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Neuer Alltag in Deutschland : Ein Leben in Unsicherheit

Die Deutschen tragen jetzt Mundschutz: Rainer Robra (CDU), Sachsen-Anhalts Minister für Kultur und Chef der Staatskanzlei, während einer Pressekonferenz Bild: dpa

Der Verlust unserer Freiheiten macht uns erst bewusst, was wir an ihnen hatten. Mit einer realen Gefahr zu leben, ist uns neu. Anderswo ist das schon lange Alltag. Können wir von Menschen lernen, die in höchster Gefahr glücklich leben?

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          Wer seine Kindheit in der Bundesrepublik Deutschland der siebziger Jahre verlebt hat, der wird rückblickend in der Regel von sich sagen können, er habe ziemliches Glück gehabt. Diese Zeit des stetig wachsenden Wohlstands und frisch erkämpfter Freiheiten gab Heranwachsenden ein Grundgefühl der Geborgenheit, das nur gelegentlich erschüttert wurde durch vermeintliche Bedrohungen. So meine ich mich zu erinnern, dass ich, wohl verschreckt durch die Fernsehnachrichten oder ein irgendwo gesichtetes Fahndungsplakat, für sehr kurze Zeit haderte mit meinem Schicksal, in derselben Welt leben zu müssen wie die sogenannte Baader-Meinhof-Bande.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nachhaltiger jedoch verstörte mich die große Stechmücke. Im weitläufigen Hof hinter unserem Wohnblock, wo die Kinder sich zum Spielen trafen, war sie eines Tages angeblich herumgeschwirrt, und wer sie nicht gesehen hatte, der hatte doch auf jeden Fall von ihr gehört. In jeder Schilderung eines der Nachbarskinder wurde sie größer und gefährlicher – und die Entscheidung, sich in den Hof zu begeben, verlangte mehr und mehr Mut: Irgendwo da draußen schließlich war sie. Gestochen hat die große Stechmücke keinen von uns, und irgendwann redete niemand mehr von ihr. Heute schätze ich, dass es sich um eine Libelle handelte.

          Wagnis Autofahrt

          Heute weiß ich auch, dass die größten Gefahren für ein Kind in den Siebzigern weder die RAF noch ein falsch klassifiziertes Insekt darstellte. Ein Wagnis waren aus heutiger Sicht die Autobahnfahrten, bei denen meine Schwester und ich rittlings auf der sicherheitsgurtlosen Rückbank hockten und unseren Vater anfeuerten, sich von den Wagen hinter uns nicht überholen zu lassen, was ihn, als vorsichtigen Fahrer, zu unserem Leidwesen wenig kümmerte. So blieben wir unversehrt, und wir wurden auch nicht, wie so viele andere Kinder damals, während der Fahrt von den Erwachsenen vollgequalmt.

          Eine große Stechmücke? Oder eine Libelle? Unsere Ängste sind oft irrational.
          Eine große Stechmücke? Oder eine Libelle? Unsere Ängste sind oft irrational. : Bild: dpa

          Meine eigenen Kinder sitzen immer angeschnallt im Auto, beim Fahrradfahren tragen sie Helme. An heißen Sommertagen lassen wir sie nicht ohne Sonnenschutz ins Freie, zum Waldspaziergang bedecken wir wegen der Zecken Arme und Beine. Die Impfpässe sind lückenlos gefüllt. Bis vor wenigen Wochen haben wir ein Leben geführt, aus dem wir die Risiken weitestgehend verbannt zu haben glaubten. Zumindest jene Risiken, von denen wir wussten.

          Die Gefahr da draußen

          Damit ist es vorbei. In der U-Bahn tragen wir nun alle Masken, und wenn unsere ältere Tochter mit einer Freundin skaten geht, dann halten auch sie dabei den gebührenden Abstand. Und doch ist mir nicht ganz wohl dabei, wenn sie ohne unsere Begleitung rausgeht. Das Virus schließlich ist irgendwo da draußen, und dass es harmlos ist wie eine Libelle, das reden sich – und uns – höchstens ein paar Biologen der Marke Eigenbau ein.

          Vor wenigen Wochen noch war unter diesen Neovirologen auch der eine oder andere Risikoforscher. Eine Zunft durchaus kluger Menschen, die uns gern daran erinnern, dass wir die falschen Dinge fürchten – Flugreisen etwa, obwohl viel mehr Leute im Straßenverkehr umkommen, oder den Terrorismus, der, statistisch betrachtet, für die meisten von uns auch heute kaum gefährlicher ist als für ein Kind in den Siebzigern. Oder, wie man es eben bis vor wenigen Wochen gelegentlich hörte, das neuartige Coronavirus, das am Ende auch nicht schlimmer wüten werde als die Grippe.

          Mit der Zeckengefahr haben wir gelernt zu leben. Gewöhnen wir uns auch an Corona?
          Mit der Zeckengefahr haben wir gelernt zu leben. Gewöhnen wir uns auch an Corona? : Bild: Picture-Alliance

          Als haltbarer herausgestellt hat sich die Diagnose der Risikoforschung, dass das, was uns am meisten ängstigt, nicht ein – hoffentlich beherrschbares – Risiko ist, sondern die Unsicherheit. „Je weniger konkret die Bedrohung ist, desto größer ist die Angst“, hat es der Risikoforscher Ortwin Renn einmal formuliert. „Ist es ein Löwe oder doch ein Gnu? Es ist überlebenswichtig, das zu wissen.“ Zu unserem Pech haben wir es mit einem bislang völlig unberechenbaren Gegner zu tun, der mal als Löwe erscheint, mal als Schlange, mal als Stechmücke. Die Unsicherheit, mit wem genau wir es zu tun haben, werden wir noch geraume Zeit aushalten müssen.

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