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Psychiater über Impfskeptiker : „Freiberufler und Künstler haben eher Angst vor der Impfung“

Sind die Impfstoffe sicher? Psychiater Kalbitzer berichtet von einer großen Skepsis seiner Patienten. (Symbolbild) Bild: Mark Peterson/Redux/laif

Jan Kalbitzer behandelt als Psychotherapeut viele Menschen, die der Corona-Impfung kritisch gegenüberstehen. Im Interview berichtet er von ihrer Skepsis gegenüber Experten: Kann man ihnen vertrauen – oder sind das Aktivisten?

          5 Min.

          Herr Kalbitzer, die Bundesregierung will in der kommenden Woche mit Plakaten, Fußballprofis und der amtierenden „Miss Germany“ fürs Impfen werben. Erreicht man so Impfskeptiker – oder sollte man eher den Druck auf Ungeimpfte erhöhen?

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Mit Vorbildern zu werben, ist sicher eine gute Teiltaktik. Druck wirkt auch, die Frage ist nur, welche Nebenwirkungen das hat. Ich behandle als Psychiater und Psychotherapeut viele freischaffende Künstler und Selbständige, die der Impfung kritisch gegenüberstehen. Sie lassen sich nur impfen, weil sie als Theaterschauspieler oder Sänger die Sorge haben, ungeimpft nicht mehr auftreten zu können. Ich weiß nicht, ob das nicht gesamtgesellschaftlich Nebenwirkungen hat, wenn wir Menschen nicht überzeugen, sondern zwingen.

          Warum sind diese Leute skeptisch gegenüber der Impfung?

          Die COSMO-Daten der Universität Erfurt sind da sehr aufschlussreich: Es geht vor allem um fehlendes Vertrauen in öffentliche Stellen und Experten. Denen muss man glauben, dass sich Impfungen einerseits lohnen, weil sie gut wirken, und andererseits keine Nebenwirkungen und Langzeitfolgen haben, die unterschlagen werden könnten. Ich spreche viel mit Menschen, die impfskeptisch sind. Sie verunsichert der Aktivismus von bestimmten Experten und Journalisten.

          Jan Kalbitzer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er leitet die Stressmedizin der Oberberg Kliniken.
          Jan Kalbitzer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er leitet die Stressmedizin der Oberberg Kliniken. : Bild: Andreas Pein

          Wie meinen Sie das?

          Auch wenn sie oft als dumpf dargestellt werden, viele Impfskeptiker sind durchaus kluge Menschen. Sie werden skeptisch, wenn sie sehen, dass eine Biologin wie Melanie Brinkmann, die bisher vor allem zu zellulären Mechanismen bei viralen Erkrankungen geforscht hat, in der Pandemie zur Expertin für Kinderinfektiologie und Epidemiologie wird und für No-Covid wirbt. Da verschwimmt die Grenze zwischen Expertise und Aktivismus. Das merken viele Menschen und es verursacht Skepsis: Kann man den Experten, die ja auch die Regierung beraten, vertrauen – oder sind das Aktivisten, die selbst Angst haben und nicht objektiv über Fakten reden? Es ist eine gewisse Goldgräberstimmung unter Wissenschaftlern entstanden, die in dieser Pandemie sehr schnell sehr viel Aufmerksamkeit bekommen können.

          Melanie Brinkmann hat der Zeitung Die Zeit kürzlich gesagt, dass in Deutschland im Winter wegen Corona „mehrere Hundert Kinder und Jugendliche“ ihr Leben verlieren könnten. Christian Drosten hat im NDR-Podcast angesprochen auf solche Zahlen gesagt, dass er sich „über beide Extreme in der öffentlichen Diskussion“ ärgere, also Verharmlosungen und Horrorszenarien: „Beide Extreme werden leider auch von Medizinerinnen und Medizinern mit betrieben.“ Drosten hält das für „zerstörerisch“, weil man so die Ängstlichen und die Unvorsichtigen gegeneinander aufhetze.

          Brinkmann hat Zahlen aus den USA zitiert und die dann hochgerechnet. Da müsste man wenigstens dazu sagen, dass Kinder in einigen Teilen der USA selten getestet werden – bei uns aber flächendeckend in den Grundschulen. Die Dunkelziffer ist dann dort viel höher, deswegen funktioniert diese Rechnung nicht. Bei vielen Experten weiß ich schon bevor ich ein Interview lese, was sie fordern werden. Das ist ein schlechtes Zeichen. Bei Christian Drosten ist das anders. Seine Qualität erkennt man daran, dass er eigene, frühere Einschätzungen auch mal korrigiert – das ist echte Wissenschaft und kein Aktivismus. Es ist Zeit für mehr Objektivität. Wir sind in Deutschland in einer Situation, in der wir ziemlich sichere Impfstoffe haben und gleichzeitig ein Virus, das durch seine Mutationen immer aggressiver wird. Deswegen ist es wichtig, Skeptiker zu überzeugen. Das funktioniert aber nur, wenn man darauf vertrauen kann, dass man es mit objektiven Experten zu tun hat, die über objektive Daten und nicht ihre persönliche Meinung sprechen, zu der sie sich dann möglichst passende Zahlen suchen.

