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Sachbuch „Making China Modern“ : Mehr als nur Reaktionen auf den Westen

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Mühlhahns Buch ist als Institutionengeschichte konzipiert. Es betont den Wandel der Institutionen und ihre kreativen Adaptationen. Das meritokratische Staatsprüfungssystem etwa, das China entwickelt hatte, begeisterte im achtzehnten Jahrhundert Europa. Es ist in der chinesischen Geschichte mehrfach neu konzipiert worden: umgebaut in der Taiping-Rebellion Mitte des neunzehnten Jahrhunderts; abgeschafft, noch in der Qing-Zeit, 1905; neu aufgelegt in der Republikzeit unter Tschiang Kai-schek; mehrfach radikal verwandelt nach Gründung der Volksrepublik China; schließlich wiedereingeführt im Rahmen des Reformpakets der letzten vier Jahrzehnte.

Heute (man denke an die Pisa-Studien) trifft es, wie einst im achtzehnten Jahrhundert, international auf große Resonanz, ja Anerkennung. Mühlhahns Darstellung dieser Institution, die gängigerweise für den Niedergang Chinas im neunzehnten Jahrhundert verantwortlich gemacht wird, erlaubt eine Neubewertung und damit eine Revision alter monokausaler Erklärungen.

Bessere Einschätzungen der Risiken

Brillant erzählt ist in diesem Buch die Geschichte derjenigen Institutionen, die Mühlhahn selbst in seiner Forschung behandelt hat: das Justizsystem und die Konzentrations- und Gefangenenlager. Hier geht Mühlhahn wieder gegen etablierte Stereotypen an. Auch die unterschiedlichen Modelle der Militarisierung der chinesischen Gesellschaft werden detailreich und in ihrer Bedeutung für heutige Verhaltensweisen ausgeleuchtet.

Andere institutionelle Wiederaufnahmen, etwa das Kollektivierungsmodell der Taiping und, genau ein Jahrhundert später, der Kommunistischen Partei Chinas, hätten noch deutlicher nebeneinandergestellt werden können, auch um so das Machtpotential und die Erfolgsbedingungen bestimmter institutioneller Strukturen auszuleuchten: Es wird nur angedeutet, dass die direkte Remonstranz, der direkte Kritikweg also zum Kaiser – auch ein Punkt, der dem Europa der Aufklärung als vorbildlich galt –, im Laufe der Qing-Zeit, in der ein komplexes Geheimhaltungssystem entwickelt wurde, wegfiel.

Die chinesischen Zeitungen kritisierten dies am Ende des neunzehnten Jahrhunderts vehement und erklärten sich selbst zu ebendieser „Institution“, die sich zwar am europäischen Zeitungswesen orientierte, aber eben auch an das alte Ideal der direkten Appellation an die Macht anschloss. So wie es auch die Studenten bei den Demonstrationen im Jahr 1989 taten, die mit ihrer Petition, knieend vor der Großen Halle des Volkes, ein Gespräch mit den Regierenden erzwingen wollten, allerdings ohne Erfolg.

Das kulturelle Gedächtnis und das Wissen um vergangene oder anderswo etablierte institutionelle Strukturen – samt Versuchen ihrer Anverwandlung und Erneuerung – sind also zuweilen ein Mittel zum Erfolg gewesen, wie Mühlhahn zeigt, wenn auch nicht immer. Seine Geschichte des modernen Chinas eröffnet dem Leser sowohl eine Innen- wie eine Außensicht des Landes und damit die Möglichkeit, die Risiken von Chinas globaler Präsenz besser einzuschätzen.

Klaus Mühlhahn: „Making China Modern“. From the Great Qing to Xi Jinping. Belknap / Harvard University Press, Cambridge / Mass. 2019. 736 S., Abb., geb., 32,– Euro.

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