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Russland : Zwischen Laster und Freiheit

  • -Aktualisiert am

Der Sommer des russischen Rock’n’Roll: Amerikanische Gäste beim Weltfestival der Jugend in Moskau, 1957. Bild: INTERFOTO

Erst wurden die Verbote aufgehoben, dann kamen sie wieder: Was lehrt uns der jüngere Wandel der russischen Gesellschaft über die Pandemie? Ein Gastbeitrag.

          9 Min.

          Im Sommer 1957, vier Jahre nach Stalins Tod, fanden in Moskau die VI. Weltfestspiele der Jugend und Studenten statt. Das Taubenemblem dazu entwarf Picasso, Gabriel García Márquez war unter den Gästen. Die Begegnung der sowjetischen und der angereisten internationalen Jugend blieb als Anknüpfung an die westliche Gegenwart im Gedächtnis. Man wusste plötzlich, was Rock’n’Roll und Blue Jeans sind. Es folgten – wie nach Woodstock – „Festivalkinder“. Wenn es auch bis Ende der Sowjetunion nie wieder so locker wurde, war fortan das Leben insgesamt bunter und entspannter.

          In den Achtzigern erzählten mir ältere Ärzte, dass in ganz Leningrad vor 1957 kein positiver Syphilis-Test für Lernzwecke zu finden, danach aber die Syphilis reichlich vorhanden gewesen sei. Welche Schlussfolgerungen kann man daraus ziehen? In meinem Bekanntenkreis gab es niemanden, der gesagt hätte, man hätte diese Büchse nicht öffnen sollen. In der spätsowjetischen, im Vergleich zum Stalinismus „vegetarischen“ Zeit litten wir am meisten am fehlenden Austausch mit der Welt „draußen“. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Mehrheit der sowjetischen Ärzte der Meinung war, es gehe nicht an, wegen Tellerröcken und Rock’n’Roll einen Syphilisausbruch zuzulassen, die Gesundheit der Menschen habe die höchste Priorität. Heute wirkt dieses Dilemma unverhofft frisch. Gewiss ist nicht alles, was ähnlich ist, gleich, aber Vergleiche helfen zu verstehen.

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