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Coronavirus : Inzidenz steigt auf 14,3 – Experte sieht keine Chance auf Herdenimmunität

  • Aktualisiert am

Ein Fan von Dynamo Dresden lässt sich vergangenen Samstag in einem sogenannten Impfbus gegen das Coronavirus impfen. Bild: Robert Michael/dpa

Mit 958 meldet das RKI abermals 75 Prozent mehr Neuinfektionen als vor einer Woche. Ein Experte für Corona-Prognosen glaubt nicht mehr, dass selbst schnelleres Impfen die vierte Welle noch verhindern könnte.

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          Die Sieben-Tage-Inzidenz des Coronavirus steigt seit knapp drei Wochen an. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) von diesem Montagmorgen liegt sie nun bei 14,3. Am Vortag betrug der Wert 13,8 und beim jüngsten Tiefststand am 6. Juli 4,9.

          Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI zuletzt binnen eines Tages 958 Corona-Neuinfektionen. Vor einer Woche hatte der Wert für Deutschland bei 546 Ansteckungen gelegen. Die Inzidenz war in der Pandemie bisher Grundlage für viele Corona-Einschränkungen, etwa im Rahmen der Ende Juni ausgelaufenen Bundesnotbremse. Künftig sollen daneben nun weitere Werte wie Krankenhauseinweisungen stärker berücksichtigt werden.

          Deutschlandweit wurde nach den neuen Angaben binnen 24 Stunden drei Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche war es ein Todesfall gewesen. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit dem Virus Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 91.527.

          Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 3.756.856 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden. Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit 3.646.100 an.

          Damit weisen mittlerweile elf von 16 Bundesländer eine zweistellige Sieben-Tage-Inzidenz auf. Berlin (23,8), Hamburg (25,0) und das Saarland (22,4) überschreiten den Wert 20. Deutlich niedriger fällt die Inzidenz weiterhin in den ostdeutschen Bundesländern – mit Ausnahme Berlins – aus. Doch auch in Sachsen (4,7), Mecklenburg-Vorpommern (5,2) und Thüringen (5,7) steigt der Wert langsam an.

          Derweil ist die Impfquote in Deutschland auf das niedrigste Niveau seit dem 7. Februar gesunken. Am Sonntag erhielten lediglich 30.671 Personen ihre erste Impfung gegen das Coronavirus, 88.705 Dosen führten zu einer vollständigen Impfung. Damit sind in Deutschland insgesamt 49,4 Prozent der Bevölkerung (41.073.682 Personen) vollständig geimpft, 60,9 Prozent (50.643.772) haben mindestens eine Impfdosis erhalten.

          Pharmazie-Professor Lehr: Herdenimmunität unerreichbar

          Angesichts der aktuellen Lage sieht der Saarbrücker Pharmazie-Professor Thorsten Lehr keine Chance für das Erreichen einer Herdenimmunität in Deutschland. Es gebe viel zu wenig Impfungen und Impfbereitschaft, sagte der Experte für Corona-Prognosen der dpa. Für eine Herdenimmunität und somit eine erfolgreiche Eindämmung der Pandemie müssten 85 Prozent der Deutschen geimpft oder genesen – also immun – sein. Stattdessen sieht Lehr nach seinen Berechnungen eine neue Welle auf Deutschland zurollen. Wenn das Wachstum so weitergehe, wie derzeit, dann sei Ende September eine Inzidenz von 150 zu erwarten, sagt Lehr, der zusammen mit anderen Forschern ein Covid-19-Simulationsprojekt betreibt.

          Eine Abbremsung bringen könnten Impfungen, aber die Zahl der Impfungen gehe momentan „wirklich massiv zurück“. Der niederschwellige Zugang zu Impfangeboten werde nun „ganz wichtig“ sein. Zudem müsse man auch „in Gruppen reingehen“, die noch nicht geimpft worden seien – wie die 12- bis 15-Jährigen. Zwischen 60 und 70 Prozent aller neuen Infektionen betreffen laut Lehr die 15- bis 35-Jährigen.

          Aber selbst wenn das Impftempo wieder Fahrt aufnähme, würde das wegen des zeitlichen Verzugs – also bis die Impfungen voll wirkten – derzeit nicht stark weiterhelfen. „Deshalb sollten wir vor allem zusehen, dass wir nicht sämtliche Maßnahmen lockern“, sagte der Fachmann. Man sollte Grundregeln und die Maskenpflicht beibehalten und auf keinen Fall wie in Großbritannien alle Maßnahmen über Bord werden. „Die Krankenhausbelegungen sind dort bereits dramatisch gestiegen. Es wird da noch drastisch werden.“

          Auch in Deutschland rechnet Lehr mit einem abermaligen Anstieg der Krankenhausbelegungen mit Covid-Patienten. Sicherlich gebe es eine Verschiebung zu Patienten, „die nicht ganz so schnell sterben“. Aber es bleibe dabei, dass sie wahrscheinlich einen schweren Verlauf haben werden. Und es werde auch unter den jüngeren Patienten mehr Todesopfer geben.

          „Das ist ja keine Sintflut, die über uns kommt und an der wir nichts ändern können“, sagt Lehr. „Wir haben selber in der Hand, was passiert. Deswegen müssen wir schauen, dass wir diesen Sommer nicht wieder verschlafen wie den letzten Sommer.“ Er sei für das Festhalten an der Sieben-Tage-Inzidenz als Wert für die Bewertung der Corona-Lage. Der Faktor der Hospitalisierung trete zeitverzögert zu den Fällen auf.

          Gastronomie: Mehr Anreize für Geimpfte

          Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) fordert die Bundesregierung auf, positive Anreize für Durchgeimpfte zu schaffen, um die Impfquote zu erhöhen. „Dies bedeutet, dass der Restaurantbesuch wie der Hotelaufenthalt auf jeden Fall für doppelt Geimpfte auch im Herbst und Winter weiterhin erlaubt sein muss“, sagt Dehoga-Geschäftsführerin, Ingrid Hartges, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Auch brauche es außer Inzidenzen neue Entscheidungskriterien für die Beurteilung der Infektionslage. „Im 17. Monat der Pandemie und einer Impfquote von aktuell 50 Prozent ist es dringend geboten, andere Parameter zu definieren.“ Es müssten weitere Faktoren, wie zum Beispiel die Impfquote, die Entwicklung der Krankheitsverläufe, der Hospitalisierungsgrad sowie die Sterberate Berücksichtigung finden.

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