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Sachbuch „Making China Modern“ : Mehr als nur Reaktionen auf den Westen

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Führer von Partei und Land: Porträts von Mao Tse-tung, Deng Xiaoping, Jiang Zemin, Hu Jinping in einer Pekinger Ausstellung zum siebzigjährigen Bestehen der Volksrepublik im vorigen Jahr Bild: Polaris / ddp

Klaus Mühlhahn lässt die Geschichte des modernen Chinas bereits im siebzehnten Jahrhundert beginnen. In seinem neuen Buch „Making China Modern“ eröffnet er so neue Perspektiven auf die heutige Großmacht.

          4 Min.

          Das Coronavirus suggeriert wieder einmal, dass ein global ausgerichtetes China Risiken in die Welt bringt. Letzteres ist auch eine Schlussfolgerung der monumentalen Geschichte Chinas auf dem Weg in die Moderne von Klaus Mühlhahn. Aber der an der Freien Universität in Berlin lehrende Sinologe beschwört dabei durchaus keinen „Kampf der Kulturen“ herauf. Er zeichnet im Gegenteil ein Bild, das Chinas Aufstieg zur Weltmacht aus seiner lange schon global orientierten Geschichte erklärt und so verstehen hilft.

          Aus gutem Grund lässt Mühlhahn Chinas Weg in die Moderne bereits im siebzehnten Jahrhundert beginnen: Mit der Eroberung Chinas durch die Mandschus und der Gründung der Qing-Dynastie, die ab 1644 China regiert, entwickelt sich das Land der vier großen Erfindungen (Papier, Buchdruck, Schwarzpulver, Kompass) zu einem der kulturell erfolgreichsten und wirtschaftlich mächtigsten Staaten der Welt, dessen in philosophischen Werken beschriebenes ideales Staatssystem auch Überlegungen europäischer Aufklärer inspiriert.

          Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts jedoch ist China in der Wahrnehmung der Welt zum „kranken Mann Ostasiens“ geworden, ironischerweise unter anderem wegen des über Indien von England eingeführten Opiums, das die Silberflüsse umkehrte, die über lange Zeit China Reichtum und Europa Sorgen brachten. China steht nun plötzlich als Verlierer da, der nicht einmal in der Lage ist, einem kleinen Nachbarn wie Japan erfolgreich militärisch entgegenzutreten und immer mehr Territorium an imperiale Mächte in Ost und West verliert.

          Hintergründe werden klar

          Wie aber ist dieser radikale Wandel möglich, und was bedeutet das für Chinas rasante Entwicklung heute? In vier Schritten beschreibt Mühlhahn Aufstieg und Niedergang der Qing (1644–1900), die chinesischen Revolutionen in den Jahren von 1900 bis 1948, Maos radikale Umgestaltung Chinas zwischen 1949 und 1976 und schließlich Chinas Aufstieg bis in die Gegenwart.

          Klaus Mühlhahn: „Making China Modern“. From the Great Qing to Xi Jinping. Belknap / Harvard University Press, Cambridge / Mass. 2019. 736 S., Abb., geb., 32,– Euro.

          Indem er seine Geschichte Chinas nicht, wie sonst üblich, mit dem Tiefpunkt Ende des neunzehnten Jahrhunderts beginnen lässt, sondern mit einer Wachstumszeit im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, eröffnet Mühlhahn eine neue Perspektive: Sie erlaubt es, die Zyklen der Machtverschiebungen zwischen Ost und West samt deren Folgen deutlicher zu sehen. Die Demütigung Chinas im langen neunzehnten Jahrhundert, die „nationale Schande“, von der in der chinesischen Außenpolitik noch heute immer wieder die Rede ist, der Wunsch nach „Renaissance“ und „Erneuerung“, der von der 4.-Mai-Bewegung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bis zu Xi Jinpings „Chinesischem Traum“ reicht – sie lassen sich so verstehen.

          Es wird klar, warum China einerseits sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zu Revolutionen aufmachte, die – wie bereits in der Qing-Zeit – globale Dimensionen hatten. Andererseits zeigt Mühlhahn auch, wann und wo eine Rückbesinnung auf bereits früher Etabliertes stattfand, dass die moderne Geschichte Chinas also nicht nur als „Antwort auf den Westen“ geschrieben werden kann.

