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Spanien und der Tourismus : Die „neue Normalität“ auf Mallorca wird anders sein

Palma de Mallorca – bald auch wieder für einige deutsche Urlauber zu besichtigen Bild: AP

Spanien befindet sich noch im Alarmzustand, doch langsam soll getestet werden, ob die Balearen für den Tourismus sicher sind. Vom 15. Juni an dürfen 6000 deutsche Urlauber für einen Probelauf auf die spanischen Inseln. Und dann?

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          Die Vorhut kommt aus Deutschland. Vom nächsten Montag dürfen die ersten deutschen Touristen nach Mallorca zurückkehren. Noch bevor die balearische Regionalregierung am Dienstagmittag die Einzelheiten des Pilotprojekts vorstellte, waren die Reisen schon bei deutschen Anbietern buchbar – inklusive Direktflug von mehreren deutschen Flughäfen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Am 15. Juni beginnt für 6000 deutsche Urlauber die „neue Normalität“, auf die die meisten der 47 Millionen Spanier noch bis zum Ende des Monats warten müssen. Erst in den Tagen nach dem Ende des Alarmzustands können sie sich wieder in ihrem Land frei bewegen. Wochenlang hatte Hoteliers, Reiseanbieter und die balearische Regionalregierung mit Madrid um den Probelauf gerungen, der testen soll, ob die Balearen Corona-sicher sind. Das bedeutet noch keine Reisefreiheit für Deutsche. Bis Ende Juni können nur 4000 Urlauber nach Mallorca, 1000 nach Menorca sowie 1000 nach Ibiza und Formentera reisen – im Jahr 2019 kamen insgesamt 4,6 Millionen Deutsche.

          Die Urlauber aus Deutschland sind privilegiert. Für sie wird die 14 Tage dauernde häusliche Quarantäne aufgehoben, die bis Anfang Juli für alle anderen Einreisenden gilt. Zunächst war bei dem Pilotprojekt eine „Blitz-Quarantäne“ von wenigen Stunden im Hotelzimmer vorgesehen, bis das Ergebnis des PCR-Tests vorliegt. Doch nun werden die deutschen Ankömmlinge einen Fragebogen mit ihren Kontakten ausfüllen. Danach werden sie nach dem Zufallsprinzip von den spanischen Gesundheitsbehörden angerufen, und nach ihrem Befinden befragt.

          Ein Drittel der Infizierten hatte keinerlei Symptome

          Diese Regelung hält man auf den Kanarischen Inseln nicht für sicher genug. Auch die kanarische Regionalregierung verhandelt mit Madrid über einen „sicheren Korridor“ und ein ähnliches Pilotprojekt mit mehr als 9000 Touristen. Die kanarische Gesundheitsministerin Yaiza Castilla warnte in einem Brief an das Gesundheitsministerium in Madrid in der vergangenen Woche davor, die Erfolge im Kampf gegen Corona durch „unzureichende“ Sicherheitsvorkehrungen zu gefährden. Andere Reiseländer wie Portugal, Italien und Griechenland, mit den Spanien konkurriert, gingen längst viel weiter, während man in Madrid in dem Spanien bis zuletzt vorsichtiger bleibt.

          Dabei sind die Zahlen ermutigend und deutlich besser als zum Beispiel in Italien, das sich schon wieder für ausländische Touristen geöffnet hat. Im Zuge der nationalen Studie, mit der Spanien seit gut einem Monat die Verbreitung des Coronavirus testet, liegen neue Ergebnisse vor. Demnach wurden bei 5,2 Prozent der mehr als 60.000 im ganzen Land getesteten Spanier Antikörper gefunden. Das sind nur 0,2 Prozent mehr als in der ersten von insgesamt drei Testreihen.

          Nach Ansicht von Fachleuten macht das Zwischenergebnis deutlich, dass die jüngsten Lockerungen nicht zu einer Zunahme der Infektionen geführt haben. Gleichzeitig zeigte die Studie aber auch, wie groß die Corona-Gefahr bleibt, weil viele Ansteckungen verborgen bleiben: Ein Drittel der spanischen Infizierten hatte keinerlei Symptome. In Spanien wurden bisher mehr als 240.000 Infektionen nachgewiesen; mehr als 27.000 Menschen starben an den Folgen des Coronavirus – doch in Wirklichkeit ist der Anteil der Verstorbenen an den 47 Millionen Spaniern wohl viel höher.

          Die ersten Besucher kehren zurück

          Laut einer Übersicht der Zeitung „El País“ ist Spanien das Land mit der zweithöchsten Übersterblichkeit: Von Anfang März bis Ende Mai wurden 47.000 mehr Todesfälle als normal verzeichnet, ein Überschuss von 45 Prozent, den nur Peru (54 Prozent) übertrifft. Spanien weist die höchste Zahl in Europa auf, noch vor Britannien (40) und Italien (36); Deutschland liegt nach diesen Angaben bei vier Prozent. Der Corona-Schock sitzt in Spanien tief, aber nach Ansicht der Regierung ist die Ausbreitung des Virus in Spanien mittlerweile weitgehend unter Kontrolle. Doch es wächst die Sorge, dass „importierte“ Fälle einen neuen Anstieg zur Folge haben könnten. Es sei wichtig, die Einreisekontrollen „so gut wie möglich“ zu organisieren, mahnt der spanische Notfallkoordinator Fernando Simón.

          Die „neue Normalität“ Ende Juni bedeutet dann auch nicht, dass alles wieder so sein wird, wie vor dem Beginn der Pandemie. Ähnlich wie in Deutschland die Bundesländer übernehmen die 17 autonomen Regionen nun die Regie im Kampf gegen das Virus. Am Dienstag verabschiedete die Zentralregierung in Madrid ein letztes Dekret, das die Maskenpflicht, ein Abstandsgebot und einen Notfallplan, sollte es eine zweite Infektionswelle geben. Aber auch für die Spanier kehrt langsam der Alltag zurück.

          Seit dieser Woche können wieder die Stierkampfarenen öffnen, wenn auch noch mit deutlich weniger Besuchern. Bis zu den ersten Corridas des Jahres wird es deshalb noch ein wenig dauern. Ins Madrider Prado-Museum sind dagegen schon die ersten Besucher zurückgekehrt. Die meisten Säle bleiben indes geschlossen, 250 Meisterwerke hat man in der zentralen Galerie aufgehängt.

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