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Risikoforscher zu Coronavirus : „Wir sehnen uns nach Katastrophen“

  • -Aktualisiert am

Die Nachfrage nach Mundschutzmasken ist infolge des Coronavirus stark gestiegen. Bild: AFP

Der Risikoforscher Ortwin Renn hält die Angst vor dem Coronavirus für übertrieben. Im F.A.Z.-Interview erklärt er, warum sich die Menschen vor falschen Gefahren fürchten.

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          Herr Renn, haben Sie Angst vor dem Coronavirus?

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Nein, ich persönlich habe keine Angst. Ich bin zwar kein Prophet, aber nach allem, was wir derzeit wissen, besteht kein Grund zur Panik.

          Wie erklären Sie sich dann, dass die Leute massenhaft Atemschutzmasken kaufen?

          In Deutschland haben wir zum Glück wenig katastrophale Ereignisse. Wenn dann doch mal etwas passiert, dann wird das gerne überhöht. Hinzu kommt: Der Mensch hat das Bedürfnis, Krisen zu bewältigen. Manche machen dazu Ballerspiele am Computer, andere Bungeejumping. Vor mit baut sich eine Gefahr auf, aber ich werde dieser Gefahr Herr. Auch wenn es seltsam klingen mag: In so einem Moment werden im Körper Glückshormone ausgestoßen. Der Mensch hat eine Sehnsucht nach der Bewältigung von Katastrophen.

          In manchen Jahren sterben in Deutschland mehrere tausend Menschen an der gewöhnlichen Grippe. Warum versetzt das kaum jemand in Angst?

          Es stimmt, die normale Grippe ist, was das Ausmaß von Gesundheitsschäden anbetrifft, höchstwahrscheinlich schlimmer als das Coronavirus. Aber Gefahren, an die man sich gewöhnt hat, verlieren ihren Schrecken. Außerdem wissen die Menschen: Die normale Grippe geht meistens gut aus, die Sterberate liegt unter 1 Prozent. Kaum jemand kennt einen, der an einer Grippe gestorben ist. Die Mortalitätsrate bei Corona ist zwar bislang ähnlich gering. Aber dieses Virus ist etwas Neues, das viele noch nicht einschätzen können.

          Sie haben ein Buch über das Risiko-Paradox geschrieben. Was meinen Sie mit diesem Begriff?

          Dass sich die Menschen vor den falschen Gefahren fürchten. In Deutschland sind zwei Drittel der Todesfälle unter 70 Jahren auf die vier Hauptkiller zurückzuführen: Rauchen, Alkohol, ungesunde Ernährung, zu wenig Bewegung. Aber viele Menschen unterschätzen die Größenordnung, die mit diesen Risiken verbunden sind. Stattdessen gibt es in Deutschland zum Beispiel eine weitgehend unbegründete Angst vor Pestizidrückständen in Lebensmitteln. Auch die Gefahr, Opfer einer Gewalttat oder eines Terroranschlags zu werden, wird überschätzt. Was auch daran liegt, dass so viele darüber reden. Angst ist ansteckend.

          Die Lufthansa fliegt nicht mehr nach China, Webasto hat seine Zentrale vorübergehend geschlossen. Sind solche Vorsichtsmaßnahmen übertrieben?

          Gut möglich, aber diese Übertreibung ist rational durchaus sinnvoll. Die Unternehmen kostet das zwar Geld. Aber wenn sich herausstellen würde, dass Passagiere auf einem Flug das Coronavirus verbreiten, wäre das weitaus schlimmer. Manager neigen in solchen Situationen dazu, eher zu viel als zu wenig zu tun, auch wenn der Worstcase unwahrscheinlich ist.

          Werden wir in drei Monaten noch über das Coronavirus sprechen?

          Ich glaube nicht. Es sei denn, es kommt zu einer wesentlich gefährlicheren Mutation.

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