          Haben Angstpatienten eher Angst vor Corona oder Angst vor der Impfung?

          In meiner Praxis mache ich gerade eine interessante, wissenschaftlich aber natürlich überhaupt nicht repräsentative Beobachtung: Menschen, die viel Sicherheit gewohnt sind – zum Beispiel aus Festanstellungen oder Beamtenverhältnissen –, haben eher Angst vor Corona. Die Freiberufler und Künstler haben eher Angst vor der Impfung. Freiberufler leben oft aus Überzeugung ein unabhängiges Leben, sie übernehmen sehr viel Verantwortung für sich selbst und für ihren Körper. Sie wissen, dass sie mehr auf sich selbst angewiesen sind, als jemand, der in einem sicheren Netz ist. Und sie mögen es nicht so gern, sich vom Staat sagen zu lassen, wie sie sich zu verhalten haben. Ein viel höheres Bedürfnis, dass sich jemand um die eigene Sicherheit kümmert, haben oft Festangestellte an Universitäten oder Beamte. Die achten vielleicht auch nicht im gleichen Maße auf ihre Gesundheit. Die Studie aus Erfurt zeigt, dass Impfskeptiker eher unvorsichtig sind. Das erlebe ich in meiner Praxis allerdings anders. Die Impfskeptiker, mit denen ich spreche, sind alle sehr vorsichtig. Sie wollen sich lieber selbst durch Masken und Abstand schützen, als sich mit einem Impfstoff impfen zu lassen, den sie nicht richtig einschätzen können.

          Der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hat Geimpfte kürzlich scherzhaft als „Versuchskaninchen“ bezeichnet. Verunsichert das die Menschen?

          Ich fand das großartig, Scholz hat einfach eine Wahrheit ausgesprochen. Ich zum Beispiel war am Anfang wahnsinnig impfskeptisch bei der schnellen Entwicklung der Impfstoffe. Ich habe mich trotzdem relativ früh impfen lassen, weil ich gesagt habe: Irgendjemand muss ja anfangen. Als ich mit AstraZeneca geimpft wurde, sind gerade die ersten Schreckensmeldungen über den Impfstoff erschienen. Ich bin also mit dem Wissen zur Impfung gegangen, dass ich Teil einer Versuchskohorte bin. Natürlich können am Anfang so einer Impfkampagne noch Folgen auftreten, die man nicht absehen kann. Und es ist doch gut, dass Scholz mal ausspricht, dass wir alle einen Impfstoff genutzt haben, der uns zwar Sicherheit gibt, der aber auch noch Unsicherheiten in sich getragen hat. Indem wir ihn millionenfach ausprobierten, haben wir Sicherheit geschaffen. Wir sind Vorbilder gewesen.

          Aber der Impfstoff war doch gründlich geprüft und regulär zugelassen. Scholz hat das Wort „Versuchskaninchen“ ja eher scherzhaft und aus der Perspektive der Impfskeptiker genutzt.

          Manche langfristigen, seltenen Folgen sieht man erst, wenn man sehr viele Menschen geimpft hat. In früheren Grippewellen sind ja auch zunächst zugelassene Impfstoffe wieder vom Markt genommen worden. Wer sich direkt impfen lässt, geht das Risiko ein, sehr seltene Nebenwirkungen zu entwickeln, die man in den Zulassungsstudien nicht sieht. Das ist einfach so. Und die sehr seltenen Herzmuskelentzündungen und die Thrombosefälle nach Corona-Impfungen hat man ja auch erst gesehen, als sehr viele Menschen geimpft worden waren. Über diese Phase sind wir lange hinaus. Da kann man doch mal mit ein bisschen Humor zu einem Impfskeptiker sagen: Wir waren eure Versuchskaninchen, jetzt seid ihr dran. 

          Sollte man grundsätzlich versuchen, Impfskeptiker in seinem Umfeld zu überzeugen?

          Ich als Psychiater darf keinen Aktivismus bei meinen Patienten betreiben. Wenn man mich fragt, sage ich aber, warum ich es für sinnvoll halte, sich impfen zu lassen. Die getrennt ausgewiesenen Inzidenzen für Geimpfte und Ungeimpfte sind ein schönes Argument, da sieht man ja sehr eindrucksvoll, was die Impfung bringt. Persönlich betrifft es mich als Vater in Schule und Kita, wenn ich weiß, dass Eltern leichtsinnig sind, sich nicht impfen lassen und sich nicht an die Regeln halten. Da kommen oft gleich drei Annahmen zusammen, die kombiniert problematisch sind: Die Krankheit ist nicht so schlimm, die Impfung ist gefährlich und die Masken schaden den Kindern. Über jedes dieser Argumente kann man diskutieren. Was die Gefahr der Erkrankung und die Risiken der Impfung bei kleinen Kindern angeht und was die Masken für ihr Leben bedeuten, bin ich auch immer wieder hin- und hergerissen. Aber genau deshalb muss man doch offen und im Gespräch bleiben. Wenn Eltern aber nur trotzig gegen alles sind und dann aus Leichtsinn ein hochübertragbares Virus wie die Delta-Variante in die Kita tragen, geht mich das etwas an.

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