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Corona in Deutschland : Inzidenz steigt den siebten Tag in Folge

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Ein Pfleger versorgt einen Corona-Patienten auf der Intensivstation des Asklepios Klinikums Langen. Bild: Lucas Bäuml

Die Sieben-Tage-Inzidenz sowie die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland steigt weiter an. Die Bundesärztekammer drängt daher auf eine Intensivierung der Impfkampagne.

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          Seit nunmehr einer Woche steigt die Sieben-Tage-Inzidenz jeden Tag an. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts von Dienstagmorgen lag sie bei 6,5. Genau eine Woche zuvor betrug der Wert von Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen 4,9. Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut (RKI) binnen eines Tages 646 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Das geht aus Zahlen vom Dienstagmorgen hervor, die den Stand des RKI-Dashboards von 04.06 Uhr wiedergeben. Zum Vergleich: Vor einer Woche hatte das RKI 440 Ansteckungen gemeldet.

          Deutschlandweit wurde den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 26 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 31 Tote gewesen. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 3.737.135 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

          Impfwerbung vor der Tagesschau gefordert

          Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit 3.635.900 an. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 91.259.

          Die für die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Coronavirus entscheidende Reproduktionszahl lag nach RKI-Daten am Montag bei 1,15 und befand sich damit seit rund einer Woche über dem Wert von 1. Die Zahl bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 115 weitere Menschen anstecken. Liegt der Wert anhaltend über 1, steigen die Fallzahlen. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab. Der R-Wert lag zuvor rund zwei Monate lang deutlich unter 1.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU) besuchen am Dienstag das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Merkel wolle sich über aktuelle Aufgaben, Vorhaben und Herausforderungen beim RKI austauschen, hieß es vorab von Regierungsseite. Außerdem gehe es bei den Gesprächen mit RKI-Präsident Lothar Wieler um den Einfluss der Impfkampagne auf den Pandemieverlauf.

          Vor dem Hintergrund der steigenden Fallzahlen pocht der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, auf eine politische Intensivierung der Impfkampagne. „Ich vermisse den TV-Spot zum Impfen vor der Tagesschau“, sagte Reinhardt der Zeitung Rheinische Post. Es sei wichtig, durch konsequente Aufklärung die noch Unentschiedenen zu erreichen.

          Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier mahnt unterdessen zur Vorsicht bei künftigen Lockerungsschritten. Ein weiterer Lockdown „wäre das Schlechteste überhaupt und muss auf jeden Fall vermieden werden“, sagt der CDU-Politiker der Zeitung Augsburger Allgemeinen. Deshalb sehe er mit Sorge, dass die Disziplin nachlasse, in geschlossenen Räumen Masken zu tragen und dass der Abstand bei vielen Veranstaltungen schon wieder sehr gering werde. „Ich glaube, dass wir alle gut beraten sind, die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen.“

          Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hat sich dagegen auch im Falle steigender Infektionszahlen gegen einen weiteren Lockdown ausgesprochen. „Mit der FDP in der Regierung wird es mehr Rücksicht auf Freiheitsrechte geben“, sagte Lindner der „Bild-Zeitung“. Lindner fordert stattdessen eine „politische Garantie für Geimpfte“, dass diese sich „im Herbst frei bewegen können“. Es sei genug Zeit, um „Hygienekonzepte und Logistik aufzubauen, so dass auch Menschen ohne Impfschutz so wenige Einschränkungen wie möglich befürchten müssen“, sagte der FDP-Chef.

          Frankreich hatte zuletzt angekündigt, angesichts der rapiden Ausbreitung der Delta-Variante die Vorlage eines Gesundheitspasses zur Voraussetzung für den Besuch von Restaurants oder Einkaufszentren sowie die Nutzung von Zügen oder Flügen machen zu wollen. Der Pass gibt Aufschluss über eine Impfung, eine überstandene Corona-Infektion oder einen negativen Test.

          Der Vorstandvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, warnt derweil vor Alarmismus um eine mögliche vierte Corona-Welle. „Den Begriff Vierte Welle sehe ich kritisch. Das sorgt bei den Bürgern nur für die Angst, dass mit steigenden Fallzahlen die Intensivstationen wieder mit Covid-Patienten volllaufen – dank der Impfung wird das aber nicht der Fall sein,“ sagte Gaß der Bild-Zeitung. Gaß erwartet steigende Infektionszahlen im Herbst, „eine Gefahr für das Gesundheitssystem ist das aber nicht“. Infektionen, schwere Erkrankungen und Todesfälle hätten sich zunehmend entkoppelt. „Wir erwarten bei gleicher Inzidenz viel weniger Corona-Patienten in den Kliniken.“

          Unterdessen fordert der Deutsche Lehrerverband Bund und Länder mit Blick auf die Delta-Variante auf, sich auf eine abermalige Phase des Wechselunterrichts an den Schulen im Herbst vorzubereiten. „Das Szenario eins, von dem wir alle hoffen, dass es Wirklichkeit wird, heißt vollständiger Präsenzunterricht mit einer Sicherheitsphase von mehreren Wochen, wo weiterhin erhöhte Gesundheitsschutzmaßnahmen gelten“, sagt der Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

          Es werde aber nicht ausreichen, um eine vierte Welle zu verhindern, weil sich die Delta-Variante auch außerhalb der Schulen durch Kontakte ungeimpfter Jugendlicher untereinander verbreiten werde. Deshalb dürfe auch eine „erneute Phase des Wechselunterrichts“, bei der Vorbereitung auf das nächste Schuljahr nicht fehlen. Alle Schulen, die noch über kein schnelles Internet verfügen, sollen daher in den Ferienmonaten damit ausgestattet werden.

          Die Forderung nach einer Impfpflicht für das Personal in Kitas und Schulen stößt derweil weiter auf Kritik. Lehrerpräsident Meidinger argumentierte in der „Augsburger Allgemeinen“: „Nach unserem Kenntnisstand ist die Impfbereitschaft bei Lehrkräften sehr hoch, so liegt die Quote der bereits erstgeimpften Lehrkräfte in einigen Bundesländern bei nahe 90 Prozent.“ Die Hauptinfektionsgefahr für die Kinder und Jugendlichen drohe also nicht von Erwachsenen und schon gar nicht von Lehrkräften, sondern von Gleichaltrigen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bekräftigte gegenüber der „Rheinischen Post“: „Eine Impfung gegen Covid-19 muss die freiwillige Entscheidung jedes Einzelnen sein. Hier muss und wird die Politik zu ihrem Wort stehen. Das gilt auch für Lehrer und Erzieher.“ Der Humangenetiker Wolfram Henn vom Deutschen Ethikrat hatte am Montag eine Impfpflicht für das Personal gefordert.

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