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Psychologin Jule Specht : „Wichtig ist es, neue Routinen zu entwickeln“

Wer im Home Office arbeitet und soziale Distanz wahrt, sollte sich explizit fragen, wie er seiner Psyche etwas Gutes tun kann. Bild: obs

Unsere Psyche als große Unbekannte der Corona-Krise: Ein Gespräch mit der Psychologin Jule Specht über die mentalen Herausforderungen von Home Office und sozialer Distanzierung.

          4 Min.

          Frau Specht, wir befinden uns seit Anfang der Woche in einer völlig neuen Alltagssituation: Viele Menschen bleiben so viel wie möglich zu Hause, soziale Kontakte werden vermieden. Für viele ist die Umstellung sehr schwierig, andere scherzen, dass sie nur darauf gewartet haben, endlich in Ruhe zu Hause sein zu können. Ist es eine Charakterfrage, wie gut man mit den Einschränkungen klar kommt?

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Man könnte davon ausgehen, dass die soziale Distanzierung für introvertierte Menschen leichter zu bewältigen ist, weil sie ohnehin kein so stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Geselligkeit haben. Ich glaube aber, das ist zu kurz gedacht: Das Bedürfnis nach sozialem Austausch ist ein universelles, und fehlender sozialer Austausch wirkt sich bei fast allen Menschen negativ auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit aus. Es wird sich zeigen, ob es extravertierten Menschen nicht vielleicht eher gelingt, in sozialer Isolation auf neuen Wegen Kontakte zu ihren Mitmenschen aufzubauen, während es introvertierten Menschen vielleicht schwerer fällt, neue Varianten sozialer Interaktion aufzubauen. Wichtig ist aber, dass wir aktiv neue Routinen entwickeln, um unser Sozialleben unter den erschwerten Bedingungen zu erhalten.

          Tatsächlich hat sich ja innerhalb kurzer Zeit unser Alltag völlig verändert.

          Ja, wir müssen zum Beispiel unsere Arbeit und unser Familienleben neu strukturieren, können unseren Hobbys nicht in gleicher Weise nachgehen und müssen Gewohnheiten im Freundeskreis ändern. Ich würde erwarten, dass Personen, die offen für neue Erfahrungen sind, deutlich besser mit dieser Fülle an Veränderungen umgehen können und weniger verunsichert werden als Personen, die das weniger sind. Es wird ihnen möglicherweise auch leichter gelingen, auf kreative Weise mit den neuen Anforderungen umzugehen. Letztendlich können wir hier aber nur spekulieren: Die jetzige Situation ist so ungewöhnlich, dass wir nur Hypothesen dazu aufstellen können, wie sich Menschen im Umgang damit unterscheiden.

          Jule Specht ist Professorin für Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im vergangenen Jahr hat sie das Sachbuch „Charakterfrage“ bei Rowohlt veröffentlicht.

          Die gegenwärtige Unsicherheit bezüglich der weiteren Entwicklungen und der Folgen der Corona-Krise ist eine weitere psychische Belastung.

          Ja, vor allem für Personen, die ein erhöhtes Risiko tragen, schwer zu erkranken, oder unabhängig vom Corona-Virus von einem gut funktionierenden Gesundheitssystem abhängig sind. Im Allgemeinen fällt es außerdem emotional stabilen, also wenig neurotizistischen Menschen leichter, mit Herausforderungen umzugehen. Sie reagieren gelassener auf Stress, sind auch in schwierigen Situationen entspannter und ruhiger.

          Sie haben selbst zu der Frage geforscht, wie Menschen auf drastische Veränderungen in ihrem Leben reagieren.

          Ja, typischerweise geht es Menschen besser, die das Gefühl haben, ihr Leben unter Kontrolle zu haben, sich also nicht Glück oder Schicksal, Zufall oder mächtigen anderen ausgeliefert fühlen. In einer Studie, in der es um die Bewältigung des Todes des Partners ging, konnten wir zeigen, dass dies in einer solch einschneidenden, negativen, nicht kontrollierbaren Lebenssituation jedoch genau andersherum sein kann: Hier geht es zunächst eher den Menschen besser, die schon vorher eine vergleichsweise geringe Kontrollüberzeugung hatten. Es ist durchaus denkbar, dass Menschen die jetzige Situation zunächst schwerer bewältigen können, die bisher der Auffassung waren, ihr Leben maßgeblich unter Kontrolle zu haben, anstatt äußeren Umständen ausgeliefert zu sein.

