsitzende Thomas Mertens der „Welt“ laut Vorabbericht. Im Moment habe man noch keine detaillierten Daten der Impfstudie bei Kindern. Diese müssten erst genau geprüft werden, bevor eine generelle Impfempfehlung für Kinder gegeben werden könne.

          „Wer sich nicht impfen lässt, wird sich unweigerlich infizieren“

          Der Virologe Christian Drosten schätzt, dass die Bevölkerung in Deutschland ungefähr in den kommenden eineinhalb Jahren immun gegen das Coronavirus wird. Dies werde durch die Impfung oder durch natürliche Infektion geschehen, sagte der Wissenschaftler der Charité Berlin im Podcast „Coronavirus-Update“ (NDR-Info) am Dienstag. „Dieses Virus wird endemisch werden, das wird nicht weggehen. Und wer sich jetzt beispielsweise aktiv dagegen entscheidet, sich impfen zu lassen, der wird sich unweigerlich infizieren.“ Dagegen könne man nichts tun, da die Maßnahmen mit der Zeit immer weiter zurückgefahren würden.

          Danach zirkuliere das Virus in der Bevölkerung, zum Beispiel unbemerkt im Rachen von Geimpften und bei kleineren Kindern, die noch nicht geimpft werden können. „Das Virus wird unerkannterweise unter einer Decke des Immunschutzes sich weiter verbreiten. Und dann trifft es immer auch auf Leute, die nicht immunisiert sind durch eine Impfung, die voll empfänglich sind.“ Auch im kommenden Winter wird es daher nach Einschätzung des Virologen noch Covid-19-Fälle auf Intensivstationen geben. Er glaube, „diejenigen, die sich aktiv gegen die Impfung entscheiden, die müssen wissen, dass sie sich damit auch aktiv für die natürliche Infektion entscheiden. Ohne jede Wertung“, sagte Drosten. Es sei eine freie Entscheidung.

          Der Leiter der Charité-Virologie hatte bereits vor einigen Tagen im ZDF gesagt, er sei für die Zeit ab Juni zuversichtlich, denn zu dem Monat würden sich erstmals die Impfungen spürbar auswirken. „Der Sommer kann ganz gut werden in Deutschland.“ Am Dienstag sagte er, dass sich die Situation stark konsolidieren werde, wenn auch die jungen, sehr mobilen Menschen geimpft seien. Diese hätten besondere Funktionen im Übertragungsnetzwerk des Virus. Reisen von frisch Geimpften steht der Virologe recht gelassen gegenüber: Er sehe bei ihnen derzeit keine Veranlassung für Quarantäne nach der Rückkehr.

          Die Möglichkeit, sich die zwei AstraZeneca-Impfdosen in Absprache mit dem Arzt in einem Abstand von vier Wochen verabreichen zu lassen und dann in den Urlaub zu fahren, hält der Virologe für nicht verwerflich, wie er sagte. Im Vergleich zu den von der Ständigen Impfkommission empfohlenen zwölf Wochen seien dann zwar Durchschlagskraft und Nachhaltigkeit der zweiten Dosis nicht so stark. Aber es sei immer noch besser, als nur eine Dosis zu haben. Man könne sich auch in einigen Monaten abermals impfen lassen.

          Drosten bekräftigte, er gehe ohnehin davon aus, dass im Herbst bestimmte Gruppen in Abhängigkeit von Alter und Risiko großzügig gegen Covid-19 nachgeimpft werden sollten. Ihm schwebe vor, dies auch mit der Immunisierung gegen Grippe zu verbinden. „Jemand, der ein Risiko hat für Influenza, der hat auch dieses Risiko für Covid.“ Es sei zu befürchten, dass die nächste Grippe-Welle schwer ausfalle, wenn man nicht mit Impfungen gegensteuere, sagte Drosten. Hintergrund ist, dass die Influenza-Welle im zurückliegenden Herbst und Winter in Deutschland, aber auch in anderen Ländern ausgefallen ist - auch wegen der Maßnahmen gegen die Pandemie.

          Keine besondere Verbreitung der indischen Variante

          Die indische Corona-Variante, die von Großbritannien und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mittlerweile als besorgniserregend eingestuft wird, hat derzeit in Deutschland aus Drostens Sicht noch keinen besonderen Verbreitungsvorteil. Die Bevölkerung hier sei noch nicht so stark immunisiert wie in Großbritannien. Die Mutante sei etwas weniger beeinträchtigt durch Impfung und Immunität.

          Die Voraussetzungen für die Verbreitung solcher Varianten dürften sich laut dem Virologen aber auch in Deutschland mit dem Impffortschritt zum Herbst hin ändern. Welche Variante dann vorherrsche oder noch neu auftauche, lasse sich nicht vorhersagen. Die Mutanten bescherten dann auch keine neue Pandemie mehr, „sondern wir werden auch gegen diese Viren in der Symptomatik geschützt sein“, sagte Drosten. Es werde auch Auffrischungsimpfstoffe geben.

          „Das Virus hat ein bisschen mehr Fitness, aber das bedeutet jetzt überhaupt nicht, dass das eine Riesengefahr für uns unmittelbar darstellt“, sagte Drosten über die Variante aus Indien. „Wir können dagegen animpfen. Wir sind nicht mehr so wehrlos wie letztes Jahr um diese Zeit.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Impfgegner demonstrieren im Mai diesen Jahres in Concord im Bundesstaat New Hampshire.

          Delta-Variante : Amerikas Konservative bekommen Angst

          In den Vereinigten Staaten haben viele konservative Politiker und Moderatoren eine Corona-Impfung für unnötig erklärt. Die rapide steigenden Infektionszahlen durch die Delta-Variante scheinen zu einem Umdenken zu führen.
          2,50 Meter hoch, etwa 2,30 Meter breit: So sieht sie aus, die Zelle des Sports

          Lost in Translation (3) : Zelle des Sports

          Einmal live zugeschaut bei den Könnern in Tokio, schon zuckt der Leib. Corona sitzt im Nacken. Doch auch in der Zelle ist Sport möglich. Selbst wenn bei Liegestützen die Ellbogen an der Wand scheuern.
          Medaillen bitte, wir sind Briten: Adam Peaty stürzt sich in die Fluten

          Schwimmen bei Olympia : Rule Britannia

          Adam Peaty macht die Schotten hoch: Tom Dean gewinnt als erster Brite seit Henry Taylor 1908 Freistil-Gold. Und Duncan Scott legt noch Silber dazu. Team GB surft auf einer Erfolgswelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.