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Psychiater über Corona-Politik : „Angst kann keine langfristige Lösung sein“

Wahr gewordenes Horrorszenario: In Meißen, Sachsen, gab es im Dezember besonders viele Corona-Tote. Bild: dpa

Der Psychiater Jan Kalbitzer findet, dass in der Corona-Krise zu viel mit Horrorszenarien gearbeitet wird. Ein Interview über positive Narrative, die Verantwortung von Experten und die Folgen länger andauernder Angst.

          5 Min.

          Herr Kalbitzer, der Fußball-Trainer Hansi Flick hat kürzlich über die „sogenannten“ Corona-Experten geschimpft und von der Politik gefordert, sich darum zu kümmern, „dass man auch mal was Positives verkünden“ kann. Finden Sie als Psychiater, dass in der Corona-Krise zu viel mit Horrorszenarien gearbeitet wird?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Absolut. Wenn man unter starker oder länger andauernder Angst leidet, kann das zwei Folgen haben: Man wird übersensibel, oder man stumpft ab. Das sind beides Folgen, die wir nicht gebrauchen können in so einer Krise – vor allem wenn sie so lange dauert. Am Anfang hat die Angst noch funktioniert. Der erste Lockdown hat schon Wirkung gezeigt, bevor er anfing. Aber im November dauerte es dann schon deutlich länger. Vielleicht haben die Mutationen jetzt wieder eine ähnliche Wirkung wie die Bilder aus Bergamo vor einem Jahr. Aber dass Menschen Angst haben, kann keine langfristige Lösung sein. Wir brauchen ein positives Narrativ, in dem man darauf schaut, was wir alles gemeinsam erreicht haben. Es ist eine Wahnsinnsleistung, dass wir einen Impfstoff haben. Bemerkenswert ist auch die Disziplin jedes Einzelnen, der durch harte Einschränkungen im Alltag Tote vermeidet. Das muss man deutlich machen.

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