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Reisewarnung für ganz Spanien : Die Wucht der zweiten Welle

Nur wenige Urlauber baden am Strand La Teresita in Santa Cruz, Teneriffa. Bild: dpa

Die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes für die Kanaren trifft die Inselgruppe hart: Fast jeder zweite Arbeitsplatz dort hängt vom Tourismus ab. Wie konnte es so weit kommen in einer Region, die die Pandemie zunächst besonders erfolgreich bekämpfte?

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          Ganz Spanien ist jetzt Risikogebiet. Das Auswärtige Amt warnt ausdrücklich vor allen touristischen Reisen in das beliebteste Urlaubsland der Deutschen. Am Mittwochabend war die Warnung auch auf die Kanarischen Inseln ausgedehnt worden – die letzte spanische Region, in die Deutsche ohne einen Corona-Test bei der Heimkehr einreisen durften. Von Oktober an müssen Spanien-Rückkehrer voraussichtlich bis zu zwei Wochen in Quarantäne.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Der Tourismus auf den Kanaren habe aus Deutschland den „letzten und endgültigen Schlag“ erhalten, schrieb am Donnerstag die Regionalzeitung „Canarias7“. „Das sind schlechte Nachrichten, die großen Einfluss auf unsere Wirtschaft haben werden. Fast jeder zweite Arbeitsplatz hängt vom Tourismus ab“, sagte die kanarische Tourismusministerin Yaiza Castilla über die deutsche Ankündigung, die auf den Inseln seit Tagen erwartet worden war: Seit eineinhalb Wochen lagen die Kanaren schon über dem Grenzwert von 50 Fällen, von dem an das Robert-Koch-Institut eine Region gewöhnlich zum Risikogebiet erklärt. Zuletzt waren es auf den Inseln 93 Fälle und 235 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden. Bis vor wenigen Wochen hatte man auf den Kanaren wie auf den Balearen noch gehofft, von der zweiten Corona-Welle verschont zu bleiben, die Spanien gerade wieder überrollt.

          Innerhalb Spaniens hatten die beiden Inselgruppen zuvor besonders erfolgreich gegen die Ausbreitung der Pandemie gekämpft. Im Frühjahr schotteten sie sich weitgehend von der Außenwelt ab, denn man war sich der Risiken von Anfang an bewusst: Ein deutscher Tourist auf der Kanareninsel La Gomera war Anfang Februar der erste Corona-Fall in ganz Spanien. Der zweite Infizierte war dann ein britischer Urlauber auf Mallorca.

          Angesichts ihrer relativ niedrigen Zahl an Infizierten und Toten wollten Politiker auf den Kanaren ihre Inseln schon bald in eine Art „Labor“ für den Neustart des überlebenswichtigen Tourismus verwandeln, von dem mehr als ein Drittel der Wirtschaftsleistung der Inseln abhängt. Aber dazu wird es in diesem Jahr nicht mehr kommen.

          Mehr als 13 Millionen Touristen reisten im vergangenen Jahr auf die spanischen Atlantikinseln – trotz des Bankrotts des Reiseanbieters Thomas Cook, der im vergangenen Herbst schon einmal schmerzhaft deutlich machte, wie groß die Abhängigkeit von den Urlaubern ist. In diesem Jahr reisten nach Angaben der Regionalregierung nur gut drei Millionen an, bevor die Hochsaison im Herbst begonnen hat.

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          Nur gut einen Monat nach der Öffnung der spanischen Grenzen kam Ende Juli der erste schwere Rückschlag, als die britische Regierung eine Quarantänepflicht für Spanien-Rückkehrer einführte. Briten stellen die größte Gruppe unter den Urlaubern auf den Atlantikinseln. Danach verhängten auch Frankreich, Norwegen, Österreich, Irland, die Niederlande und Belgien (mit der Ausnahme von Teneriffa) ähnliche Einschränkungen. Die Reisewarnung aus Berlin hat jedoch besonders gravierende Auswirkungen, denn die Deutschen stellten im vergangenen Jahr mit 2,7 Millionen Urlaubern die zweitgrößte Gruppe unter den ausländischen Gästen. Und seit dem Ausbleiben der Briten wurden sie zur Nummer eins.

          Am Donnerstag sagten die deutschen Anbieter TUI und DER Touristik ihre Reisen auf die Kanaren bis vorerst Mitte September ab. Zahlreiche Deutsche waren nach der Reisewarnung für Mallorca auf die Atlantikinseln ausgewichen. Dort befürchten die Hoteliers, dass die Belegung ihrer Häuser ohne die Deutschen auf 15 Prozent sinken werde. „Ohne Touristen werden viele Hotels schließen müssen, die im Sommer in der Hoffnung geöffnet hatten, bis zum Winter durchzuhalten“, sagt Präsident des regionalen Hotel- und Tourismusverbandes Feht, José María Mañaricua. „Jetzt hängt alles von uns Kanaren ab“, mahnt er, genau wie die Tourismusministerin, die dazu aufruft, alles zu tun, um die Infektionszahlen wieder unter Kontrolle zu bringen.

          Möglicherweise einzelner Superspreader verantwortlich

          Es wird nicht ausgeschlossen, dass möglicherweise ein einziger „Superspreader“, der vom spanischen Festland eingereist ist, das Virus in Diskotheken der Inselhauptstadt Las Palmas verbreitet hat. Anfang August hatte Gran Canaria 30 aktive Corona-Fälle verzeichnet, nur einen Monat später hatten sich mehr als 3000 Menschen mit dem Virus infiziert; das ist knapp die Hälfte aller Erkrankten auf der Inselgruppe. Den RKI-Grenzwert von 50 Fällen haben daneben nur El Hierro und Lanzarote überschritten. Die Zahlen aus Fuerteventura, Teneriffa und La Gomera liegen darunter.

          Reiseveranstalter und Hoteliers wollen die Hoffnung noch nicht aufgeben, dass es gelingt, die Zahlen zu senken, so dass die Reisewarnung wieder aufgehoben werden kann. Wie schwer das ist, zeigt der Rest Spaniens, wo es bisher nicht gelang, die rasche Ausbreitung des Virus zu stoppen. Kein anderes europäisches Land leidet so sehr unter der neuen Corona-Welle. Die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen 14 Tagen lag in Spanien am Donnerstag bei 231 Fällen pro 100.000 Einwohnern, während es in Deutschland 21 und in Frankreich 101 Fälle sind. Am härtesten trifft es wie im Frühjahr die Region von Madrid. Dort wurden innerhalb von 24 Stunden mehr als 1300 Neuinfektionen registriert; das waren mehr als im gleichen Zeitraum in ganz Deutschland.

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