          Wird das Problem der psychischen Folgen der Corona-Krise bislang unterschätzt?

          Zu Beginn der Krise hatte ich das Gefühl, dass vor allem medizinische und politische Aspekte im Vordergrund standen, da sehr schnell sehr weitreichende Entscheidungen getroffen werden mussten. Mittlerweile erhalten, soweit ich das einschätzen kann, auch die psychischen Folgen dieser Maßnahmen mehr Aufmerksamkeit. Das ist gut und wichtig, denn wir alle müssen in der jetzigen Situation neue Routinen entwickeln, um unser psychisches Wohlbefinden zu sichern.

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          Wie kann das konkret aussehen?

          Der Alltag vieler Menschen ist – oftmals ohne dass uns das bewusst ist – so gestaltet, dass er uns ein Mindestmaß an psychischem Wohlbefinden sichert: Der Weg zur Arbeit bringt frische Luft, eine Gesprächspartnerin im Büro bringt sozialen Austausch auch abseits des inhaltlich Notwendigen mit sich, der Besuch im Theater inspiriert. Sitzen wir nun im Home-Office und wahren soziale Distanz, dann ist es wichtig, dass wir uns explizit darüber Gedanken machen, wie wir unserer Psyche etwas Gutes tun: frische Luft schnappen, sich bewegen, im engen Austausch mit unseren Mitmenschen sein, um ihnen auch aus der Ferne nah zu sein, und sich von digitalen Angeboten von Kunst und Kultur inspirieren und fesseln lassen.

          Wenn man merkt, dass einem die momentane Situation nicht guttut, sollte man also schnell reagieren?

          Ja, zum Beispiel sollte man auch mit anderen Menschen darüber sprechen, denn viele erleben ja gerade ähnliche Herausforderungen. Auch wenn es momentan vielleicht naheliegend scheint, sich in der Kommunikation nur auf das zu beschränken, was inhaltlich wesentlich ist, ist es wichtig, die soziale und psychologische Dimension mitzudenken, zum Beispiel auch mal eine Kaffeepause mit Kolleginnen oder Freundinnen über Videochat einzuplanen. Meine Mitarbeiter probieren zum Beispiel gerade aus, wie es ist, sich zum Arbeiten über Skype zu treffen, selbst wenn jeder für sich im Home-Office arbeitet. Das kann Gemeinschaft stiften und Gelegenheiten für Smalltalk und Zwischenmenschliches schaffen.

          Können hier auch die sozialen Medien eine wichtige Rolle spielen?

          Die sozialen Medien können hilfreich sein, um sich einen Überblick zu verschaffen und Ideen für die Bewältigung der Situation auszutauschen. Auch die dort verbreitete Solidarität, die Unterstützungsangebote in der Nachbarschaft und die Digitalisierung künstlerischer Offline-Projekte finde ich eindrucksvoll. Gleichzeitig verbreitet sich in den sozialen Netzwerken auch leicht Panik, denn Angst ist ansteckend. Gerade Personen, die die Corona-Krise emotional sehr belastet, würde ich daher empfehlen, soziale Netzwerke wie Twitter nur wohldosiert zu nutzen.

          Hat diese Krise das Potential, uns zu verändern, uns neue Dimensionen unserer Persönlichkeit zu erschließen?

          Menschen sind sehr anpassungsfähig, selbst in Bezug auf sehr ungewohnte Situationen. Ob sich die Persönlichkeit verändert, ist zumindest fraglich. Die Psychologen Caspi und Moffitt nehmen in ihrer paradoxen Theorie der Persönlichkeitskohärenz beispielsweise an, dass sich die Persönlichkeit in neuen Situationen nur dann ändert, wenn klar ist, wie man sich verhalten muss, um die neue Lage gut zu bewältigen. Anderenfalls führten neue Situationen sogar eher dazu, dass wir zunächst an bisherigen Gewohnheiten festhalten. Das würde bedeuten, dass sich unsere Persönlichkeit während der Corona-Krise sogar stabilisieren könnte.

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