          Gegen etablierte Stereotypen

          Damit werden auch die Hintergründe klar für vieles, was heute an aktuellen Problemen Chinas identifiziert und in den Medien behandelt wird. Xinjiang und die Uiguren sind nicht erst heute an ihrer Unabhängigkeit interessiert, bereits 1933 und 1944, also noch lange vor Gründung der Volksrepublik China, gab es starke Autonomiebewegungen. Das Anliegen, die territoriale Ausdehnung der Qing in ihrer Blütezeit zu bewahren, erklärt die harsche Vorgehensweise gegen Tibet, auch wenn dieses zwischen 1912 und 1950 eine mehr oder weniger autonome Regierung hatte; und es erklärt auch die scharfe Rhetorik gegenüber Hongkong und Taiwan.

          Mühlhahns Buch ist als Institutionengeschichte konzipiert. Es betont den Wandel der Institutionen und ihre kreativen Adaptationen. Das meritokratische Staatsprüfungssystem etwa, das China entwickelt hatte, begeisterte im achtzehnten Jahrhundert Europa. Es ist in der chinesischen Geschichte mehrfach neu konzipiert worden: umgebaut in der Taiping-Rebellion Mitte des neunzehnten Jahrhunderts; abgeschafft, noch in der Qing-Zeit, 1905; neu aufgelegt in der Republikzeit unter Tschiang Kai-schek; mehrfach radikal verwandelt nach Gründung der Volksrepublik China; schließlich wiedereingeführt im Rahmen des Reformpakets der letzten vier Jahrzehnte.

          Heute (man denke an die Pisa-Studien) trifft es, wie einst im achtzehnten Jahrhundert, international auf große Resonanz, ja Anerkennung. Mühlhahns Darstellung dieser Institution, die gängigerweise für den Niedergang Chinas im neunzehnten Jahrhundert verantwortlich gemacht wird, erlaubt eine Neubewertung und damit eine Revision alter monokausaler Erklärungen.

          Bessere Einschätzungen der Risiken

          Brillant erzählt ist in diesem Buch die Geschichte derjenigen Institutionen, die Mühlhahn selbst in seiner Forschung behandelt hat: das Justizsystem und die Konzentrations- und Gefangenenlager. Hier geht Mühlhahn wieder gegen etablierte Stereotypen an. Auch die unterschiedlichen Modelle der Militarisierung der chinesischen Gesellschaft werden detailreich und in ihrer Bedeutung für heutige Verhaltensweisen ausgeleuchtet.

          Andere institutionelle Wiederaufnahmen, etwa das Kollektivierungsmodell der Taiping und, genau ein Jahrhundert später, der Kommunistischen Partei Chinas, hätten noch deutlicher nebeneinandergestellt werden können, auch um so das Machtpotential und die Erfolgsbedingungen bestimmter institutioneller Strukturen auszuleuchten: Es wird nur angedeutet, dass die direkte Remonstranz, der direkte Kritikweg also zum Kaiser – auch ein Punkt, der dem Europa der Aufklärung als vorbildlich galt –, im Laufe der Qing-Zeit, in der ein komplexes Geheimhaltungssystem entwickelt wurde, wegfiel.

          Die chinesischen Zeitungen kritisierten dies am Ende des neunzehnten Jahrhunderts vehement und erklärten sich selbst zu ebendieser „Institution“, die sich zwar am europäischen Zeitungswesen orientierte, aber eben auch an das alte Ideal der direkten Appellation an die Macht anschloss. So wie es auch die Studenten bei den Demonstrationen im Jahr 1989 taten, die mit ihrer Petition, knieend vor der Großen Halle des Volkes, ein Gespräch mit den Regierenden erzwingen wollten, allerdings ohne Erfolg.

          Das kulturelle Gedächtnis und das Wissen um vergangene oder anderswo etablierte institutionelle Strukturen – samt Versuchen ihrer Anverwandlung und Erneuerung – sind also zuweilen ein Mittel zum Erfolg gewesen, wie Mühlhahn zeigt, wenn auch nicht immer. Seine Geschichte des modernen Chinas eröffnet dem Leser sowohl eine Innen- wie eine Außensicht des Landes und damit die Möglichkeit, die Risiken von Chinas globaler Präsenz besser einzuschätzen.

          Klaus Mühlhahn: „Making China Modern“. From the Great Qing to Xi Jinping. Belknap / Harvard University Press, Cambridge / Mass. 2019. 736 S., Abb., geb., 32,– Euro.

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