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Neuer Alltag in Deutschland : Ein Leben in Unsicherheit

Riskanter Fortschritt

Dass wir in einer Risikogesellschaft leben, hat uns 1986 Ulrich Beck wissen lassen – in einer Zivilisation, die sich mit ihrem wirtschaftlichen und technischen Fortschritt Probleme schafft, welche sich immer schwerer beherrschen lassen. Durch Corona hätte sich der inzwischen verstorbene Soziologe bestätigt sehen können: Ohne den globalen (Dienst-)Reiseverkehr hätte sich das Virus niemals so schnell ausbreiten können. Was Beck weniger im Blick hatte: Die größten Risiken tragen beileibe nicht die modernen Gesellschaften der westlichen Welt; die Mehrheit der Erdbewohner ist schlimmeren Gefahren ausgesetzt.

Der vorübergehende Verlust unserer Freiheiten kann uns ja nur deswegen so schmerzen, weil wir sie zuvor gänzlich unbekümmert auskosten durften. Der durchschnittliche Deutsche konnte nicht nur jederzeit unbesorgt um Leib und Leben seine Wohnung verlassen und ins Restaurant gehen, er konnte sich das Essen dort auch leisten. An wie vielen Flecken der Erde, gebeutelt von despotischen Regimen, von Kriegen, Anschlägen oder Verbrechen, sollte man tunlichst nicht allein rausgehen, schon gar nicht im Dunkeln, schon gar nicht als Frau? Wie lebt es sich in einem Land wie Mexiko mit seiner schwindelerregenden Mordrate von 35588 im Jahr 2019, wo täglich fast 100 Menschen eines gewaltsamen Todes sterben? Die Gewalt, schrieb vor einigen Jahren der Psychologe Abraham Martínez González, werde oft nicht einmal mehr wahrgenommen als Störung des alltäglichen Lebens; die Mexikaner versuchten den Horror um sich herum zu verdrängen, zögen sich zurück in die eigenen vier Wände, zeigten sich zusehends desinteressiert am Schicksal der anderen.

In Indiens Hauptstadt Delhi waren schon im vergangenen November Schulen geschlossen und fünf Millionen Schutzmasken an die Schüler verteilt worden – nicht wegen Covid-19, sondern wegen des unerträglichen Smogs.

Masken gegen Smog: Delhi im November 2019
Masken gegen Smog: Delhi im November 2019 : Bild: dpa

Auch die Hauptlast des Klimawandels tragen nicht wir. Mit weitem Abstand auf Rang eins beim Weltrisikoindex, der die Gefährdung eines Staats durch Naturkatastrophen bestimmt, liegt Vanuatu, eine südpazifische Inselgruppe mit knapp 300.000 Einwohnern, die Stürmen, Erdbeben und Vulkanausbrüchen weitgehend schutzlos ausgeliefert ist. Dem zum Trotze ist Vanuatu auch beim „Happy Planet Index“ ganz vorn mit dabei, die Bevölkerung zählt zu den vier glücklichsten Nationen.

Lernen von Vanuatu

Glücklich in höchster Gefahr: Können wir von Vanuatu lernen? Kenner des Landes erklären, die Einwohner seien mit wenig zufrieden, lebten im Einklang mit der Natur und hielten die Gemeinschaft ihrer Dörfer und Familien hoch. So gesehen, sind wir, wenn wir nun mehr Waldspaziergänge machen und häufiger bei unseren Lieben durchrufen, schon mal auf einem ganz guten Weg.

Frühere Generationen haben sich gewünscht, ihren Kindern würde es dereinst besser gehen als ihnen. Ich wäre nun schon froh, wenn meine Kinder so unbeschwert leben könnten, wie ich es als Kind durfte. Danach sieht es so bald aber nicht aus. An ein Leben mit dem Virus, mahnt die Bundesregierung, müssten wir uns gewöhnen, Jens Spahn spricht von einem „neuen Alltag“. Mit mehr Risiko also und mehr Unsicherheit. Mit Zeckenspray, Sonnencreme und Mundschutz. Mit Menschen, die sich zurückziehen in die eigenen vier Wände, doch vielleicht auch mit etwas mehr Gemeinsinn.

Vanuatu ist von Covid-19-Fällen bisher anscheinend verschont geblieben, glücklich schätzen kann es sich derzeit trotzdem nicht: Anfang April wurde das Land, nicht zum ersten Mal, von einem Zyklon verwüstet. Und doch hat Vanuatu ein Zeichen der Hoffnung gesetzt: Vor einer Woche hat es erstmals in seiner Geschichte zwei Cricket-Partien im Internet übertragen, eine der Frauen und eine der Männer. Immerhin 450.000 nach Sport dürstende Zuschauer haben das irgendwo auf der Welt verfolgt, viele gewiss mit Freude, einige vielleicht auch mit ein wenig Sorge: Niemand auf dem Feld trug einen Mundschutz.

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