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Strategie in Österreich : Testen für den Tourismus

  • -Aktualisiert am

So malerisch empfängt Weißenkirchen in Österreich seine Gäste: Durch mehr Corona-Tests in der Gewerbebranche sollen Urlauber beruhigt werden. Bild: dpa

Österreich will den Tourismus wieder ankurbeln – besonders deutsche Urlauber sind die Zielgruppe. Jede Woche sollen 65.000 Beschäftigte im Beherbergungsgewerbe auf das Coronavirus getestet werden.

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          Am Freitagmorgen, als Christian Wildeis nach wochenlanger Schließung sein Hotel wieder für Besucher öffnen darf, kommt als Erstes das Rote Kreuz. Im Hof des „Kirchenwirts“ in Weißenkirchen in der Wachau, eine Autostunde nördlich von Wien, schlagen die Lebensretter ein Zelt auf, neben der Ladestation für die E-Autos. Unter den Augen des Hoteliers, zünftig in beigefarbener Hose und grünem Jackett, breiten sie Wattestäbchen, Desinfektionsmittel, Plastikröhrchen und Namenslisten auf Tischen aus.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Wildeis und seine Crew von 20 Mitarbeitern lassen sich auf Covid-19 testen. Sie sind Avantgarde. Denn Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) will alle 65.000 Beschäftigten im österreichischen Beherbergungsgewerbe auf eine Ansteckung mit dem Virus testen lassen – und das jede Woche.

          Groß sind die Anstrengungen in Europa, den Tourismus wieder hochzufahren. Die Türkei will alle Gäste auf das Virus testen, anderswo wird von den Besuchern erwartet, dass sie einen Nachweis mitbringen, der belegt, dass sie nicht mit dem Coronavirus infiziert sind. Österreich hingegen testet sein Personal. Köstinger sagt: „Das gibt es bislang in keinem anderen Land.“

          „Denn die Gäste“, sagt Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP), „sollen sich nicht nur wohl, sondern auch sicher fühlen.“ Die Regierungschefin von Niederösterreich, wozu die Wachau mit ihren malerischen Orten und Weinbergen gehört, ist an diesem feuchtkalten Morgen ebenfalls zur verspäteten Saisoneröffnung an die Donau gekommen.

          Wöchentlich soll es Gesundheits-Zertifikate geben

          Der „Kirchenwirt“ ist eines von fünf Pilotprojekten für präventive, regelmäßige und flächendeckende Corona-Tests aller Tourismus-Beschäftigten mit Gästekontakt. Die anderen laufen im Montafon (Vorarlberg), in Spielberg (Steiermark), am Wörthersee (Kärnten) und am Wilden Kaiser (Tirol). Ischgl in Tirol war im Februar zu einem der Hotspots der Pandemie in Europa geworden. So etwas will man nicht noch mal erleben – in Tirol macht der Tourismus ein Drittel der Wirtschaftsleistung aus. Weitere Test-Regionen kommen noch dazu. Anfang Juli soll kein Hotel, kein Gasthof und keine Pension mehr im Abseits stehen müssen.

          Tourismusministerin Elisabeth Köstinger bei dem Pressetermin mit dem Roten Kreuz zu den angekündigten wöchentlichen Tests
          Tourismusministerin Elisabeth Köstinger bei dem Pressetermin mit dem Roten Kreuz zu den angekündigten wöchentlichen Tests : Bild: Paul Gruber/BMLRT/dpa

          Für alle Beteiligten sei das freiwillig, für die Betriebe kostenfrei, sagt Köstinger. Die bis zu 80 Euro je Test trägt der Staat. Selbst wenn zunächst laut Wirtschaftskammer nur die Hälfte der Hotels öffnen sollte und die Ministerin von einer Teilnehmerquote von 80 Prozent des Personals ausgeht, kommt so ein Millionenbetrag zustande, jede Woche. Doch den zahlt die Regierung gerne. Denn der Tourismus sei ein „unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor“. 152 Millionen Übernachtungen zählte Österreich 2019, davon entfielen 113 Millionen auf Ausländer und davon wiederum die Hälfte auf solche mit deutschem Pass. Deshalb soll das Testsystem zügig anlaufen, damit, wenn am 15. Juni für deutsche Urlauber wieder Reisefreiheit besteht, die Sorgen vor einer Ansteckung gering bleiben.

          Damit die Gäste auch wissen, dass das Personal mit negativem Ergebnis geprüft worden ist, will Köstinger wöchentlich aktualisierte Zertifikate ausstellen. Der Chef des „Kirchenwirts“ hält das für eine gute Idee.

          Über 50 Prozent des Umsatzes durch deutsche Urlauber

          Christian Wildeis steht im Hof, bereit, sich das Wattestäbchen für den Abstrich in den Rachen schieben zu lassen, wie vor ihm Koch und Kellner. Am Anfang habe es viel Skepsis beim Personal gegeben, sagt der Hotelier. Doch habe man die Belegschaft aufklären und überzeugen können. „Mittlerweile sehen unsere Mitarbeiter das sehr positiv.“

          In Weißenkirchen ist das vergleichsweise bequem. Hier kommen die Tester vom Roten Kreuz zum Abstrichnehmen ins Haus, zumindest auf den Parkplatz dahinter. Anderswo sollen die Beschäftigten zentrale Drive-in- oder Walk-in-Stationen aufsuchen. Die Ergebnisse sollen noch am selben Tag vorliegen. Organisiert wird das von der halbstaatlichen Wirtschaftskammer.

          Befürchtungen, die Tests für den Tourismus würden die Kapazitäten für Kranke oder Pflegeheimbewohner einschränken, tritt Köstinger entgegen. Das sei nicht der Fall, staatliche Gesundheitseinrichtungen würden nur in Anspruch genommen, falls sich bei den Tests jemand als infiziert herausstelle. Nur dann würden die Daten in die dafür vorgesehenen staatlichen Datenbanken übertragen.

          Kirchenwirt Christian Wildeis hört den Politikern aufmerksam zu. Er und seine Frau haben den denkmalgeschützten Komplex saniert, „und dann kam uns das Geschäft abhanden“. Die aktuelle Lage beschreibt er als „eher schwierig“. Mit den Tests gewinne man nun mehr Sicherheit. Das wirke sich hoffentlich positiv auf das Geschäft aus. Buchungen hat er zurzeit vor allem aus Österreich und fürs Wochenende. Das reicht nicht. Deshalb freue er sich jetzt auf die Öffnung der Grenze zu Deutschland Mitte Juni. „Die ist für uns sehr wichtig. Wir machen mehr als 50 Prozent des Umsatzes mit Gästen aus Deutschland.“

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